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Sonntag, 7. Dezember 2014

Nachrichtenmosaik Ukraine Folge 100

Gesammelte Nachrichten und Informationen zu den Ereignissen in der Ukraine und deren Hintergründen, ohne Gewähr und Anspruch auf Vollständigkeit und fast ohne Kommentar (aktualisiert: 21:43 Uhr)

• US-Kongress: Russland ist Aggressor
"In den USA hat man unverzüglich auf die Botschaft des Präsidenten Russlands, Wladimir Putin, an die Föderalversammlung geantwortet, und zwar mit Kommentaren des State Departements und der antirussischen Entschließung 758 des Repräsentantenhauses des USA-Kongresses. Das Dokument enthält die inakzeptable Charakteristik Russlands als eines Aggressors, dort wird eine Reihe von Maßnahmen zur politischen, wirtschaftlichen und militärischen Schwächung Russlands ins Auge gefasst. ..." (Stimme Russlands, 7.12.14)
Die Resolution 758 wurde im US-Kongress am 4.12.14 mit einer Mehrheit von 411 zu 10 Stimmen verabschiedet.
Das österreichische Contra-Magazin berichtete bereits am 5.12.14 darüber: "USA auf Kriegspfad: Abgeordnete ebnen den Weg für einen Krieg mit Russland".


• Heftige Kämpfe und tote Zivilisten in Ostukraine
"In der Ostukraine sind bei Gefechten mindestens acht Zivilisten getötet und Teile der Energieversorgung zerstört worden. Reparaturtrupps seien zu den Leitungen ausgerückt, weil Tausende Menschen bei eisigen Temperaturen in ungeheizten Wohnungen ausharren müssten, teilte die Stadtverwaltung der Separatistenhochburg Donezk am Sonntag mit. Bei den Kämpfen zwei Tage vor einer geplanten Waffenruhe seien zehn Zivilisten verletzt worden, acht Menschen starben. Armee und Aufständische gaben sich gegenseitig die Schuld.
Beobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) im Raum Donezk berichteten erneut von mehreren Militärkolonnen mit insgesamt 100 Lastwagen, die sich ohne Kennzeichen in der Krisenregion bewegt hätten. Der Westen wirft Russland vor, mit Konvois mit Waffen und Kämpfern die moskautreuen Aufständischen zu unterstützen. Die Separatisten betonen jedoch, die Lastwagen von der ukrainischen Armee erbeutet zu haben. ..." (Spiegel online, 7.12.14)

• Poroschenko übergibt Panzer für die "Befreiung" an die Kiewer Truppen
"Mit Dutzenden neuen Panzern und Hubschraubern hat sich die ukrainische Armee kurz vor Wintereinbruch für den weiteren Kampf gegen prorussische Separatisten gerüstet. Staatspräsident Petro Poroschenko übergab das Kriegsgerät dem Militär bei einer Zeremonie auf dem Flugplatz von Tschugujew nahe der Großstadt Charkow, die Sitz eines Panzerwerks ist.
Offiziell gilt eine Waffenruhe in den Regionen Donezk und Lugansk, aber die Feuerpause ist brüchig - fast täglich sterben Kämpfer, Soldaten und Zivilisten.
Am Tag der Streitkräfte stellte Poroschenko unter anderem mehr als 31 neue Panzer in Dienst. Darunter sind Kettenfahrzeuge des Typs T-72, deren Elektronik und Navigationsausrüstung modernisiert wurden. Auch Panzer des Typs T-64 wurden übergeben; sie verfügen über eine automatische Ladeeinrichtung und verbesserten Splitterschutz. Des weiteren kann die Armee künftig Schützenpanzer der Typen SPW-3e und SPW-4e einsetzen. Poroschenko stellte auch Haubitzen 2C1 sowie Mehrzweckhubschrauber Mi-8 und Mi-2 in Dienst.
«Mit diesen mehr als 100 technischen Kampfmitteln und Ihrer Liebe zur Heimat rückt die Stunde der Befreiung unseres Landes von den Feinden näher», sagte der Präsident. Er gebe aber die Hoffnung auf eine diplomatische Lösung des schweren Konflikts nicht auf." (Europeonline, 7.12.14)

• Hollande und Putin mit "Botschaft der Entspannung"
"Der russische Präsident Wladimir Putin sieht eine Waffenruhe in der Ostukraine in greifbarer Nähe. Er hoffe "auf eine Verbesserung in naher Zukunft", sagte er am Samstag nach einem Treffen mit seinem französischen Kollegen Francois Hollande in Moskau. "Frankreich und Russland sind für ein sofortiges Ende es Blutbades", sagte der Kreml-Chef.
Hollande sagte, er wolle gemeinsam mit Putin eine "Botschaft der Entspannung" senden, "und heute ist sie möglich". Notwendig seien indes "nicht nur Fortschritte, sondern Ergebnisse". Putin betonte, dass Russland die territoriale Integrität des Nachbarlandes unterstütze, forderte aber zugleich ein Ende der ukrainischen Blockade der separatistischen Gebiete in Donezk und Luhansk. Sollte die Wirtschaftsblockade weitergehen, werde es schwer, die territoriale Unversehrtheit der Ukraine wiederherzustellen, sagte er.
Russland wirft der Ukraine vor, seit Wochen selbst eine Abspaltung des Konfliktgebiets voranzutreiben. Die Separatistengebiete und die Ukraine seien aufeinander angewiesen, betonte Putin. Unter anderem müssten auch Banken wieder ihre Arbeit aufnehmen, damit sich ein normales Leben entwickeln könne. Außerdem müsse die Ukraine wieder Kohlelieferungen aus dem Donbass zulassen.
Putin und Hollande hatten sich auf Bitten des Elysee-Chefs am Moskauer Flughafen getroffen, Hollande legte dafür einen Zwischenstopp auf seiner Rückreise aus Kasachstan ein. ..." (Wiener Zeitung online, 7.12.14)

• Kiew hat eigene Truppen nicht unter Kontrolle
"Die ukrainische Regierung und die Separatisten werfen einander den Beschuss von Zivilisten vor. Tatsächlich spricht einiges dafür, dass auch Kiew seine Soldaten nicht vollständig unter Kontrolle hat. ...
Russland und die Ukraine schieben sich wechselseitig die Schuld am Leiden der Bevölkerung zu. Moskau behauptet, die Ukrainer bombardierten Donezk, um friedliche Menschen zu terrorisieren. Die ukrainische Armee erklärte abermals in dieser Woche, es seien stets die Separatisten, die zuerst feuerten. Die Armee schieße zwar zurück, aber nur „wenn sich im Zielgebiet keine Zivilbevölkerung“ aufhalte. Die Granaten, die in Donezk einschlugen, hätten nicht die Streitkräfte, sondern die Separatisten abgefeuert, die durch solche „Provokationen“ die Bevölkerung gegen Kiew aufbringen wollten.
Wer schießt, ist stets unklar. Eindeutig ist nur, dass es Opfer gibt, auf beiden Seiten. Auf die von Russland gestützten Kämpfer fällt der Tatverdacht dann, wenn Gebiete unter ukrainischer Kontrolle getroffen werden. Das kommt immer wieder vor, nicht nur in Piski. Die UN erwähnen in ihrem jüngsten Monatsbericht etwa einen Artillerieangriff auf das von Ukrainern gehaltene Dorf Sartana, bei dem sieben Teilnehmer eines Trauerzuges getötet wurden, und die Menschenrechtsorganisation „Human Rights Watch“ stellt fest, bei einem Angriff auf ukrainische Truppen im Ort Starobeschewe seien durch Streubomben, eine international geächtete Waffe, drei Zivilisten getötet worden. „Die Umstände“ legten dafür eine Verantwortung Russlands oder der Separatisten nahe. Die Reihe der Beispiele ließe sich fortsetzen. ...
Der Vorwurf des „Selbstbeschusses“ der Separatisten zu Propagandazwecken ist zwar nicht völlig von der Hand zu weisen; Zeugen aus der Bevölkerung, die allerdings aus Sorge um ihre Sicherheit ihre Namen nicht nennen wollten, haben dieser Zeitung gegenüber in zwei Fällen angegeben, sie hätten mit eigenen Augen beobachtet, wie prorussische Kämpfer das eigene Gebiet beschossen hätten - einmal in Slawjansk und einmal in Luhansk. Allerdings sind solche Berichte kaum überprüfbar, und in den Luftschutzkellern von Donezk halten die meisten Bewohner, mit denen diese Zeitung Ende November sprach, solche Darstellungen für Unfug. Hier herrscht die Ansicht vor, für die Zerstörungen seien die ukrainischen Truppen jenseits der Stadtgrenze verantwortlich.
Beweise gibt es für die eine Theorie so wenig wie für die andere. Unbestreitbar ist nur, dass täglich Wohngebiete bombardiert werden, und vieles spricht dafür, dass hier auch die ukrainische Armee, sosehr sie auch die Legitimität ihres Kampfes gegen die russische Intervention im Donbass hervorhebt, nicht immer die Verhältnismäßigkeit der Mittel wahrt. Die Zerstörung mancher Donezker Außenbezirke ist zu großflächig für die Theorie der „Provokation“. Würden die Separatisten im großen Stil auf von ihnen selbst kontrollierte Gebiete schießen, wäre das nicht unbeobachtet geblieben. Es hätte sich in Donezk herumgesprochen. Außerdem haben aufgefundene Geschosse und Krater immer wieder einen Beschuss aus Richtung der ukrainischen Stellungen vermuten lassen. Der bekannteste Fall war hier die Tragödie der Schule Nummer 63 im Donezker Flughafenviertel, wo am 5. November zwei Teenager durch Granaten getötet wurden. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) stellte damals fest, dass die Granaten von einem Punkt im Nordwesten abgefeuert worden seien - und ein Blick auf den Stadtplan zeigt, dass dort Piski liegt, der Stützpunkt der ukrainischen Truppen. ..." (FAZ online, 6.12.14)

• Desaströse Wirtschaftslage der Ukraine
"Vor knapp zwei Wochen hatte es die Chefin der Ukrainischen Zentralbank, Walerija Gontarewa, zugegeben: Der Goldschatz des Landes hat sich in Luft aufgelöst (jW berichtete). Das blieb nicht ohne Folgen. Nach einer Zeit ungläubigen Staunens und öffentlicher Wutausbrüche wurde am Dienstag dieser Woche die Staatsanwaltschaft von Kiew vom Gericht der Stadt angewiesen, eine Untersuchung gegen Gontarewa wegen »Machtmissbrauchs und unberechtigter Bereicherung« in die Wege zu leiten. Diese Klage dürfte jedoch ebensowenig Aussicht auf Erfolg haben wie die der US-Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW), die vor Monaten gegen die ukrainische Armee Anzeige wegen Kriegsverbrechen (Einsatz von Streubomben) erstattet hatte.
Zeugenaussagen zufolge war das Gold (21 Tonnen) am 7. März in einer Nacht- und Nebelaktion um zwei Uhr früh von schwerbewaffneten, maskierten Männern in ein Flugzeug geladen worden, das dann in Richtung USA entschwunden ist. »Man darf gespannt sein, wie lange es dauern wird«, bis dieser oder ähnliche Vorfälle auch in der Ukraine »den Funken der Konterrevolution entzünden«, ätzte der unter dem Pseudonym Tyler Durden im US-Investmentportal Zero Hedge auftretende Blogger am 2. Dezember. In Ägypten habe es weniger als ein Jahr gedauert, »bis sich die Bevölkerung gegen die Marionetten erhoben hat, die ihnen von der CIA und dem US-Außenministerium aufgezwungen worden sind«. Solche Überlegungen könnten auch Olena Schtscherbakowa, Leiterin der Geldabteilung der Zentralbank, veranlasst haben, Anfang der Woche ohne Angabe von Gründen ihren gutbezahlten Job niederzulegen. ...
Die Wirtschaft des Landes wird in diesem Jahr zehn Prozent weniger ausstoßen als 2013. Die Ökonomie der Ukraine sei »akut gefährdet«, hieß es bereits im September-Bericht des Internationalen Währungsfonds (IWF). Hinzu kommt, dass seither auch die zweite Militäroffensive der Junta im Osten kläglich scheiterte und nur hohe Verluste und Kosten zur Folge hatte. Zugleich fördert das gesellschaftliche und politische Chaos die Schattenwirtschaft, was den Steuereinnahmen nicht gut bekommt. ...
Während die Arbeitslosigkeit weiter steigt, sind die Einkommen gefallen. Oft werden Löhne gar nicht mehr gezahlt. Dafür erhöhen sich die Preise umso stärker, für Heizgas um 63 Prozent seit Dezember 2013. Der Strom verteuerte sich um elf Prozent, die medizinische Versorgung um 24, Kraftstoffe und Öle für den Transport um 55 Prozent. Die offizielle Inflationsrate liegt für dieses Jahr bei rund 19 Prozent. ...
Im September-Bericht hat der IWF bereits der EU den Schwarzen Peter zugeschoben. Ohne die Erfüllung der vom Währungsfonds von Kiew verlangten Strukturreformen seien der Organisation für weitere Finanzhilfen weitgehend die Hände gebunden. Deshalb sollen die Steuerzahler der EU das von Faschisten durchsetzte und US-hörige Regime in Kiew finanziell über Wasser halten. ..." (junge Welt, 6.12.14)

