Gern und wiederholt wird behauptet, dass
die russische Führung die Ukraine-Krise angezettelt habe und den größten
Nutzen daraus ziehe. Dabei wird inzwischen übersehen, dass diese Krise
mit dem Nein des ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowitsch zum
EU-Assoziierungsabkommen und den daraufhin einsetzenden Protesten in
Kiew begann. Alle weiteren Ereignisse sind Folgen dieses von außen
angeheizten Konfliktes und dem diesen zuspitzenden Staatsstreich in Kiew
am 23. Februar 2014. Diese Tatsachen gehen etwas unter in der aktuellen
Berichterstattung aus der Ukraine und den Kommentaren dazu, zumindest
nach meinem Eindruck.
Interessante Stimmen und Einschätzungen dazu kommen aus den USA, u.a.
von jenen, die sich einstmals als Kalte Krieger betätigten. So
bezeichnete der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger in einem
CNN-Interview am 10. Mai 2014
es als wenig wahrscheinlich, dass ein Konflikt mit der Ukraine zu den
Plänen des russischen Präsidenten Wladimir Putin gehörte. Kissinger wies
daraufhin, dass für die Olympischen Spiele in Sotschi 60 Milliarden
Dollar ausgegeben wurden. Damit sollte gezeigt werden, dass Russland ein
normaler fortschrittlicher Staat ist. Es sei nicht möglich, „dass er
(Putin) nur drei Tage später freiwillig einen Angriff auf die Ukraine
ausführen würde“, so Kissinger „ohne Zweifel“. Er beantwortete die Frage
von Interviewer Fareed Zakaria mit Ja, ob der russische Präsident nur
auf die Ereignisse in der Ukraine reagierte, weil diese außer Kontrolle
gerieten. „Ich denke, dass er die ganze Zeit die Ukraine in einer
untergeordneten Position wünschte.“ Alle namhaften Russen, mit denen er
gesprochen habe, einschließlich der Dissidenten Alexander Solschenizyn
und Iossif Brodski, hätten „die Ukraine als einen Teil des russischen
Erbes empfunden“, fügte er hinzu. „Aber ich glaube nicht, dass er
geplant hat, es auf die Spitze zu treiben.“ Putin habe eher schrittweise
vorgehen wollen und nur reagiert auf das, was aus seiner Sicht eine
Notsituation bzw. ein Ernstfall ist. Kissinger kritisierte, dass seiner
Meinung nach die Krim von Russland annektiert worden sei. Aber er sprach
sich dafür aus, erst die Ukraine-Krise zu klären und dann über die
Beziehungen zu Russland zu diskutieren. Die Nachrichtenagentur
RIA Novosti erinnerte in ihrer
Meldung vom 11. Mai 2014 zu dem Interview, dass Kissinger zuvor in einem
Beitrag für die Washington Post davor gewarnt hatte, Putin zu dämonisieren. Das sei nur „
ein Alibi für die Abwesenheit von Politik“. Allerdings machte Kissinger in dem Beitrag Putin dafür verantwortlich, einen neuen Kalten Krieg heraufzubeschwören.
Vor einem solchen warnten ehemalige Militärs, Geheimdienst- und Sicherheitsbeamte von CIA, NSA und FBI in einem
Memorandum an US-Präsident Barack Obama am 28. April 2014.
Die „Veteran Intelligence Professionals for Sanity“ (VIPS) waren an
führender Stelle in der US-Administration für die Sowjetunion und die
Russische Föderation zuständig. Sie forderten Obama zu einem Gipfel mit
Putin auf, um die Lage diplomatisch zu entschärfen. Angesichts der
„lebendigen Erinnerungen an den Kalten Krieg und den dadurch zugefügten
Schaden für die Sicherheit der Welt“ warnten die Veteranen davor, dass
der Konflikt um die Ukraine erneut zu einer bipolaren Welt führen könne,
in der sich zwei schwerbewaffnete Supermächte gegenüberstehen. Sie
zeigten sich besorgt über die zunehmende Stimmung in der US-Politik und
den US-Medien, etwas gegen Russland unternehmen zu müssen. Das sein ein
„schlecht beratenes Gefühl und das Gegenteil von dem, was diese Nation
tun sollte, um eine konstruktive und schließlich vorteilhafte Beziehung
zu Moskau und dem Rest von Europa zu fördern“. Um eine Eskalation des
Konflikts zu vermeiden, müssten die Interessen aller Länder, auch
Russlands, beachtet werden, stellten die US-Veteranen klar. Die
russische Politik gegenüber der Ukraine – „ein Land vor Moskaus Haustür
und teilweise ethnisch russisch“ – bedrohe keine lebenswichtigen
US-Interessen und ebensowenig US-Verbündete. Die US-Regierung müsse bei
ihrer Reaktion Risiken gegenüber den Gewinnen abwägen, so die ehemaligen
Kalten Krieger. „Sanktionen sollten sehr zurückhaltend eingesetzt
werden, da ihre Wirksamkeit fraglich ist, und sie häufig nur bewirken,
gegensätzliche Positionen verhärten. Deutliche militärische Bewegungen,
ob einseitig oder in Verbindung mit der NATO, sollten vermieden werden,
da sie als Provokation gesehen werden und zugleich keine Lösung für
bestehende Meinungsverschiedenheiten bieten.“
NATO in der Ukraine gefährdet den Frieden
Die Militär- und Geheimdienstveteranen „streiten für mehr, nicht
weniger, diplomatisches Engagement“. Sie verwiesen auf ihre Erfahrungen
„als Zeugen zu vieler verpasster Chancen in den letzten mehr als 50
Jahren, in denen die Vereinigten Staaten - zu unserem Bedauern - sich zu
oft auf der falschen Seite der Geschichte befand“. Dazu zählten sie
u.a. das Fiasko in der Scheinbucht 1961, ebenso die rücksichtslose
Unterstützung von antikommunistischen Gruppen und Parteien in Europa
durch die USA, die die jungen Demokratien geschwächt und Korruption
befördert hätten, aber auch die abgelehnten Vorschläge von Michail
Gorbatschow für eine weltweite vollständige nukleare Abrüstung. Die
Veteranen kritisierten in ihrem Memorandum wie schon andere vor ihnen,
dass nach dem Fall der Sowjetunion die USA und der Westen Vereinbarungen
ignorierte, NATO und EU nicht auf das Gebiet des einstigen Warschauer
Vertrages auszudehnen. „Die Vergewaltigung der russischen Wirtschaft in
den 1990er Jahren, von westlichen "Unternehmer" in Zusammenarbeit mit
lokalen Oligarchen durchgezogen, folgte. Es wurde als "Schocktherapie"
zu der Zeit beschrieben, aber die meisten Russen sahen die Ereignisse
genauer als Großplünderung, die das aktuelle Misstrauen gegenüber dem
Westen anfüllte.“
Es sei kaum von Russland zu erwarten gewesen, schrieben die Veteranen
an Obama, dass es den von Washington de facto geförderten und
ausgeführten Regimewechsel in der Ukraine mit dem Sturz der gewählten
Regierung ignoriert. Die fortgesetzten Bemühungen des Westens, die
Ukraine in die NATO einzubeziehen, wären eine Garantie für die russische
Feindseligkeit für viele kommende Jahre. Es handele sich für Moskau um
existenzielle Angelegenheiten. Die Veteranen erinnerten dabei an die
„Monroe-Doktrin“ der USA, die im „eigenen Hinterhof“ durchgesetzt wurde.
Die aktuelle Situation müsse nicht außer Kontrolle geraten, stellten
sie fest und verwiesen auf die russische Bereitschaft zusammenzuarbeiten
am Beispiel der Vernichtung der syrischen Chemiewaffen und in der Frage
der iranischen Atomforschung. Das könnte die Kooperationen auch bei
anderen gemeinsamen Interessen fördern.