• Putin: Wozu dieser Staatsstreich?
Die Tageszeitung junge Welt hat in ihrer Ausgabe vom 6.12.14 den ersten Teil der Rede des rusischen Präsidenten Wladimir Putin vom 4.12.14 auf deutsch veröffentlicht, übersetzt von Helmut Ettinger. Darin sagte Putin zur Ukraine u.a.:
"... Heute müssen wir natürlich auch unsere Einschätzung der Entwicklung in der Ukraine darlegen und zum wiederholten Male erklären, wie wir die Beziehungen zu unseren Partnern in aller Welt gestalten wollen.
Bekanntlich hat Russland die Ukraine und andere Bruderrepubliken der ehemaligen UdSSR an der Wende der neunziger Jahre in ihrem Streben nach Souveränität unterstützt, ja, diesen Prozess in bedeutendem Maße gefördert. Seitdem hat sich an unserer Haltung dazu nichts geändert.
Jedes Volk hat das unveräußerliche, souveräne Recht auf einen eigenen Entwicklungsweg, auf die Wahl seiner Verbündeten, auf die Entscheidung über die Formen der politischen Organisation seiner Gesellschaft, auf die Entwicklung seiner Wirtschaft und die Gewährleistung seiner Sicherheit. Russland hat dieses Recht immer respektiert und wird es auch weiterhin respektieren. Das gilt in vollem Maße auch für die Ukraine und das ukrainische Brudervolk.
Ja, wir haben den Staatsstreich, die gewaltsame Machtergreifung, in Kiew im Februar dieses Jahres verurteilt. Und was wir heute in der Ukraine sehen, die Tragödie im Südosten des Landes, bestätigt voll und ganz, wie recht wir damit hatten.
Womit hat alles angefangen? Daran muss ich heute erinnern. Man mag kaum glauben, womit es angefangen hat – offenbar mit der technischen Entscheidung von Präsident Janukowitsch, die Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens der Ukraine mit der Europäischen Union zu verschieben. Ich betone, dabei ging es nicht darum, dieses Dokument abzulehnen, sondern lediglich darum, den Termin zu verschieben, um weiter daran zu arbeiten. Das geschah – daran sei erinnert – in voller Übereinstimmung mit den verfassungsmäßigen Vollmachten eines absolut legitimierten und international anerkannten Staatsoberhauptes.
Wie kann man angesichts dessen eine bewaffnete Machtergreifung, Gewalt und Morde unterstützen? Man denke nur an die blutigen Geschehnisse von Odessa, da Menschen bei lebendigem Leibe verbrannt wurden. Wie kann man die dann folgenden Versuche unterstützen, die Menschen im Südosten des Landes, die etwas gegen diese Ungeheuerlichkeiten hatten, mit Waffengewalt zu unterdrücken? Ich wiederhole: Wie kann man so etwas unterstützen? Und dazu noch dieses heuchlerische Gerede vom Schutz des Völkerrechts und der Menschenrechte. Das ist reiner Zynismus. Ich bin sicher, das Volk der Ukraine wird diese Geschehnisse noch einmal bewerten, wie sie es verdienen.
Wie hat sich der Dialog mit unseren amerikanischen und europäischen Partnern zu diesem Thema von Anfang an gestaltet? Nicht zufällig erwähne ich hier die amerikanischen Freunde, denn sie nehmen ständig – ob nun direkt oder hinter den Kulissen – Einfluss auf unser Verhältnis zu den Nachbarstaaten. Manchmal weiß man gar nicht, mit wem man reden soll – mit den Regierungen einiger Länder oder gleich mit deren amerikanischen Schutzherren und Geldgebern. Über das Assoziierungsabkommen der Ukraine mit der EU hat es überhaupt keinen Dialog gegeben, das habe ich bereits erwähnt. Uns hat man gesagt, das gehe uns nichts an. Volkstümlich gesprochen, hat man uns einfach zum Teufel geschickt. Unsere Argumente, dass Russland und die Ukraine der Freihandelszone der GUS-Staaten angehören, dass wir eine tiefgreifende Kooperation in Industrie und Landwirtschaft und faktisch eine einheitliche Infrastruktur haben, was sich historisch so herausgebildet hat – all das wollte niemand bedenken, ja nicht einmal hören.
Da haben wir gesagt: In Ordnung, wenn sie mit uns keinen Dialog führen wollen, dann sehen wir uns gezwungen, unsere legitimen Interessen einseitig zu schützen. Wir denken nicht daran, für eine aus unserer Sicht falsche Politik auch noch zu zahlen.
Im Ergebnis dessen wurde das Abkommen zwischen der Ukraine und der Europäischen Union unterzeichnet und ratifiziert, doch das Inkrafttreten des Handels- und Wirtschaftsteils ist bis zum Ende des nächsten Jahres ausgesetzt. Hatten wir insgesamt also doch recht?
Da fragt man sich: Wozu ist das alles in der Ukraine geschehen? Wozu dieser Staatsstreich? Wozu hat man geschossen, schießt man noch immer und bringt noch immer Menschen um? Im Grunde genommen wurden die Wirtschaft, die Finanzen und der soziale Bereich zerstört, wurde das Land ruiniert. ..."
Der Blogger Der Unbequeme hat den Text der Putin-Rede vollständig auf deutsch online gestellt
Putin fragt u.a. »Wozu schießt man noch immer?« Die junge Welt stellte ein Foto aus Donezk vom 5.12.14 dazu (Screenshot):


• Stromausfall wegen Kohlemangel
"In der Ukraine gehen allmählich die Lichter aus – die Probleme bei der Stromversorgung des Landes werden immer gravierender. Zu den Engpässen kommt es unter anderem wegen des Mangels an Kohle. Die stammt vor allem aus den Bergwerken der Donbassregion im Osten des Landes. Weite Teile des Gebiets stehen unter der Kontrolle prorussischer Rebellen. Ein Grund ist aber auch minderwertige Kohle aus Südafrika. Der Chef eines staatlichen Unternehmens soll bei der Einfuhr davon gewusst haben. Deshalb ist er jetzt wegen Betruges verhaftet worden. “Bis die Probleme mit der Kohle gelöst sind, gibt es eigentlich nur eine Möglichkeit,” sagte der ukrainische Energieminister Wladimir Demtschischin, “wir müssen unsere Heizkraftwerke so gut wie möglich nutzen. Eigentlich haben wir genug davon. Aber weil wir nicht genug Brennmaterial haben, können sie nicht ihre volle Leistung bringen.” Die Energieversorgung in der Ukraine ist zu 40 Prozent von Kohle abhängig. Die Vorräte belaufen sich auf gerade noch 1,4 Millionen Tonen, weniger als die Hälfte des Bedarfs für die Wintersaison. Deshalb verhandelt Kiew jetzt notgedrungen mit Russland über die Einfuhr von Strom. “Die Ukraine hat nicht genug Kohle, um den Bedarf des Landes zu decken,” berichtete unser Reporter, “die Regierung hat jetzt versprochen, dass Spezialisten in zwei bis drei Tagen eine Mine im Osten des Landes wieder flott machen wollen. Dort könnten dann bis zu 50 000 Tonnen gefördert werden." (Euronews, 5.12.14)

• Der Medien-Krieg und der Triumph der Propaganda
Der renommierte kritische australische Journalist John Pilger hat auf dem Logan Symposium, “Building an Alliance Against Secrecy, Surveillance & Censorship”, vom 5.-7.12.14 organisiert vom Centre for Investigative Journalism, London, in der britischen Hauptstadt die Mainstream-Journalisten als Kriegstreiber kritisiert. Das Magazin Counterpunch hat in seiner Onlineausgabe Pilgers Beitrag veröffentlicht.
Pilger fragt darin, warum so viele Journalisten der Propaganda erlegen und Zensur und Entstellung gängige Praxis seien. "Warum ist der BBC so oft ein Sprachrohr der räuberischen Macht? Warum täuschen die New York Times und die Washington Post ihre Leser?" Pilger fragt, warum jungen Journalisten nicht mehr gelehrt werde, wie die die Medien-Agenda entsteht und wie Objektivität gefälscht werden kann und dass das Wesen der Mainstream-Medien nicht von Information, sondern von Macht bestimmt werde. "Dies sind dringende Fragen. Die Welt steht vor der Aussicht auf einen großen Krieg, vielleicht eines Atomkrieges - mit den Vereinigten Staaten, die sich eindeutig darauf festgelegt haben, Russland zu isolieren und zu provozieren und schließlich China." Diese Wahrheit werde von Journalisten auf den Kopf gestellt und von innen nach außen gedreht, einschließlich derer, die den Krieg gegen den Irak 2003 gefördert haben.
"Die Zeiten, in der wir leben, sind so gefährlich und in der öffentlichen Wahrnehmung so verzerrt, dass Propaganda  nicht mehr, wie Edward Bernays es nannte, eine "unsichtbare Regierung" ist. Es ist die Regierung. Sie herrscht direkt, ohne Angst vor Widerspruch, und ihr Hauptziel die Eroberung von uns: unseren Sinn für die Welt, unsere Fähigkeit, Wahrheit von Lüge zu trennen."
Pilger erinnert u.a. daran, dass die wirksamste Kriegstreiber-Propaganda gegen den Irak und dessen Präsident Saddam Hussein 2003 nicht von Boulevard-Blättern wie etwa der Sun oder einem Sender wie Fox News kam. Viel stärker habe gewirkt, dass u.a. die New York Times damals behauptete, der Irak habe Massenvernichtungswaffen. Das Selbe gelte heute z.B. für die Washington Post und den Guardian, die eine kritische Rolle dabei spielten, ihre Leser auf einen neuen "Kalten Krieg" einzustimmen. So hätten diese Zeitungen die Ereignisse in der Ukraine als bösartigen Akt Russlands verfälscht, obwohl die USA, Deutschland und die NATO den faschistschen Putsch in der Ukraine unterstützten. "Diese Umkehrung der Wirklichkeit ist so allgegenwärtig, dass Washingtons militärische Einkreisung und Einschüchterung von Russland nicht in Frage gestellt wird." Pilger weiter: "Wieder einmal wird das Reich des Bösen zu uns kommen, geführt von einem anderen Stalin, oder perverser, von einem neuen Hitler."
Die Unterdrückung der Wahrheit über die Ukraine sei eine der komplettesten Nachrichtensperren, an die sich Pilger erinnet. "Die größte westliche militärische Aufrüstung im Kaukasus und Osteuropa seit dem Zweiten Weltkrieg wird unterschlagen. Washington geheime Hilfe für Kiew und seine Neonazi-Brigaden, verantwortlich für Kriegsverbrechen gegen die Bevölkerung der Ostukraine, wird unterschlagen. Beweise, die die Propaganda widerlegen, dass Russland für den Abschuss eines malaysischen Verkehrsflugzeug verantwortlich ist werden unterschlagen. Und wieder sind angeblich liberalen Medien die Zensoren." Was der russische Präsident zu sagen habe, spiele keine Rolle, so Pilger, er gebe den nützlichen Bösewicht ab. Pilger zitiert seinen US-Kollegen Robert Parry: "Wenn Sie sich fragen wie die Welt in Weltkrieg drei stolpern konnte - so wie sie es vor einem Jahrhundert in den Weltkrieg eins tat - ist alles, was Sie tun müssen, auf den Wahnsinn zu schauen, der praktisch die gesamte US-Politik/Medien-Struktur erfasst hat in Bezug auf die Ukraine, wo sich frühzeitig eine falsche Erzählung von weißen Hüten gegen schwarze Hüten breitmachte und  nachweislich unempfindlich gegen Fakten und Verstand ist."