Die Veteranen erinnerten den aktuellen US-Präsident daran, dass die
Krim seit dem späten 18. Jahrundert zu Russland gehörte und die Übergabe
an die Ukraine durch Nikita Chrustschow 1954 ohne Volksabstimmung
erfolgte und „nicht mehr als ein formaler Akt“ in der zentral von
Moskau geführten UdSSR gewesen sei. Erst mit deren Zusammenbruch 1991
sei die Krim an die Ukraine gegangen und die Krimbewohner waren
plötzlich nicht mehr Bürger Russlands. Der russische Präsident Putin
habe in seiner Rede am 18. März darauf hingewiesen, dass Russland die
Situation 1991 „demütig akzeptiert“ habe und durch „harte Zeiten“ ging
und realisieren musste, dass es seine eigenen Interessen nicht schützen
konnte. Dazu sei es heute in der Lage, stellten die US-Veteranen fest.
Es werde eine Einbeziehung der Ukraine in die NATO nicht akzeptieren.
Sollte das fortgesetzt angestrebt werden, würde Europa nicht sicherer
werden und die Gefahr eines Krieges steigen.
Lange Liste von Provokationen
Die ehemaligen Militärs und Geheimdienstler empfahlen in ihrem
Memorandum dem US-Präsidenten einen „wichtigen Schritt“: Er solle
anregen, den einen Passus aus der Bukarester Deklaration der NATO vom 3.
April 2008 zurückzunehmen. In diesem wurde begrüßt, dass die Ukraine
und Georgien Mitglieder des Militärbündnisses werden wollen und ihnen
zugesagt, dass sie als solche aufgenommen werden. Die Veteranen
forderten, einen „kühlen Kopf“ zu bewahren. „Eine deutliche Zahl von
militärischen Einheiten in die Nachbarländer der Ukraine zu senden
bedeutet, Benzin auf bisher relativ isolierte und begrenzte Feuer zu
gießen, besonders in der Ostukraine.“ Die "zerbrechliche" Übereinkunft
von Genf vom 17. April 2014 ist aus ihrer Sicht weiterhin die Grundlage
für Diskussionen der Staatsführer. Diese müsse Provokationen, „Machismo“
und Eskalationen verhindern, wie sie vor hundert Jahren zu dem Krieg
führten, der das „Ende aller Kriege“ sein sollte. „Zwei Jahrzehnte
später kam es zum Zweiten Weltkrieg“, erinnerten die US-Veteranen. Sie
hatten schon
im September 2013 in einem Appell vor einem Angriff auf Syrien gewarnt: "Assad war nicht verantwortlich für den Chemiewaffenvorfall".
Auch der ehemalige CIA-Chef und Kriegsminister, wie er sich selber
nennt, Robert Gates gehört zu den Kritikern des aktuellen
Konfrontationskures der US-Regierung gegenüber Russland. In seiner
Anfang dieses Jahres erschienenen
Biografie „Duty – Memoirs of a Secretary at War“
schreibe er, dass die Beziehungen zu Russland durch das Weiße Haus
„schlecht gemanagt“ worden seine. Das berichtete Pierre Heumann in einem
Beitrag über die „Späte Einsicht eines kalten Kriegers“ in der
Schweizer
Weltwoche vom 30. April 2014. Gate bezeichne es in
dem Buch als „arrogant“, wie US-amerikanische Politiker, Akademiker und
Geschäftsleute den Russen erklärten, wie sie ihre innen- und
außenpolitischen Probleme zu lösen hätten. Der Westen habe das Ausmaß
der russischen Erniedrigung nach dem Zerfall der Sowjetunion „krass
unterschätzt“. Gates führe eine lange Liste US-amerikanischer
Provokationen gegenüber Russland auf, darunter die schnelle Aufnahme
ehemaliger Mitgliedsländer des „Warschauer Vertrages“ in die NATO. Auch
die in Abkommen mit Rumänen und Bulgarien Zusage, in beiden Ländern
jeweils 5ooo US-Soldaten zu stationieren, bezeichne der
Ex-Kriegsminister als „eine unnötige Provokation“. Georgien und die
Ukraine in die NATO aufnehmen zu wollen, sei „ganz klar eine
Überreaktion“.
Gerade im Fall der Ukraine handele es sich um „eine spezielle monumentale Provokation“, schreibt Gates laut
Weltwoche
und erinnert daran, dass die Wurzeln Russlands auf Kiew im 9.