• Chodorkowski bereit, "Revolution" in Russland anzuführen
In einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung, online veröffentlicht am 5.12.14,  hat der russische Unternehmer Michail Chodorkowski erklärt, dass es mit Russlands Präsident Wladimir Putin nur ein schlimmes Ende nehmen kann und nur ein vorbereiteter Regimewechsel für das Land gut ist:
"... Sie nutzen Ihr Geld nun, um ihre politische Bewegung zu finanzieren.
Mit zwei Einschränkungen. Erstens betrachtet Russland mein Geld als gestohlen und droht damit, Überweisungen an Parteien als Geldwäsche zu ahnden. Ich kann Unterstützung daher nur zum Zweck der «persönlichen Verwendung» leisten. Zweitens, das habe ich in den USA gelernt, ist es besser, wenn man seine politische Tätigkeit nicht völlig selber finanziert, sondern sich auch auf weitere Spender abstützt.
Hoffen Sie auf eine baldige Rückkehr nach Russland?
Ich sehe eine Chance von fünfzig Prozent, dass das jetzige Regime in den nächsten zehn Jahren zu existieren aufhört. Dann könnte ich heimkehren. Aber ich sehe nicht, wie dieser Wechsel auf demokratischem, sanftem Weg geschehen könnte. Wir kennen das spanische Modell, als König Juan Carlos nach dem Ende der Diktatur als Garant des Übergangs auftreten konnte. In Russland ist keine solche Kraft in Sicht. Putin beraubte sich der Möglichkeit eines guten Ausgangs, als er sich 2011 zur Rückkehr auf seinen Posten entschied. Falls er jemanden zu seinem Nachfolger bestimmt, werden sich alle an das Schicksal Medwedews erinnern und nicht glauben, dass der neue Präsident wirklich die Macht hat. Putin hat sich selber in eine Sackgasse gebracht: Sein Nachfolger kann nur dann der reale Machthaber sein, wenn er Putin zerstört, physisch oder politisch.
Erwarten Sie somit ein blutiges Ende des Putin-Regimes?
Mehr oder weniger. Es kann sein, dass Putin bis an sein Lebensende regiert oder es eine Palastrevolte gibt. Das Schlimmste wäre, wenn der Kampf auch die Strasse erreicht. Aber ein demokratisches Modell, in dem Putin die Macht einem demokratisch gewählten Nachfolger übergibt, sehe ich nicht.
Also kann man nur warten und hoffen?
Warten und sich vorbereiten. Es wäre sehr schlecht, wenn im Moment von Putins Abgang kein Team da wäre, das die Leitung des Staates übernehmen könnte. Zehntausende von Funktionären, die schwere Verbrechen begangen haben oder sich nicht in ein anderes Staatsmodell einfügen können, müssen dann ersetzt werden. Dafür braucht es glaubwürdige Leute, die an ihre Stelle treten können. Sonst droht eine Staatskrise. Man muss also einen Teil der künftigen Elite heranziehen.
Worin sehen Sie Ihre Rolle? Sie haben einmal erklärt, Sie könnten als «Krisen-Präsident» dienen. Was heisst das?
Russland steht vor zwei Aufgaben. Erstens müssen die verfassungsrechtlichen Spielregeln geändert werden. In unserem System liegt alle Macht beim Präsidenten und beim Zentralstaat. Das zu ändern, wird auf demokratischem Weg nicht gelingen, es braucht «revolutionäre» Massnahmen. Die zweite Aufgabe besteht darin, danach zu normaler, demokratischer Politik überzugehen. Es kann nicht beides von derselben Person erledigt werden. Es braucht eine Übergangsregierung und dann eine, die aus freien Wahlen hervorgeht. Die erste Aufgabe traue ich mir zu, denn ich bin ein Krisenmanager. ..."

• OSZE-Konferenz: "Ukraine erhält Zuspruch, Russland Prügel"
"Bundespräsident Didier Burkhalter war die Anstrengung anzusehen, als er nach fast 12 Stunden Gesprächsmarathon Bilanz zog über den ersten Tag der Ministerkonferenz in Basel. Die 57 Aussenminister der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) stünden hinter dem Minsker Waffenstillstandsabkommen für die Ukraine, erklärte der amtierende Vorsitzende der OSZE. Eine gemeinsame Erklärung kam dennoch nicht zustande. Die Russen ­hätten sich als Einzige dagegen gesträubt, hiess es von amerikanischer Seite. Burkhalter erklärte, die Aussen­minister seien einer gemeinsamen Erklärung überraschend nahegekommen, gescheitert sei sie letztlich daran, dass man sich nicht habe einigen können, was die Gründe für den Ukrainekonflikt seien.
... die Statements der Aussenminister machten schnell klar, wie schwierig dieser Dialog zwischen Russland und den restlichen OSZE-Ländern im Verlauf eines einzigen Jahres geworden ist. Die meisten Redner kritisierten die russische Annexion der Krim scharf und verurteilten Moskaus Einmischung in der Ost­ukraine. Der Kreml bedrohe mit seinen Aktionen die Sicherheit in Europa, sagten die Delegierten, und verletze das Prinzip der territorialen Integrität der Ukraine. Das ist ein wichtiger Punkt in der Schlussakte von Helsinki, dem eigentlichen OSZE-Gründungsabkommen.
«Das Vorgehen Russlands ist eine Verletzung des Völkerrechts und kann nicht hingenommen werden», zog der deutsche Aussenminister Frank-Walter Steinmeier die rote Linie. Kanada ging noch einen Schritt weiter und bezeichnete Russland gänzlich undiplomatisch als Lügner. Moskau versuche permanent, die Wahrheit über die Lage in der Ukraine zu verdrehen, sagte Aussenminister John Russell Baird. «Russland muss zur Rechenschaft gezogen werden.» Und die OSZE müsse sich die Frage stellen, ob das Konsensus-Modell in dieser Situation überhaupt noch praktizierbar sei.
Das Statement des russischen Aussenministers Sergei Lawrow klang vor diesem Hintergrund wie aus einer anderen Welt. Er schob die Verantwortung für die Krise allein der Ukraine zu, die ihre Verpflichtungen nicht erfülle und etwa eine vereinbarte Verfassungs­reform nicht umsetze. Alle Hoffnung ruhe auf dem Minsker Abkommen, sagte Lawrow, Russland stehe hinter der Vereinbarung. Russische Militärexperten leisteten der Ukraine Hilfe bei deren Umsetzung. Lawrow verurteilte die Revolution in Kiew als verfassungswidrigen Umsturz. Er sprach von Verbrechen, die auf dem Maidan, in Odessa oder in Mariupol begangen worden seien und nun aufgeklärt werden müssten. Er monierte seinerseits die Verletzung der Helsinki-Prinzipien und beklagte sich über Einmischung in innere – sprich: russische – Angelegenheiten. Die Nato und die EU hätten «kein Monopol», um in Europa für Sicherheit zu sorgen, sagte Lawrow. «Dann können wir die OSZE gleich abschaffen.»
Doch der russische Aussenminister sagte kein Wort zu den schweren Vorwürfen, die Dutzende Aussenminister in Basel gegen sein Land erhoben, kein Wort zu der klaren Aufforderung der Runde, endlich die Unterstützung für die Rebellen einzustellen und damit dem Minsker Abkommen überhaupt erst eine Chance zu geben. ..." (Tages-Anzeiger online, 5.12.14)

• »Ein Zusammenleben ist nicht mehr möglich«
Die Tageszeitung junge Welt gibt in ihrer Ausgabe vom 5.12.14 die Einschätzung der beiden Bundestagsabgeordneten der Linkspartei, Wolfgang Gehrcke und Andrej Hunko, über die Lage in der Ukraine wieder. Beider waren in dem Land unterwegs gewesen:
"... In einem Bericht an Bundestagspräsident Norbert Lammert, den junge Welt hier auszugsweise dokumentiert, schildern die beiden Linke-Abgeordneten ihre Eindrücke. ...
17. November – Briefing durch Botschafter Dr. Christof Weil in Kiew: Unterkühlt war die Stimmung während des Besuches beim deutschen Botschafter in Kiew. Während Andrej Hunko und Wolfgang Gehrcke versuchten, auch Grautöne im ukrainisch-russischen Konflikt zu finden und Ideen für politische Lösungen vorschlugen, bediente Christof Weil die Klaviatur des Kalten Krieges. Wladimir Putin habe zwei Völker (Russen und Ukrainer) auf Generationen entzweit, mit Realitätsverweigerung (bei Putin) lasse sich schwer verhandeln, die ukrainische Armee sei durch russische Agenten bis ins Mark zersetzt, die Ukraine befinde sich im Krieg.
Gespräch mit Alexander Alexandrowitsch (ukrainisches Außenministerium): Ins gleiche Horn blies auch Alexander Alexandrowitsch. Kennzeichen russischer Politik sei der Export von Korruption, Banditismus und Krieg. Auch werde Russland künftig auch über die deutsche Regierung solche Lügen wie jetzt über die ukrainische verbreiten. Russland sei nicht nur für die Ukraine, sondern für ganz Europa eine Bedrohung. Positiv sieht der Abteilungsleiter die wirtschaftliche Entwicklung der Ukraine, wenn sie sich Europa zuwende und die Kooperation mit der EU und dem IWF in Gang kommt: »Zwei bis drei Jahre wird die Ukraine etwas leiden, dann haben wir mehr Vorteile.« ...
Gespräch mit Alexander Hug: Der Schweizer Alexander Hug ist stellvertretender Leiter der OSZE-Mission in der Ostukraine. In dieser Eigenschaft hat er das Krisengebiet mehrfach bereist. Für ihn sind die Donbass-Funktionäre auch keine »Figuren«, sondern Gesprächspartner. Aufgrund seiner Gespräche und Reisen in den Donbass hat er ein genaues Bild von der Lage. So könne man auch nicht davon ausgehen, dass es eine homogene Separatistenarmee gebe. Nein, es gebe viele verschiedene Gruppierungen, auch ganz kleine Trupps, die sich auch schon einmal gegenseitig bekämpften. Ähnlich, nicht ganz so krass, sei die Situation bei der ukrainischen Armee. Hier gebe es ein Nebeneinander zwischen Freiwilligenbataillonen und ukrainischer Armee. Und speziell einige der radikaleren Freikorps hätten nach seinen Beobachtungen öfter Probleme, sich den ukrainischen Heerführern unterzuordnen. ...
Treffen mit Müttern der Opfer des Massakers im Gewerkschaftshaus: Die Mütter und weiteren Angehörigen von Opfern des Massakers am 2. Mai fordern eine lückenlose Aufklärung des Verbrechens. Ihr Zusammenschluss wird von Anwälten unterstützt und soll auch das Staatsversagen oder gar eine staatliche Beteiligung ermitteln. Schließlich hat es zum Beispiel nach Ausbruch des Brandes über 40 Minuten gedauert, bis die Feuerwehr – trotz sofortiger Alarmierung – vor Ort war. Und das, obwohl ihr Revier nur wenige hundert Meter vom Gewerkschaftshaus entfernt ist. Auch die Zuschauerrolle einiger Milizionäre, die bei dem Massaker vor Ort waren, muss noch genau untersucht werden. Offensichtlich waren auf den Dächern in der Nähe des Gewerkschaftshauses auch Scharfschützen positioniert, die noch bevor die Demonstranten sich in das Gewerkschaftshaus flüchten konnten, acht Menschen erschossen haben. Mit welchen Widerständen die Hinterbliebenen zu kämpfen haben, wurde beim Besuch des Platzes vor dem Gewerkschaftshaus deutlich. Unbekannte hatten in der Nacht zuvor zum wiederholten Mal die Gedenktafel mit den Fotos der über 60 Ermordeten umgerissen. ..."
Eine ausführlichere Darstellung der Einschätzungen von Gehrcke und Hunko wurde im Blog Rationalgalerie am 4.12.14 veröffentlicht

• "Tag der Stille" in Ostukraine angekündigt
"Im Ringen um einen wirksamen Waffenstillstand in der Ostukraine hat Präsident Petro Poroschenko einen “Tag der Stille” angekündigt. Demnach sollen am kommenden Dienstag die Waffen in der Unruheregion schweigen. Bereits seit Anfang September gilt gemäß des Minsker Abkommens eine offizielle Feuerpause, die aber brüchig ist.
Die prorussischen Aufständischen in Donezk teilten mit, sie seien bereit, die Waffenruhe einzuhalten.Andrej Purgin, Stellvertretender Ministerpräsident der selbsternannten Volksrepublik Donezk: “Wir sind einverstanden, dass am Dienstag um 18 Uhr der Flughafen von Donezk nicht mehr beschossen wird. Damit kommen wir der Unterzeichnung von Dokumenten im Rahmen des Minsker Memorandums und dessen praktischer Umsetzung näher.”
Die notleidende Bevölkerung von Luhansk sehnt überwiegend einen Waffenstillstand herbei: “Wir sind sehr besorgt über das, was passiert. Und wir möchten nicht, dass sich unsere Nationen an einem Krieg beteiligen. Wir benötigen Hilfe und wir bitten darum, dass uns diese Hilfe gewährt wird.”
Nach Angaben der prorussischen Aufständischen beinhaltet die Vereinbarung des Tages der Stille auch den Rückzug schwerer militärischer Geräte vom Flughafen Donezk.
Der ukrainische Verteidigungsminister Stepan Poltorak sagte in Kiew, Hauptsache sei, dass Frieden herrsche." (Euronews, 4.12.14)

• US-Außenminister: USA nicht auf Konfrontationskurs
"Am Rande der OSZE-Jahreskonferenz in Basel sind am Donnerstag der russische Außenminister Sergej Lawrow und sein amerikanischer Amtskollege John Kerry zu einem direkten Gespräch zusammengekommen. Wegen des Ukraine-Konfliktes sind die Beziehungen zwischen Moskau und dem Westen angespannt. Die OSZE ist eines der wenigen verbliebenen Gesprächsforen.
Lawrow betonte die Kooperationsbereitschaft Russlands: “Heute helfen unsere Militärexperten, die von Präsident Poroschnko eingeladen wurden, den Konfliktparteien, ein Abkommen über den Rückzug der schweren Artillerie zu schließen, das es möglich machen wird, dass die OSZE-Beobachter einen Puffer zwischen den Konfliktparteien bilden können”, sagte Lawrow.
US-Außenminister Kerry forderte Russland auf, sein Verhalten in der Ukraine zu ändern: “Die Vereinigten Staaten und die Länder, die die Souveränität der Ukraine unterstützen, sind nicht auf Konfrontation aus. Wir wollen kein Russland, das sich durch seine eigenen Handlungen selbst isoliert. Im Gegenteil, wir sind davon überzeugt, dass Russland Vertrauen und Beziehungen wiederherstellen kann, wenn es ganz einfach hilft, die Wogen zu glätten”, sagte Kerry. ..." (Euronews, 4.12.14)

• Das Problem des Westens mit der Ukraine
, hat sich in einem Beitrag für die BBC, online veröffentlicht am 4.12.14, Gedanken gemacht, wie der Westen "sein eigenes Ukraine-Problem" lösen könnte. Die Bloggerin Magda hat auf freitag.de den Beitrag zusammenfassend wiedergegeben.

• Ukraine als Außenstelle der US-Politik
"Natalia Jaresko ist neue Finanzministerin der Ukraine. Kein begehrenswerter Job, oder? Der von Putschisten okkupierte Staat ist faktisch pleite. Doch er ist höchst nützlich, um eine geostrategische Machtverschiebung zugunsten der USA anzustoßen und zu beschleunigen. Zugleich besitzt die frühere Sowjetrepublik »innere Werte«, und diese Schätze gilt es zu heben. Frau Jaresko wird dabei nicht scheitern.
Ebenso wie der aus Litauen stammende Finanzexperte Aivaras Abromavicius (er ist jetzt neuer Wirtschaftsminister in Kiew) wurde die US-Investmentbankerin per Blitzverfahren zur »Bürgerin der Ukraine« gemachte. Für ihren jetzigen Job bringt sie nicht nur das nötige Handwerkszeug mit, sie besitzt auch das Mandat der Supermacht. ...
Die Ukraine ist eine Außenstelle der US-Politik. Eine kleine zwar, aber deren höherer Zweck zählt – mit ihrer Hilfe soll Russland geknackt werden. Fünf Milliarden Dollar hat laut Vizeaußenministerin Victoria Nuland die Operation verschlungen, die auf dem Maidan und im Donbass blutige Erfolge feiern konnte. Jetzt stehen Rückzahlungen an, es gilt, die Rendite einzutreiben. Und wer eignet sich da besser als eine Vertreterin des »Geldgebers« – als neue Filialleiterin?
Es gibt noch einiges zu privatisieren. ..." (junge Welt, 4.12.14)

• Kurzschluss in ukrainischem Atomkraftwerk
"Ein Kurzschluss war es, der den Störfall im ukrainischen Atomkraftwerk Saporischschja ausgelöst hat. In dem leistungsstärksten Kernkraftwerk Europas ist nach der Panne der dritte Reaktorblock abgeschaltet worden. Der technische Defekt hat sich nach Angaben des Kraftwerksbetreibers bereits am vergangenen Freitag ereignet. Dass der Störfall erst am Mittwoch publik wurde, weckte bei vielen Ukrainern ungute Erinnerungen an die Atomkatastrophe von Tschernobyl von 1986 - auch damals wurde die Weltöffentlichkeit erst Tage später informiert. Immer wieder kam es in der Vergangenheit zu Störfällen in ukrainischen Atomkraftwerken. Regierungschef Arseni Jazenjuk forderte jedenfalls am Mittwoch von Energieminister Wladimir Demtschischin umgehende Aufklärung über den "Atomunfall" in der Anlage Saporischschja.
Der beschwichtigte sogleich. "Es gibt nichts Gefährliches", betonte der erst vor wenigen Tagen ernannte Minister. Erhöhte Radioaktivität sei nicht gemessen worden. Der Vorfall stehe in keinerlei Zusammenhang mit der eigentlichen Stromerzeugung, sondern betreffe das Stromverteilungssystem des AKW. Bis Freitag sollte "das Problem" beseitigt sein. "Das ist eine technische Frage - und obwohl der dritte Block abgeschaltet ist, stellt er keine Gefahr dar", versicherte der Minister. Auch das französische Institut für Atomsicherheit (IRSN) hat im 750 Kilometer entfernten Kiew nach eigenen Angaben keine außergewöhnliche radioaktive Belastung gemessen. Vorerst Entwarnung kam auch vom Gesundheitsministerium in Wien.
Doch Ukraines Atomenergie ist ein Hazardspiel. Wie die meisten AKW in dem Land ist das im Südosten gelegene AKW Saporischschja technisch völlig veraltet und für seine Störanfälligkeit bekannt. ..." (Wiener Zeitung online, 3.12.14)

• Vorwürfe an ukrainische Flugsicherung wegen MH17
"Die ukrainische Flugaufsicht hätte laut einem Experten den Luftraum über dem Osten des Landes vor dem mutmasslichen Abschuss von Flug MH17 vollständig sperren müssen. Der Abschuss einer Antonow-Militärmaschine in 6500 Metern Höhe drei Tage zuvor sei «nur mit schweren Flugabwehrraketensystemen» möglich gewesen, sagte Siemon Wezeman vom Stockholmer Institut für Friedensforschung mehreren Medien laut einer Mitteilung.
Diese grösseren Raketensysteme zur Flugabwehr würden «normalerweise ohne Probleme Höhen zwischen 10'000 und 13'000 Metern» erreichen. Die Boeing 777 der malaysischen Fluglinie Malaysia Airlines war am 17. Juli in rund 10'000 Metern Höhe über von prorussischen Separatisten kontrolliertem Gebiet in der Ostukraine mutmasslich abgeschossen worden. Alle 298 Insassen wurden getötet, davon 193 Niederländer. ...
Wezeman sagte der «Süddeutschen Zeitung», dem WDR und dem NDR sowie einem niederländischen Rechercheverbund, es sei höchst verwunderlich, «warum die ukrainischen Behörden den Luftraum in der Region nicht komplett gesperrt haben» und nach dem Abschuss der Antonov lediglich eine Teilsperrung des Luftraums bis zu einer Höhe von 9750 Metern veranlasst worden sei.
Der Anwalt Elmar Giemulla, der Hinterbliebene deutscher Opfer des Absturzes vertritt, äusserte den Verdacht, dass die Ukraine nicht auf Überfluggebühren habe verzichten wollen. Es gehe dabei um «Einnahmen erheblichster Art, die dann der jeweiligen Regierung verloren gehen», sagte er den beteiligten Medien, die von bis zu zwei Millionen Euro täglich sprachen." (Tages-Anzeiger online, 3.12.14)

• Ohne Reformen keine EU-Hilfe für Kiew
"Der Reiseplan von Johannes Hahn wird durch die Ukraine-Krise dichter: Mindestens einmal pro Quartal werde er nach Kiew reisen, kündigte der für die Nachbarschaftspolitik zuständige EU-Kommissar am gestrigen Montag an. Hahn hatte sich vergangenen Donnerstag und Freitag in der ukrainischen Hauptstadt über die Lage vor Ort informiert. Sein Fazit: In der umkämpften Ostukraine spiele sich eine „unglaubliche menschliche Tragödie“ ab.
Erste Priorität der Regierung des von Russland bedrohten Landes ist es, die Ukraine heil durch den Winter zu bringen. In dem Zusammenhang kündigte Hahn an, dass die zweite Tranche der EU-Finanzhilfe „in Kürze“ nach Kiew überwiesen werde. Eine konkrete Summe wollte Hahn nicht nennen, im Vorfeld wurde jedoch der Betrag von 500 Mio. Euro kolportiert. Experten zufolge ist das ein Tropfen auf den heißen Stein – der Finanzierungsbedarf des Landes wird auf rund 15 Mrd. Euro geschätzt.
Mehr Geld könnte von einer internationalen Geberkonferenz kommen – die laut Hahn in „Reformkonferenz“ umbenannt wurde. Die Namensänderung ist als Wink mit dem Zaunpfahl zu verstehen: Die EU will erst dann tiefer in die Taschen greifen, wenn Kiew die versprochenen Reformen auch wirklich umsetzt. ..." (Die Presse online, 1.12.14)

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alternative Presseschau aus ukrainischen, ostukrainischen und russischen Quellen


die täglichen Berichte der OSZE-Beobachtermission in der Ukraine

Montag, 22. September 2014

Nachrichtenmosaik Ukraine Folge 77

Gesammelte Nachrichten und Informationen zu den Ereignissen in der Ukraine und deren Hintergründen, ohne Gewähr und Anspruch auf Vollständigkeit und fast ohne Kommentar

• Aufständische: 4.000 Zivilisten durch Krieg getötet
"Seit Beginn des Ukraine-Konflikts sind im Osten des Landes rund 4000 Zivilisten getötet worden. Das erklärte der Vizeregierungschef der nicht anerkannten Volksrepublik Donezk, Andrej Purgin, am Montag.
„Die genaue Zahl wird später bekannt gegeben. Bei intensiven Kämpfen mussten die Leichen ohne Identifizierung beigesetzt werden… Fast alle Toten unter den Zivilisten – fast 99 Prozent - sind Opfer des Artilleriefeuers. Gerade durch die Artillerie wurde bei uns auch die Infrastruktur zerstört.“ Purgin zufolge richtet die ukrainische Armee ihre schweren Waffen in 90 Prozent der Fälle nicht gegen die Militärs, sondern gegen friedliche Einwohner.
Nach UN-Angaben starben seit Beginn des Konflikts in der Ostukraine fast 3200 Zivilisten. Mehr als 8000 seien verletzt worden." (RIA Novosti, 22.9.14)