Jahrhundert zurückgehen. Die NATO-Expansion sei ein „politischer Akt“
und ein „nicht sorgfältig durchdachtes militärisches Engagement“. Hinzu
komme, ergänzte
Weltwoche-Autor Heumann: „Als ob es Russland
nicht gäbe, wurden seine Nachbarn zur Mitgliedschaft in der EU
eingeladen. Auf die Empfindlichkeiten Russlands wird auch jetzt keine
Rücksicht genommen.“ Und: Wenn sich der Westen – wie in der Ukraine – in
Russlands unmittelbarer Nachbarschaft einmische, werde das in Moskau
„gar als Planspiel für die nächste Revolution“ im eigenen Land gesehen.
Gates äußere in seinem Buch Verständnis für Putin, der den Vertrag für
konventionelle Streitkräfte in Europa (KSE) von 1990 als
„Kolonialvertrag“ bezeichnete, der Russland aufgezwungen sei. Mit diesem
wird die Souveränität Russlands, die eigenen Truppen im eigenen Land
frei zu verschieben, eingeschränkt. Washington hätte eine analoge
Begrenzung für die US-Truppen nicht akzeptiert, so Gates in seinem Buch,
in dem er laut Heumann feststellt: „Wir haben die Interessen Russlands
damals nicht ernst genommen.“
Ein vergesslicher US-Präsident
„Als die Sowjetunion Ende 1991 zusammenbrach, wollte
[Verteidigungsminister Dick Cheney] nicht nur die Zerstückelung der
Sowjetunion und des russischen Reiches, sondern von Russland selbst
sehen, so dass es nie wieder eine Gefahr für den Rest der Welt sein
kann." Auch das ist in Gates‘ Buch zu lesen, wie William Blum in seinem
neuesten
„Anti-Empire Report #128“
vom 9. Mai 2014 schrieb. Das sei ein frühes Zeichen für den neuen
Kalten Krieg gewesen, „während die Leiche noch warm war“. Bald darauf
habe die NATO begonnen, Russland mit Militärbasen, Raketenstellungen und
NATO-Mitgliedern zu umgeben, dabei schmachtend nach dem wichtigsten
Teil, um den Kreis zu schließen – der Ukraine. Blum war Mitarbeiter des
US-Außenministeriums und überzeugter Antikommunist, bevor er zum
Kriegsgegner wurde. Er ist Autor des Buches „Killing Hope“ über die
weltweiten verdeckten und offenen Interventionen der USA seit 1940 (
gerade in zweiter aktualisierter Auflage auf deutsch erschienen).
In seinem aktuellen „Anti-Empire Report“ erinnerte Blum daran, dass
Victoria Nuland vom US-Außenministerium in ihrem abgehörten „Fuck the
EU“-Telefonat mit dem US-Botschafter in der Ukraine, Geoffrey Pyatt,
Arseni Jatzenjuk als Wunschkandidaten für den Posten des neuen
Regierungschefs bezeichnete. Es sei „einer der bemerkenswertesten
Zufälle“, dass nach dem Staatsstreich in Kiew Jatzenjuk der neue
Regierungschef wurde. Sofort sei er mit dem US-Präsidenten und dem
NATO-Generalsekretär zusammengetroffen, ebenso mit den „neuen
Eigentümern der Ukraine“ von Weltbank und Internationalem Währungsfonds
(IWF), die bereits ihre Standard-Schocktherapien für das Land
vorbereiteten. Die jetzigen Demonstranten in der Ukraine müssten nicht
Wirtschaft studiert haben, um zu wissen, was das bedeutet, stellte Blum
klar. „Sie wissen um die Verarmung von Griechenland, Spanien, usw. Sie
verachten das neue Regime auch für dessen Sturz der demokratisch
gewählten Regierung, unabhängig von ihren Mängeln. Aber die
amerikanischen Medien verschleiern diese Motivationen, in dem sie sie
stets einfach als "pro- russisch" bezeichnen.“ Blum verwies auch darauf,
dass US-Präsident Obama in seiner Pressekonferenz am 2. Mai mit Blick
auf die Ukraine sagte: „Wir sind vereint in unserem unerschütterliches
Engagement gemäß Artikel 5 für die Sicherheit unserer NATO-Verbündeten.“
„Hat der Präsident vergessen, dass die Ukraine (noch) nicht Mitglied
der NATO ist?“, fragte Blum. Obama habe außerdem trotz des
Staatsstreiches von einer „ordnungsgemäß gewählten Regierung in Kiew“
gesprochen, zu der vier Mitglieder extremrechter Neonazi-Parteien
gehören.