• EU-Abgeordneter: Russische Truppen in der Ostukraine
"Die Europäische Union und die Nato haben Beweise dafür, dass die regelmäßigen russischen Truppen an militärischen Operationen in der Ostukraine beteiligt sind, obwohl der Kreml das leugnet. Das erzählte im Interview mit DW das Mitglied des Europäischen Parlaments von den Niederlanden, Johannes Cornelis van Baalen.
„Wir haben Satellitenaufnahmen. Von dem Kreml haben wir bereits gehört: es gibt keine russischen Truppen auf der Krim und jetzt gibt es sie „nicht“ im Osten der Ukraine. Aber alle wissen doch, dass das eine Lüge ist. Die EU hat Beweise, die Nato hat Beweise, aber Putin wird sie trotzdem leugnen und bestreiten. Aber wenn es keine russischen Truppen in der Ukraine gibt, woher sind dann die Leichen von russischen Soldaten? Woher werden die Verwundeten in die Krankenhäuser von Rostow und St. Petersburg eingeliefert? Das ist ein Unding“, erklärte van Baalen.
Nach der Auffassung des Politikers treibt die russische Regierung die Propaganda, der viele glauben, und Putin wird weiterhin das tun, was er will: Truppen schicken oder abziehen. ...
„Die Vereinigten Staaten und die Europäische Kommission müssen mit dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko vertraulich kommunizieren und bei ihm herausfinden, was die Ukraine selbst will und wie sie ihr dabei helfen können. Denn die Kompromisse mit dem russischen Präsidenten Putin bedeuten werden, dass Putin gewonnen hat“, meint van Baalen. ..." (Ukrinform, 22.9.14)

• Aufständische rechnen mit langwierigem Friedensprozess
"In der krisengeschüttelten Ostukraine erwarten die prorussischen Separatisten keine rasche Umsetzung der vereinbarten Schritte für eine Lösung des Konflikts. Das Memorandum über die Schaffung einer 30 Kilometer breiten entmilitarisierten Zone erfordere viele technische Schritte, sagte der Separatistenführer Andrej Purgin am Montag.
Straßenblockaden müssten abgebaut, Gebiete entmint, Militärtechnik und Kampfverbände zurückgezogen werden. Das alles dauere seine Zeit, sagte er.
Vertreter der Aufständischen und der Regierung in Kiew hatten unter Vermittlung der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) am Samstag ein Memorandum unterzeichnet. "Wir sind bereit, alles zu tun. Das Wichtigste ist aber, dass niemand diese Arbeit stört", sagte Purgin. Der ukrainische Sicherheitsrat hatte betont, die Regierungstruppen nur zeitgleich mit den Separatisten 15 Kilometer hinter die Frontlinie zurückzuziehen. ..." (Der Standard online, 22.9.14)

• Kiews Verhältnis zur Wahrheit 
... ist Thema eines Beitrages ausgerechnet in der Tageszeitung Die Welt, online veröffentlicht am 22.9.14:
"Über Falschmeldungen aus Moskau wundert sich inzwischen niemand mehr. Doch auch die Ukraine nimmt es im Konflikt mit den Separatisten mit Wahrheit und Pressefreiheit offenbar nicht so genau.
In einem Konflikt, in dem die Rollen zwischen Gut und Böse klar verteilt schienen, wirft Kiews zweifelhafter Umgang mit der Wahrheit Fragen auf. Es zeigt sich immer deutlicher: Nicht nur der Kreml verbreitet im Ringen um die Ostukraine Propaganda. Auch die Ukraine kämpft mit allen Mitteln um die öffentliche Meinung, streut bewusst Desinformationen und Halbwahrheiten – und konnte sich bisher noch stets der Unterstützung aus dem Westen sicher sein. ...
Verlautbarungen der Armee übernehmen ukrainische Medien meist ungeprüft. Der Informationskrieg beginnt bereits mit der Sprache. Wie nennt man die bewaffneten Kämpfer in der Ostukraine? Sind es Separatisten, Aufständische oder Terroristen? Als Letztere bezeichnet die Regierung die Milizen – und fast alle Zeitungen und TV-Sender übernehmen diese Wortwahl.
Auch Militärinformationen über gefallene Soldaten, getötete Rebellen und Stellungen der Armee landen meist eins zu eins in der Presse. ...
Viele Militärnachrichten kommen von Dmitri Timtschuk, einem ukrainischen Ex-Militär, den auch westliche Medien häufig zitieren. Timtschuk betreibt in Kiew das "Zentrum für Gegeninformation" und berichtet meist sehr detailliert über die Kämpfe in der Ostukraine. Woher allerdings Timtschuk seine Informationen bezieht, ist unklar. Die Vermutung liegt nahe, dass Timtschuk von Kiew benutzt wird, um Informationen an die Öffentlichkeit zu lancieren. ...
Die Ukraine mag sich im Informationskrieg ähnlicher Waffen wie Russland bedienen. Doch für die Pressearbeit in eigener Sache hat man in Kiew entschieden weniger Geld. Das Pressezentrum im Hotel "Ukraina", wo Oberst Lysenko jeden Tag über die militärische Lage spricht, wird privat finanziert. ..."

• Polnische Waffen für Kiewer Truppen nach großen Materialverlusten?
"Die ukrainischen Regierungstruppen haben im Verlauf ihrer Einsätze gegen die Separatisten im Osten des Landes schwere Verluste an Material erlitten. "Es wurde zwischen 60 und 65 Prozent der Militärtechnik zerstört", beschrieb Präsident Petro Poroschenko am Sonntagabend im ukrainischen Fernsehen die Verluste an Panzern und schwerem Gerät.
Mit dem vereinbarten partiellen Rückzug der Kampftruppen beider Konfliktparteien und der Bildung von Pufferzonen habe die Ukraine nunmehr die Gelegenheit, die Einheiten aufzufrischen, die lange Zeit im Kampf gestanden hatten. "In einer dieser Einheiten hat mein Sohn gekämpft", zitierte die russische Agentur Ria Nowosti den ukrainischen Staatschef.
In dem Interview betonte Poroschenko, dass sein Land den Frieden brauche. Er selbst wolle alles unternehmen, "um den Friedensplan umzusetzen".
Polen will Waffen an die Ukraine verkaufen
Das Nato-Mitglied Polen hat sich zu Waffenverkäufen an die Ukraine bereiterklärt. Wenn das Nachbarland Rüstungsgüter kaufen wolle, sei die polnische Rüstungsindustrie nur zu gerne bereit, diese zu liefern, sagte Verteidigungsminister Tomasz Siemoniak am Montag dem Privatsender Zet. ..." (Der Standard online, 22.9.14)

• Kiewer Truppen erhalten "nichttödliche" Waffen
"Die Ukraine wird laut Präsident Pjotr Poroschenko von den USA und einigen anderen Ländern nichttödliche Waffen erhalten, die dem Land helfen werden, seine Verteidigung zu festigen.
„Wir müssen Aufklärungs-, Radar- und andere Defensivwaffen erhalten, die es uns ermöglichen werden, die Effektivität unserer Waffen um ein Zehnfaches zu steigern und sie zu modernisieren“, sagte Poroschenko in einem Interview für ukrainische TV-Sender am Sonntagabend.
Er berichtete auch, dass der US-Präsident ihm bereits einen recht hohen Status der Beziehungen zwischen den USA und der Ukraine versichert hatte, in dessen Lichte Kiew keinen Sonderstatus des amerikanischen Partners benötige.
„Bei dem Treffen mit mir sagte er, dass die Ukraine den höchsten Status der Verteidigungszusammenarbeit mit den USA unter allen Ländern hat, die nicht Nato-Mitglieder sind“, so der ukrainische Präsident. ..." (RIA Novosti, 22.9.14)

• NATO dehnt sich aus und erklärt Russland zum Aggressor
In einem am 22.9.14 von den Nachdenkseiten veröffentlichten Interview äußert sich der Friedensforscher Daniele Ganser u.a. zur Frage, ob Russland der Aggressor im Ukraine-Konflikt ist:
"... Ich glaube nicht, dass Russland Westeuropa bedroht oder erobern möchte. Das stimmt nicht. Es kommt in der Geschichte immer sehr darauf an, wo man die Schnittstelle legt, ob man mit der Annexion der Krim anfängt, oder mit der Vorgeschichte, etwa dem Sturz von Janukowitsch im Februar 2014, oder mit der Vorgeschichte der Vorgeschichte, also beispielsweise dem Entscheid der NATO 2008, die Ukraine und Georgien in das Militärbündnis zu integrieren.
Für mich liegt die Wurzel des jetzigen Konfliktes in diesem Entscheid der NATO, der war gefährlich und falsch. Der US-Botschafter hatte schon damals erkannt, damit trete man auf einen „rohen Nerv“ der Russen. Die USA wussten also, dass dies Moskau sehr irritieren würde. Trotzdem hat die frühere US-Botschafterin bei der NATO, Victoria Nuland, aktiv am Sturz der Regierung Janukowitsch mitgewirkt. Nuland, das ist übrigens jene, die mit dem wenig schmeichelhaften Zitat „Fuck the EU“ bekannt geworden ist.
Nach dem Sturz von Janukowitsch und der Installierung des NATO-freundlichen neuen Präsidenten Poroschenko hat Putin dann sehr schnell reagiert und mit Truppen die Krim und den Osten der Ukraine übernommen. Dies verdeutlicht: Die Russen wollen nicht, dass die NATO sie umzingelt, sie wollen nicht, dass die Ukraine in die NATO aufgenommen wird. ...
Russlands Verhalten war also nicht nur folgerichtig, sondern sogar vorhersehbar?
Nun, ich denke John Mearsheimer, Professor in Chicago, hat recht, wenn er sagt, der Westen trägt die Hauptschuld am Krieg in der Ukraine, weil er die NATO immer weiter ausdehnt. Mearsheimer hat das gut so zusammengefasst: „Man stelle sich die Empörung in Washington vor, wenn China ein mächtiges Militärbündnis schmiedete und versuchte, Kanada und Mexiko dafür zu gewinnen“ ...
Wie kommt es, dass von all dem in unseren Medien kaum die Rede ist? Wieso geht die NATO offenbar so eindeutig als Sieger aus der aktuellen „Propagandaschlacht“ hervor? Und gelingt es ihr offenbar, massenweise Desinformationen zu verbreiten?
Nun, die NATO hat in verschiedenen Medien in Deutschland, Österreich und der Schweiz befreundete Journalisten, welche immer im Sinne der NATO schreiben. Das nennt man Information Warfare. Das ist Teil des Krieges. Nur geht es hier um die „Heimatfront“: Die Bürger zu Hause vor dem Bildschirm oder vor der Zeitung. Das überlässt man natürlich nicht dem Zufall. Seit Vietnam haben die USA gelernt, dass die Heimatfront ganz wichtig ist. Daher verfolgt man die einfache Technik: Den Gegner, in diesem Fall Putin, dämonisieren, Chaos schüren und die eigene Gewalt verdecken und Spuren verwischen. ...
Nur ganz wenige Politiker stellen mitunter kritische Fragen zu den NATO-Kriegen oder den NATO-Geheimarmeen. Diese Fragen werden dann aber von der Exekutive mit Verweis auf die militärische Geheimhaltungspflicht nicht oder nur oberflächlich beantwortet. Sowohl die Bürger wie auch die Parlamente in den 28 NATO-Staaten haben leider zunehmend aufgehört, kritisch über die NATO zu diskutieren und ihre dunkle Seite zu durchleuchten. Wir wollen den Balken in unserem Auge nicht sehen. Dabei ist die Bilanz der NATO wirklich trostlos. Sie ist tief in der Gewaltspirale verstrickt, und wenn sie nicht mehr weiter weiß, fordert sie noch mehr Rüstungsausgaben."
Kommentar: Auch das erinnert an die Vorgänge vor 100 Jahren: "Ein Leitfaden der Politik Bethmanns in der Julikrise war es, die anderen Mächte den ersten Schritt tun zu lassen, damit diese als Aggressoren erschienen."
Und: "Die Besprechungen in Potsdam [am 27. Juli 1914 – HS] fasste Moritz von Lyncker, der Chef des kaiserlichen Militärkabinetts, wie folgt zusammen: ‚Unsere Politik sei darauf gerichtet, Russland in die Rolle des Provozierenden zu drängen. ...'"

• Timoschenko: Frieden nutzt Putin
"Die Anführerin der „Batjkiwschtschyna“-Partei Julia Timoschenko ist davon überzeugt, das Ziel des Präsidenten der Russischen Föderation Wladimir Putin bestehe in der Entwaffnung ukrainischer Armee sowie in der Eroberung ukrainischen Territoriums mit Hilfe von Friedensvereinbarungen. Das hat Julia Timoschenko am Sonntag in der Live-Sendung „Podrobnosti nedeli“ des „Inter“-TV-Senders erklärt.
„Man darf dem Putin nicht glauben, denn jedes mal, wenn er die Pausen anbietet, wenn er durch fremde Hände verschiedene Friedenspläne anbietet, verstärkt er seine militärische Präsenz an unseren Grenzen sowie auf unserem Gelände… Putins Strategie besteht in Zubindung uns durch falsche Friedensabkommen und in Eroberung Schritt für Schritt unserer Erde“, - kündigte Timoschenko an.
Ihren Worten nach seien die in Minsk unterzeichneten Dokumente „eine Lüge zu Zweck einer Entwaffnung unserer Armee, einer Neutralisierung unserer Verteidigung, im Tun so, dass die Europäische Union und die Vereinigten Staaten Sanktionen (gegen Russland – red.) schwächer machen oder sie überhaupt aufheben werden“. ..." (Ukrinform, 22.9.14)

• Krimtataren-Organisation unter Druck
"Zuerst stürmten Geheimdienstmitarbeiter das Hauptquartier der Medschlis - der Organisation der Krimtataren, einer Volksgruppe, die 12 bis 14 Prozent der Gesamtbevölkerung der Schwarzmeerhalbinsel stellt. Elf Stunden dauerte die Durchsuchung. Dabei wurden Computer-Festplatten, Dokumente, das neueste Buch von Krimtataren-Führer Mustafa Dschemilew sowie Teile der Auflage von »Avdet«, der Zeitung der Krimtataren, beschlagnahmt. Auch der Safe, in dem Dschemilew persönliche Dinge verwahrt, wurde geknackt, Augenzeugen berichteten, dass dabei auch Geld verschwunden sei.
Kaum waren die Geheimdienstler gegangen, kamen Gerichtsvollzieher und verlasen in Begleitung Schwerbewaffneter einen Vollstreckungsbeschluss des Stadtgerichts von Simferopol, der Hauptstadt der Krim. Damit werden die Medschlis und deren Unterorganisationen - darunter die karitative Stiftung Krim - beauflagt, das ihnen gehörende Gebäude binnen 24 Stunden zu räumen.
Das war vergangenen Dienstag. Am Donnerstag kamen die Gerichtsvollzieher wieder und hatten erneut nichts Gutes zu verkünden. Das Vermögen der Stiftung - darunter sieben Immobilen - sei gesperrt, die Eigentümer dürften darüber nicht mehr verfügen.
Razzien fanden dieser Tage auch in mehreren Moscheen statt. In Fontany, einem Vorort von Simferopol, sogar während des Gebets. Daneben wurden zahlreiche Privatwohnungen und eine krimtatarische Schule durchsucht. Der amtierende Republikchef Sergei Aksjonow hatte die »Maßnahme« mit »Hinweisen« begründet, wonach die Medschlis verbotene Literatur vertreibe und ihre Stiftung sich auch mit Drogen- und Waffenhandel finanziere. Die Beweislage ist allerdings sehr dürftig. Den Fahndern, die laut Augenzeugen mit Panzerfahrzeugen und Maschinengewehren anrückten, fielen lediglich drei religiöse Bücher in die Hände, die in Russland auf dem Index stehen. ..." (Neues Deutschland, 22.9.14)

• Foltervorwürfe gegen Kiewer Truppen
"Die Aufständischen im Donbass haben schwere Foltervorwürfe an die Adresse der ukrainischen Freiwilligenbataillone gerichtet. Auf einem ehemaligen Golfplatz bei Lugansk, der in den letzten Monaten als Standort des Bataillons »Aidar« genutzt wurde, seien mehrere Leichen mit Mißhandlungs- und Hinrichtungsspuren entdeckt worden. Ein ins Netz gestelltes Video zeigt Tote, die aus einem kleinen See auf dem Gelände des Golfplatzes geborgen worden seien. Den Leichen, darunter die einer Frau, fehlten Zehen und Finger. Sie waren mit Steinen an den gefesselten Füßen in dem Gewässer versenkt worden. Ob sie zu diesem Zeitpunkt noch lebten, ist unklar. Gegen das Bataillon »Aidar« hatte auch Amnesty International vor einigen Tagen Foltervorwürfe erhoben. Die nördlich von Lugansk eingesetzte Truppe ist auch unter Anwohnern für Plünderungen und Mißhandlungen mutmaßlicher »Separatisten« berüchtigt. Sie hatte die Position im Zuge der erfolgreichen Gegenoffensive der Aufständischen Anfang September räumen müssen.
Foltervorwürfe gegen den »Rechten Sektor« erhob unabhängig davon der mehrfache Europameister im Karate und Medaillengewinner für die Ukraine, Pjotr Giljow. Wie der im Zuge eines Gefangenenaustausches freigekommene Giljow dieser Tage russischen Zeitungen berichtete, sei er Ende Juni an einem Kontrollpunkt von Angehörigen dieser faschistischen Miliz aus einem Autobus heraus festgenommen und tagelang verprügelt, getreten und mit Stuhlbeinen und anderen Gegenständen traktiert worden. Angesichts seiner Prominenz habe der Sicherheitsdienst der Ukraine vom »Rechten Sektor« verlangt, ihn herauszugeben. Die Ermittlungsrichterin habe es angesichts seines körperlichen Zustands abgelehnt, ein Verfahren gegen ihn zu eröffnen. Giljow sagte, er habe die Torturen nur überlebt, weil er als professioneller Karatekämpfer gewohnt sei, Schmerz auszuhalten. ..." (junge Welt, 22.9.14)

• Das traditionsreiche Wirken der CIA in der Ukraine
... beschreibt Paul Schreyer in der Ausgabe der Tageszeitung junge Welt vom 22.9.14:
"... Nachdem die Nazis bei ihrem Vormarsch gegen die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg bereits auf die Unterstützung ukrainischer Nationalisten unter Stepan Bandera gesetzt hatten, nahm nach dem Krieg die CIA Banderas Sicherheitschef Mikola Lebid unter ihre Fittiche. Lebid wurde in internen Dokumenten von den Amerikanern als »bekannter Sadist und Kollaborateur der Deutschen« mit »hinterhältigem Charakter« beschrieben, und man wußte von ihm, daß die Gestapo ihn ausgebildet hatte. Lebid wurde zum wichtigsten Mann der CIA, um im Kalten Krieg Einfluß auf die Ukraine zu nehmen. Ab etwa 1950 war dies die Aufgabe der CIA-Operation »Aerodynamic«, zu deren Schlüsselfigur Lebid aufstieg. Es wurden Agenten in die Ukraine ein- und ausgeschleust und das Untergrundnetzwerk des Landes in jeder Hinsicht unterstützt. Ebenso wie heute ging es dabei im Kern um die Schwächung Moskaus. ...
Mitte der 1950er Jahre allerdings, nachdem es der Sowjetunion schließlich gelungen war, das Netzwerk von Mikola Lebid in der Ukraine zu infiltrieren, endete die aggressive Phase des CIA-Programms »Aerodynamic«. Das Ein- und Ausschleusen von Agenten und militanten Widerstandskämpfern war erst einmal passé.
In der Folge verlegte man sich auf den nicht weniger bedeutsamen verdeckten ideologischen Kampf. Unter Lebids Führung wurde in New York eine Art »Kulturprogramm« gestartet. Die CIA gründete dazu eine private Organisation namens »Prolog Research Corporation«, die ukrainische Zeitungen und Bücher herausgab sowie Radioprogramme produzierte. Parallel wurde eine Außenstelle in München namens »Ukrainische Gesellschaft für Auslandsstudien« geschaffen, wo die meisten »Prolog«-Veröffentlichungen entstanden. Die Corporation bezahlte eine ganze Reihe von ukrainischen Schriftstellern im Exil, von denen die meisten nichts vom CIA-Hintergrund der Organisation wußten. Die schönen Künste wurden zur Propagandawaffe. Das Geheimdienstprogramm unterstützte in den 1970er Jahren sogar Ausstellungen ukrainischer Kunst in den USA, wobei der Schwerpunkt auf Arbeiten von Dissidenten lag, die in der Ukraine verboten waren. ...
In den 1960er und 1970er Jahren beeinflußte »Prolog« eine ganze neue Generation von Ukrainern, die weder ahnten, daß die USA der Zahlmeister vieler ihrer Ideengeber waren, noch, daß diese Unterstützung ihres nationalen kulturellen Selbstbewußtseins nur ein Mittel zu einem größeren imperialen Zweck sein sollte.
Lebid setzte sich 1975 zur Ruhe, blieb aber weiterhin Berater von »Prolog«. Ende der 1970er Jahre weitete Zbigniew Brzezinski, damals Nationaler Sicherheitsberater von US-Präsident James Carter, das Programm weiter aus, da er von dessen Erfolg überzeugt war. Sein familiärer Hintergrund spielte wohl ebenso eine Rolle – Brzezinskis Vater, ein polnischer Diplomat, war im Gebiet der späteren Ukraine aufgewachsen. In den 1980er Jahren wurde das Programm auf weitere Nationalitäten innerhalb der Sowjetunion ausgedehnt und galt letztlich als eines der erfolgreichsten dieser Art für die CIA. ...
Und so führt der rote Faden von den militanten 1940er Nachkriegsjahren und dem Elitenberater Allan W. Dulles über die Zusammenarbeit mit ukrainischen Nazikollaborateuren wie Mikola Lebid bis hin zur waffenlosen »Soft power« der Intellektuellenförderung durch CIA wie NED und nun zu einer wieder militanten Gegenwart mit CIA-Beratern beim »Antiterror«-Krieg in der Ostukraine. Dazu passen auch die aktuellen Aussagen von Semjon Semjontschenko, dem Anführer des rechtsnationalen ukrainischen Bataillons »Donbass«, der eigenen Angaben zufolge derzeit in Washington weilt, um Gespräche mit US-Politikern zu führen und ein Training seiner Kämpfer durch die US-Armee zu vereinbaren. ..."

• Demo in Moskau gegen Krieg und Putin
"„Nein zum Krieg“, skandierten tausende Demonstranten am Sonntag in Moskau. Erstmals seit Ausbruch des Konflikts in der Ostukraine manifestierte sich in der russischen Hauptstadt der Widerstand gegen die Politik Wladimir Putins. „Wofür sterben unsere Soldaten?“, hieß es auf Plakaten auf dem Friedensmarsch im Zentrum Moskaus.
Auch Michail Chodorkowski, der prominenteste Putin-Kritiker, signalisierte aus seinem Schweizer Exil Unterstützung für die Demonstranten. „Unser Land nimmt direkt oder indirekt an dem Konflikt teil“, notierte er auf der Homepage seines soeben gegründeten Oppositionsbündnisses Open Russia, die die Zivilgesellschaft in Russland fördern soll. In einem „Spiegel“-Interview kritisierte er: „Der Westen hat mit seiner sogenannten Realpolitik bei Putin die Überzeugung genährt, dass er und seine Umgebung alles dürfen.“ ..." (Die Presse online, 21.9.14)
"Tausende Menschen haben sich am Sonntag im Zentrum von Moskau zu einem „Friedensmarsch“ eingefunden. An der von Oppositionsparteien organisierten Aktion nehmen sowohl Anhänger der russischen Opposition als auch Unterstützer der nicht anerkannten „Volksrepubliken“ in der Ost-Ukraine teil.
Der „Friedensmarsch“ hat auf dem Puschkin-Platz in Moskaus Stadtkern begonnen und soll am Sacharow-Prospekt enden. Zu der behördlich genehmigten Aktion sind nach Polizeiangaben rund 5000 Menschen gekommen. Die Veranstalter hatten 50.000 Teilnehmer angekündigt. "Nein zum Krieg!", skandieren die Demonstranten. Viele von ihnen tragen ukrainische Staatssymbole, andere halten Flaggen der von Kiew abtrünnigen Donezker und Lugansker „Volksrepublik“ hoch. Hunderte Polizisten sorgen für die öffentliche Sicherheit. ..." (RIA Novosti, 21.9.14)