Es gebe einen „wichtigen Unterschied“ zwischen dem alten und dem
neuen Kalten Krieg: Das US-amerikanische Volk wie auch alle anderen in
der Welt könnten nicht mehr so leicht wie früher einer Gehirnwäsche
unterzogen werden. Während des Kalten Krieges hat Blum eine „merkwürdige
Beobachtung“ gemacht: Die Sowjetunion habe anscheinend mehr über die
Taten der USA gewusst als die US-Amerikaner selbst. Alle Anschuldigungen
aus Moskau an Washington, für die zahlreichen Staatstreiche und
Attentate in Asien, Afrika und Lateinamerika verantwortlich zu sein,
seien als „kommunistische Propaganda“ abgetan worden. Bei der Arbeit an
der ersten Ausgabe von „Killing Hope“ in den 1980er Jahren habe er
festgestellt, dass die die Vorwürfe stimmten und die Realität diese noch
übertrafen. Durch die unzähligen Enthüllungen in den beiden letzten
Jahrzehnten über die US-Verbrechen seien die Menschen heute skeptischer
gegenüber des US-amerikanischen Verkündungen und den kriecherischen
Medien.
Ausgerechnet Obama habe unlängst behauptet, dass die weltweite
Verurteilung wegen der Vorgänge auf der Krim zeige, dass Russland auf
der falschen Seite der Geschichte stehe. „Das kommt von dem Mann, der
Partner ist von Dschihadisten und Nazis und Krieg gegen sieben Nationen
geführt hat.“ Die verzerrte Sicht der US-Amerikaner auf den Rest der
Welt kann viel Schaden anrichten, befürchtet der Autor. „Die meisten
Amerikaner und Mitglieder des Kongresses sind selbst überzeugt davon,
dass die US/NATO-Einkreisung Russlands gutartig ist – wir sind
schließlich die guten Jungs – und sie verstehen nicht, warum Russland
das nicht sieht.“ Beim ersten Kalten Krieg sei es um die „Eindämmung“
des Kommunismus gegangen. Der neue sei mehr so etwas wie eine
militärische Strategie, bei der es Washington um die Barrieren gehe, die
das immer weiter expandierende Imperium samt seiner Basen und
militärischen Bedürfnisse behindern. Blum hält es für unerlässlich, dass
die US-Regierung auf den Wunsch verzichtet, die Ukraine und auch
Georgien in die NATO einzugliedern. "Nichts bringt wahrscheinlicher eine
große Zahl russischer Stiefel auf ukrainischen Boden als die
Vorstellung, dass Washington NATO-Truppen genau an der russischen Grenze
und in unmittelbarer Nähe zur für das Land historisch wichtigen
Schwarzmeer-Marinebasis auf der Krim haben muss.“
McCovern weist daraufhin, dass vor allem US-Präsident Bill Clinton aus innenpolitischen Gründen die NATO-Erweiterung betrieb. George Kennan, ebenfalls einstiger US-Botschafter in Moskau, habe 1997 die NATO-Erweiterung als "verhängnisvollsten Fehler der US-Politik in der Ära nach dem Kalten Krieg" bezeichnet. "Eine solche Entscheidung kann voraussichtlich die nationalistischen, antiwestlichen und militaristischen Tendenzen in der russischen Meinung entzünden; eine nachteilige Wirkung auf die Entwicklung der russischen Demokratie haben; die Atmosphäre des Kalten Krieges in Ost-West-Beziehungen wiederherstellen und die russische Außenpolitik in Richtungen drängen, die nicht nach unserem Geschmack sind."