• Warmlaufen für den Regimewechsel in Moskau: Chodorkowski mit präsidialen Ambitionen
"Der frühere russische Ölmagnat Michail Chodorkowski hat Ambitionen auf das Präsidentenamt angedeutet. Zunächst will er Kreml-Chef Wladimir Putin aber mit der proeuropäischen Oppositionsbewegung "Offenes Russland" herausfordern, die er am Samstag in Paris gründete. Der 51-Jährige war erst im Dezember nach zehn Jahren Lagerhaft von Putin begnadigt worden - unter der Bedingung, sich nicht mehr in die Politik des Landes einzumischen.
Bei der Gründungszeremonie der Initiative in Paris rief Chodorkowski seine Landsleute auf, sich vor den 2016 anstehenden Parlamentswahlen für politische Reformen und Rechtsstaatlichkeit einzusetzen. "Offenes Russland" soll über eine Online-Plattform ein Forum für Gleichgesinnte bieten, ist laut Chodorkowski aber keine politische Partei. ...
Der französischen Zeitung "Le Monde" sagte er: "Wenn sich das Land normal entwickeln würde, wäre ich nicht daran interessiert, Präsident zu werden." Sollte Russland aber jemanden brauchen, "um das Land aus der Krise zu führen und die Verfassung zu reformieren, also vor allem die Macht des Präsidenten auf die Justiz, das Parlament und die Zivilgesellschaft zu verteilen, dann stünde ich für diesen Teil der Aufgabe bereit".
Im Gegenzug für seine Freilassung hatte Chodorkowski faktisch versprechen müssen, sich aus der russischen Politik herauszuhalten. Eine offizielle Reaktion des Kreml-Chefs auf die Gründung von "Offenes Russland" gibt es nicht. "Ich denke, er wird verärgert sein", sagte Chodorkowski in Paris, zumal der Ex-Oligarch auch den Sturz der prorussischen Regierung in der Ukraine offen begrüßte.
"Putin ist mein politischer Gegner, aber ich hasse ihn nicht", sagte Chodorkowski dem "Spiegel" in einem weiteren Interview. Darin warf er den westlichen Staaten vor, dem Kreml-Chef zu lange freie Hand gewährt zu haben: "Der Westen hat mit seiner sogenannten Realpolitik bei Putin die Überzeugung genährt, dass er und seine Umgebung alles dürfen. Die Botschaft war: Lasst uns gute Geschäfte machen, ansonsten ist alles erlaubt." ..." (AFP, 21.9.14)

• Waffenruhe wieder ignoriert - NATO sieht weiter russische Soldaten
"Trotz der Einigung auf eine Waffenruhe und eine entmilitarisierte Pufferzone in der Ostukraine reißt die Gewalt in der Konfliktregion nicht ab. Nachdem die Großstadt Donezk bereits am Samstag von Explosionen erschüttert wurde, war zuletzt rings um den nahegelegenen Flughafen Gefechtslärm zu hören. Die Ukraine-Kontaktgruppe hatte eine Vereinbarung zur Entspannung der Lage unterzeichnet - ob und wann sie umgesetzt wird, ist unklar. ...
Die ukrainischen Streitkräfte erklärten, nach der Unterzeichnung des Neun-Punkte-Plans seien zwei Soldaten getötet und acht weitere verletzt worden. Solange die Waffenruhe als Hauptpunkt des Abkommens nicht uneingeschränkt gelte, "können wir auch nicht über die folgenden Punkte reden", sagte Armeesprecher Andrej Lyssenko.
Die Aufständischen wiederum erklärten, dass ihre Stellungen rund um den von Regierungstruppen gehaltenen Flughafen Donezk beschossen worden seien. Als Vergeltung habe es Gegenangriffe gegeben. "Beide Seiten wollen einander demonstrieren, dass sie noch da sind", sagte ein Rebell der Nachrichtenagentur AFP. Nach örtlichen Behördenangaben brachten am Samstag zudem Artilleriegeschosse eine von den Rebellen kontrollierte Waffenfabrik und ein Sprengstofflager in einem Vorort von Donezk zur Explosion, ohne dass es dabei Tote gab.
Auch Nato-Oberbefehlshaber Philip Breedlove kam zu dem Schluss, dass die Waffenruhe "nur auf dem Papier existiert. Was auf dem Boden passiert, ist eine völlig andere Sache". Außerdem seien nach wie vor russische Soldaten im Osten der Ukraine stationiert, sagte Breedlove im litauischen Vilnius, wo die Nato am Vorabend den Aufbau fünf regionaler Kommandozentralen entlang ihrer Außengrenze zu Russland angekündigt hatte. ..." (AFP, 21.9.14)

• Armee stellt Pufferzone in Frage
"Die ukrainische Armee hat die dauerhafte Einhaltung einer Waffenruhe im Osten des Landes zur Voraussetzung für die verabredete Einrichtung einer Pufferzone erhoben. Die Waffenruhe sei einer der Hauptpunkte der in Minsk getroffenen Übereinkunft zwischen Kiew und den Rebellen, sagte der Armeesprecher Andrej Lyssenko.
"Solange dieser Punkt nicht erreicht ist, können wir auch nicht über die folgenden Punkte reden." Seit der Unterzeichnung des Neun-Punkte-Plans am Samstag seien zwei Soldaten getötet und acht weitere verletzt worden. Auch die Aufständischen in Donezk teilten mit, dass immer wieder Schüsse und Explosionen zu hören seien. Demnach hielten die ukrainischen Regierungstruppen weiter viele Stellungen mithilfe schwerer Artillerie unter Kontrolle. ..." (Die Presse online, 21.9.14)

• Steinmeier: Russland muss sich bewähren
Die Lübecker Nachrichten veröffentlichten in ihrer Online-Ausgabe am 20.9.14 ein Interview mit Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier:
"... LN: Russland ist im April nicht dabei. Wie groß ist Ihre Hoffnung, dass aus G7 wieder G8 wird?
Steinmeier: Das Aussetzen der Mitgliedschaft Russlands war kein Selbstzweck, sondern eine Reaktion auf das Vorgehen gegen die Ukraine, insbesondere auf die völkerrechtswidrige Annexion der Krim. Unser Interesse ist es nicht, Russland dauerhaft zu isolieren. Nach der Vereinbarung des Zwölf-Punkte-Plans zwischen Präsident Putin und Präsident Poroschenko kann Russland beweisen, dass es sich an Verabredungen hält und die Einheit der Ukraine achtet. Passiert das, können wir wie angekündigt über die Rücknahme von Sanktionen entscheiden — und auch darüber, ob wir von G7 zu G8 zurückkehren.
LN: Der Waffenstillstand in der Ukraine hält einigermaßen. Eine Folge der Sanktionen?
Steinmeier: Vielleicht ist es eher so, dass beide Seiten an den Punkt gekommen waren, an dem sie erkennen mussten, dass eine militärische Lösung des Konflikts nicht möglich ist, sondern nur weitere Tausende von Todesopfern bedeutet hätte. Aber ganz sicher haben die Sanktionen tiefe Spuren in der russischen Wirtschaft hinterlassen. Der Kapitalabfluss ist stark gewachsen, die Zurückhaltung ausländischer Investoren ebenso. Die Notenbank musste intervenieren, um den Rubel zu stützen. Eine Fortsetzung der bisherigen russischen Politik gegenüber der Ukraine wäre mit ernsten wirtschaftlichen Folgen verbunden.
LN: Sind Sie im Ukraine-Konflikt optimistischer geworden?
Steinmeier: Nicht in dem Sinne, dass wir in naher Zukunft wieder in die Normallage europäisch-russischer Beziehungen zurück pendeln. Dazu ist zu viel Vertrauen zerstört worden. Aber wir waren in einer ausgesprochen gefährlichen Situation, in der eine offene militärische Konfrontation zwischen russischen und ukrainischen Streitkräften immer wahrscheinlicher wurde.
Das zeigt, wie viel durch eine Waffenruhe, mag sie auch brüchig sein, schon gewonnen ist. Das ist zwar noch nicht die politische Lösung, aber immerhin ein Schritt in die richtige Richtung. Politische Lösungen entstehen nicht im Mündungsfeuer von Gewehren. Man braucht diese Phase des Waffenstillstands, um sie wieder möglich zu machen. ..."

• Ex-Außenminister Genscher zweifelt an Sanktionen gegen Russland 
"In der aktuellen Folge der Fernsehsendung Im Dialog (die die Presse vorab sehen durfte) stellt der langjährige deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher den Sinn der EU-Sanktionen gegen Russland infrage: Er, so der FDP-Politiker, habe seine "Zweifel, ob wir am Ende sagen werden, das war eine besonders erfolgreiche Unternehmung".
Sanktionen sind Genschers Worten nach "wie eine Leiter": Es geht "immer eine Stufe höher, und auf einmal ist sie zu Ende". Diejenigen, die das Instrument einsetzen, stehen dem 87-Jährigen zufolge irgendwann "vor der Frage, ob sie wieder runterklettern oder runterspringen". Und das möchte der Vermittler der deutschen Wiedervereinigung den Europäern "lieber ersparen".
Außerdem rät der maßgeblich am Aushandeln der KSZE-Schlussakte von Helsinki beteiligte Austragspolitiker seinen aktiven Kollegen zur sprachlichen Mäßigung, weil "starke Worte" seiner Ansicht nach nicht weiterführen und "Aufrüstung oft mit der Aufrüstung der Worte begonnen hat". Zudem, so Genscher, könne auch das russische Volk "Respekt von seinen Nachbarvölkern" erwarten. Überdies müsse die deutsche, europäische und US-amerikanische Politik stärker berücksichtigen, dass die NATO in der Vergangenheit Zusagen verletzte: "Russland hat […] akzeptiert, dass die unabhängig gewordenen Staaten Mitglied der Europäischen Union wurden. Wenn aber dann, zusätzlich zur NATO-Mitgliedschaft, etwas nicht mehr eingehalten wird, was man zugesagt hatte, wie in der NATO-Erklärung von 1997, die besagt, dass man nicht ständige Stationierungen in den neuen Mitgliedsländern vornehmen will, und dann dort Raketenabwehrstellungen gebaut werden sollen, dann bedeutet das eine Veränderung."
Dass die Waffensysteme in Osteuropa "sicher nicht, […] wie vorgegeben wird, gegen Iran aufgebaut werden, sondern dass sie natürlich auch in eine andere Richtung wirksam sind", erklärt Genschers Ansicht das neue russische Misstrauen gegenüber dem westlichen Militärbündnis.
Aber auch ein "gegenseitiges Aufrechnen" würde seinen Worten nach nicht weiterführen. Stattdessen müsse man offen mit Putin sprechen und akzeptieren, dass er die "klare Zielsetzung hat, [für Russland] eine Position zu schaffen, die nichts mehr mit der Schwächeposition eines [Boris] Jelzin zu tun hat". ..." (Telepolis, 20.9.14)

• Moskau rechnet nicht mit baldiger Aufhebung der Sanktionen
"Russlands Wirtschaftsminister Alexej Uljukajew erwartet zwar keine neuen Sanktionen des Westens gegen Russland, die bereits bestehenden Sanktionen werden allerdings nach seiner Ansicht kaum in absehbarer Zeit aufgehoben.
„Ich denke, dass es eher keine neuen Sanktionen geben wird“, sagte er am Samstag am Rande des Wirtschaftsforums in Sotschi. „Die bereits beschlossenen Sanktionen werden allerdings noch lange bestehen, und zwar unabhängig von der Entwicklung in der Ukraine. Selbst bei der Umsetzung aller in Minsk erzielten Vereinbarungen werden die Sanktionen wohl kaum aufgehoben. Wir werden noch lange damit leben müssen. Im Haushaltsentwurf für 2015 sind wir zwar von der Aufhebung der Sanktionen ausgegangen, mir persönlich scheint es aber, dass dies nicht geschehen wird.“ ..." (RIA Novosti, 20.9.14)

• Poroschenko: Kriegstreiber keine Gesinnungsgenossen
Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko hat am 16.9.14 Journalisten gegenüber das Gesetz zum auf drei Jahre befristeten Sonderstatus der Donbass-Region als "Grundlage für den Frieden" bezeichnet. "Die Ukraine braucht entscheidend Frieden und ich persönlich bin für die Umsetzung des Friedensplans verantwortlich. Jeder, der Krieg will, ist nicht mein Gesinnungsgenosse", wird er vom präsidialen Pressedienst zitiert. Poroschenko sprach sich für Versöhnung mit der "neuen Regierung" in den Regionen Lugansk und Donezk aus, die die dort Lebenden wählen sollen. Die Dezentralisierung der Macht und mehr Befugnisse für die Regionen "waren und sind die wichtigsten Punkte des Friedensplans". Frieden und Harmonie zu bringen, das "ist mein Weg", so der Präsident.
"Wir lassen es nicht zu, dass der fragile Waffenstillstand zerstört und die Ukraine in einen verbrecherischen Krieg gezogen wird. Heute haben wir mehr möglich gemacht, das Sterben der Menschen in der Ostukraine zu stoppen. Das ist die Hauptsache." Es müsse sicher gestellt werden, dass auch die Gegner diesen Schritt mitgehen.