Der CIA-Veteran macht ebenfalls darauf aufmerksam, dass der Keim für die aktuelle Ukraine-Krise im April 2008 auf dem NATO-Gipfel in Bukarest gelegt wurde, als dort erklärt wurde, Georgien und die Ukraine in die NATO aufzunehmen. Lawrow habe zwei Monate vorher US-Botschafter William J. Burns vor den Folgen gewarnt, wie ein kürzlich von Wikileaks veröffentlichter Bericht von Burns vom 1.2.2008 belegt. Eine fortgesetzte Osterweiterung der NATO werde Russland als mögliche militärische Bedrohung sehen. Die NATO in der Ukraine sei für Russland ein neuralgisches und emotionales Thema, habe Lawrow gemeinsam mit anderen russischen Diplomaten deutlich gemacht. Es gehe dabei auch um strategische Fragen. Burns machte in seinem Bericht auch auf Befürchtungen aufmerksam, dass in der Folge die Ukraine gespalten werden könnte, es zu Gewalt und Bürgerkrieg kommen könnte, was Russland dazu bringen könnte, zu intervenieren. „Russland hat deutlich gemacht, dass es seine gesamten Beziehungen mit der Ukraine und Georgien ernsthaft prüfen müsste im Falle, dass die NATO sie einlade, Mitglied zu werden. Dies könnte erhebliche Auswirkungen auf das Energie-, Wirtschafts-, und politisch-militärische Engagement haben, mit möglichen Auswirkungen auf die gesamte Region und in Mittel- und Westeuropa." Dennoch habe der NATO-Gipfel in Bukarest Georgien und der Ukraine eine NATO-Mitgliedschaft zugesagt. McCovern fordert dazu auf, nun US-Präsident Barack Obama klar zu machen, dass „noch größere Probleme bevorstehen, wenn die nationalen Sicherheitsinteressen Russlands nicht berücksichtigt werden“.
Dem steht leider entgegen, was ein anderer Geheimdiensveteran, der ehemalige MfS-Kundschafter bei der NATO Rainer Rupp, am 15. Mai 2014 in der jungen Welt beschrieb: "Die USA wollen die Ukraine zu einem permanenten Krisengebiet unterhalb der Kriegsschwelle verwandeln. Rußland wird dadurch bedroht, russophobe osteuropäische Staaten paktieren mit Washington, und Berlin verliert in der Region an Einfluß" Rupp tut das, was er hervorragend kann: Er analysiert die unterschiedlichen Interessen. "Gerne wird die Ukraine im Westen als eines der »strategisch bedeutsamsten Territorien der Welt« bezeichnet. Das trifft nur aus der Sicht Rußlands zu, und auch dann nur im Rahmen seiner Defensivstrategie, aber nicht für offensive Welteroberungspläne, die westliche Kriegstreiber Moskau unterstellen. Laut dem privaten US-Nachrichtendienst Stratfor, dessen Mitarbeiter enge Kontakte zu ihren Kollegen in den Geheimdiensten wie Außenministerien der USA und anderer NATO-Länder pflegen, »hat die Ukraine für eine moderne Macht, die keine bösen Absichten gegen Rußland hegt, nur geringen strategischen Wert«. Für eine feindliche Macht stellt die Ukraine jedoch das Einfallstor in das Territorium Rußlands dar und ist somit eine tödliche Bedrohung."
Sein Fazit: "Inzwischen ist es Washington gelungen, die Rolle Deutschlands und der EU in der Ukraine zu marginalisieren. Selbst wenn Berlin stärker auf die Forderungen der Polen und anderen Osteuropäer nach mehr Konfrontation gegenüber Moskau eingehen wollte, um sie im von Deutschland zentrierten EU-Raum zu halten, mit der antirussischen Eskalationspolitik der Amerikaner könnte es nicht mithalten. Denn Washington sucht mit Rußland eine Konfrontation knapp unterhalb der Kriegsschwelle. Um dabei mitzumachen, ist trotz Kriegsgeschrei der »Qualitätsmedien« der innenpolitische Widerstand in Deutschland, Frankreich und dem Rest der EU zu groß."