Sonntag, 21. September 2014

Nachrichtenmosaik Ukraine Folge 76

Gesammelte Nachrichten und Informationen zu den Ereignissen in der Ukraine und deren Hintergründen, ohne Gewähr und Anspruch auf Vollständigkeit und fast ohne Kommentar (aktualisiert: 19:41 Uhr)

• Russland will Ostukraine nicht angliedern
Die Redaktion des Online-Magazins Luftpost aus Kaiserslautern hat einen Beitrag des US-Historikers Eric Zuesse zur Frage, ob Russland die Ostukraine einverleiben will, auf deutsch veröffentlicht:
"Der Anführer der ukrainischen Separatisten hat erklärt, das an den russischen Präsidenten Wladimir Putin gerichtete Begehren, das von den Separatisten gehaltene Territorium in Russland einzugliedern, sei von der russischen Regierung zurückgewiesen worden. Er fügte hinzu:" Deshalb werden wir unseren eigenen Staat aufbauen." [Diese wichtige Erklärung, die Rebellenführer Andrei Purgin (s. http://en.itar-tass.com/world/748746 ) am Mittwoch, dem 17. September, abgegeben hat, wurde in einer Meldung der US-Presseagentur The Associated Press / AP über "Verluste in der Ostukraine" mehr versteckt als verbreitet (AP-Meldung s. unter http://www.masslive.com/news/index.ssf/2014/09/east_ukraine_casualties_rise_a.html ). Es ist typisch für die propagandistische Berichterstattung der US-Medien; wichtige Meldungen, die nicht in die Propaganda der US-Regierung passen, unter anderen Nachrichten zu verstecken und keinesfalls durch Schlagzeilen hervorzuheben. Das ist auch mit dieser Erklärung geschehen.]
Die russische Regierung hat also klargestellt, dass sie das jetzige Territorium Russlands nicht erweitern will. Russland hat zwar rund eine Million Flüchtlinge aufgenommen, die vor dem Bürgerkrieg in der Ukraine geflohen sind, will aber keinen Anteil vom Territorium der Ukraine. Die Krim gehörte von 1783 bis 1954 traditionell zu Russland, bis sie (Chruschtschow), der damalige Chef der Sowjetunion, an die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik abtrat (s. http://www.welt.de/geschichte/article125628675/Und-ploetzlich-gehoerte-die-Krim-zur-Ukraine.html ); die Einwohner der Krim haben diese Abtretung aber nie akzeptiert und sich überwiegend weiterhin als Russen gefühlt. Obwohl der Pachtvertrag der russischen Marine für Sewastopol, den Hafen ihrer Schwarzmeer-Flotte auf der Krim, erst 2042 ausgelaufen wäre, wollte die im Februar an die Macht geputschte ukrainische Regierung ihn vorzeitig kündigen. Dadurch wäre die Verteidigungsfähigkeit Russlands entscheidend geschwächt worden. Außerdem drohten die neuen ukrainischen Machthaber Russland mit einem Atomkrieg. Deshalb hat Putin den (in einer Volksabstimmung von dem Krim-Bewohnern gewünschten) Anschluss der Krim an Russland akzeptiert, lehnt aber die  Angliederung weiterer Territorien der Krim an Russland  entschieden ab. ...
Präsident Putin und Präsident Obama stehen seit dem von der Obama-Regierung inszenierten Putsch im Februar regelmäßig in direktem Kontakt miteinander. Vielleicht ist der Verzicht Putins auf ukrainisches Territorium Teil einer  Abmachung zwischen den beiden führenden Politikern, die Obama dazu verpflichtet, dem ukrainischen Militär – trotz des Drängens der Republikaner und konservativer Demokraten im Kongress – keine Waffen zur Fortsetzung der ethnischen Säuberung zur Verfügung zu stellen. ..." (Luftpost, 22.9.14)

• Aufständische melden Rückzug Kiewer Truppen
"Nach der Einigung auf eine demilitarisierte Zone in der Ostukraine registrieren die prorussischen Separatisten einen Rückzug von Regierungstruppen aus Ortschaften im Raum Donzek. Das meldete die Agentur Interfax am Sonntag unter Berufung auf die Aufständischen. Auch die Waffenruhe in den nicht anerkannten "Volksrepubliken" Donezk und Lugansk hält im Großen und Ganzen, wie Medien berichten.
Die Lage sei insgesamt weiter gespannt, teilten die Separatisten mit. Sie hatten unter Vermittlung der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) in der Nacht auf Samstag eine Pufferzone von 30 Kilometern vereinbart. In der Zone sind keine Waffen oder Kampfverbände erlaubt." (Wiener Zeitung online, 21.9.14)

• Angehörige deutscher MH17-Opfer wollen Kiew verklagen
"Hinterbliebene deutscher Opfer des in der Ukraine abgestürzten Passagierflugzeugs von Malaysia Airlines wollen das Land vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verklagen. Nach internationalem Recht sei "jeder Staat für den Luftraum über seinem Staatsgebiet verantwortlich, wenn er ihn für Durchflüge öffnet", sagte der Rechtsanwalt und Luftfahrtrechts-Professor Elmar Giemulla.
Könne ein Staat die Sicherheit nicht gewährleisten, müsse er seinen Luftraum sperren, was im Fall von Flug MH17 nicht geschehen sei, sagte Giemulla, der drei deutsche Opferfamilien vertritt, der Zeitung "Bild am Sonntag".
Die Ukraine habe damit in Kauf genommen, dass das Leben Hunderter unschuldiger Menschen "vernichtet worden ist", so Giemulla weiter. Die Ukraine habe damit eine Menschenrechtsverletzung begangen. Giemulla will deshalb für die deutschen Hinterbliebenen in etwa zwei Wochen beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte im französischen Straßburg eine Klage gegen die ukrainische Regierung und Staatschef Petro Poroschenko einreichen.
Der Vorwurf lautet nach Giemullas Angaben auf Totschlag durch Unterlassen in 298 Fällen. Der Anwalt will hohe Schmerzensgeldforderungen durchsetzen. ..." (Wiener Zeitung online, 21.9.14)

• Kiew hat kein Geld für neue Waffen
"Für den Erwerb neuer Kampftechnik für die ukrainische Armee gibt es laut Alexander Daniljuk, Berater des Verteidigungsministers, kein Geld.
„Oft wird die Frage gestellt, warum das Verteidigungsministerium die Militärtechnik nicht kauft, die in ukrainischen Verteidigungsindustriebetrieben herumsteht“, schrieb Daniljuk in seinem Facebook. „Meine Antwort: Wir haben kein Geld für die Ausrüstung der Armee mit neuer Technik. Gerade deshalb gilt die Priorität der Wiederherstellung und Modernisierung der bestehenden Technik.“
Zuvor hatte der ukrainische Justizminister Pawel Petrenko auf die Korruption im Generalstab hingewiesen und die Notwendigkeit betont, die ukrainische Armee aufzulösen." (RIA Novosti, 20.9.14)

• Moskau: Söldner auf beiden Seiten
"Russlands Botschafter in Kiew, Michail Surabow, der Moskau bei den Verhandlungen der Kontaktgruppe für die Regelung des Ukraine-Konflikts in Minsk vertritt, sieht Söldner auf beiden Seiten des Konflikts.
„Unsere Kollegen haben bereits mehrmals Fakten angeführt, wonach  jene, die wir als Söldner bezeichnen, sowohl auf der einen, als auch auf der anderen Seite präsent sind“, kommentierte er den Punkt des am Samstagmorgen angenommenen Memorandums, in dem es um den Abzug ausländischer Kräfte und Rüstungen vom Territorium der Ukraine geht.
„Solche Feststellungen stehen mit unserer Auffassung der Situation absolut im Einklang“, fügte er hinzu. „Das ist notwendig, und wir werden uns damit befassen.“
„Ich möchte betonen, dass die Kontrolle der OSZE in dieser Frage eine zentrale Aufgabe dieser Organisation sein wird“, sagte Surabow. ..." (RIA Novosti, 20.9.14)

• Chodorkowski gründet Anti-Putin-Bewegung
"Der ehemals reichste Mann Russlands, Michail Chodorkowski, rief seine Landsleute heute auf, sich gemeinsam für einen politischen Kurswechsel und Rechtsstaatlichkeit einzusetzen. Die von ihm gegründete Bewegung «Offenes Russland» soll über eine Online-Plattform ein Forum für Gleichgesinnte bieten, ist laut Chodorkowski aber keine politische Partei. Die Gründungszeremonie in Paris wurde im Internet übertragen.
«Wahre Patrioten sollten ihrem Land und Volk auch in düsteren Zeiten dienen», sagte Chodorkowski, der im Dezember nach zehn Jahren Lagerhaft von Putin begnadigt worden war und mittlerweile in der Schweiz lebt. «Eine Minderheit kann einflussreich sein, wenn sie sich organisiert.»
Dass Russland nicht zu Europa gehöre, sei «eine Lüge derjenigen, die das Land ein Leben lang beherrschen wollen, die auf Gesetz und Justiz spucken». In Wirklichkeit sei Russland «sowohl geographisch als auch kulturell» ein Teil Europas, sagte Chodorkowski. ..." (Tages-Anzeiger online, 20.9.14)

• Weiter Gefechte trotz Waffenruhe - neuer Hilfskonvoi
"Auch zwei Wochen nach Beginn einer offiziellen Feuerpause kommt es in der Ostukraine weiter zu Kampfhandlungen. Die Großstadt Donezk wurde von mehreren heftigen Explosionen erschüttert. Nach Darstellung der prorussischen Aufständischen schlugen zwei Raketen in eine Rüstungsfabrik ein.
Dem ukrainischen Militär zufolge gab es Artilleriebeschuss in mehreren Gebieten der Ostukraine.Verstöße gegen die Waffenruhe sollte eine zuvor im weißrussischen Minsk zwischen den Konfliktparteien getroffene Vereinbarung verhindern.Danach müssen beide Seiten schwere Waffen um jeweils 15 Kilometer zurückziehen.
Kurz nach dem Treffen von Minsk entsandte Russland einen dritten Hilfskonvoi in das Konfliktgebiet.Rund 200 Lkw passierten nach russischen Angaben ohne Kontrolle die Grenze bei Rostow und fuhren nach Donezk.Die Ladung der Lastwagen soll aus 2000 Tonnen Hilfsgütern für die notleidende Bevölkerung von Donezk bestehen." (Euronews, 20.9.14)

• Vor der Wahl wird Atmosphäre der Angst geschürt
Die Tageszeitung junge Welt hat in ihrer Ausgabe vom 20.9.14 ein Interview mit der ukrainischen oppositionellen Parlamentarierin Jelena Bondarenko veröffentlicht:
"Der Innenminister Arsen Avakov soll erklärt haben, wenn Jelena Bondarenko im Parlament auftrete, möchte er zur Pistole greifen. Julia Timoschenko hat ja schon mal einen ähnlichen Wunsch in Bezug auf den russischen Präsidenten geäußert. Das zeigt zwar, wes Geistes Kind solche selbsternannten Demokraten sind. Aber sollte man solche Kraftmeierei ernstnehmen?
Wenn man schon einmal auf Sie geschossen hätte – und mir ist das im Dezember 2013 in Kiew widerfahren –, dann würden Sie Drohungen dieser Art nicht nur als primitive Rhetorik nehmen.
Ich kenne die Fernsehbilder, sah, wie oppositionelle Parlamentarier von Abgeordneten der Regierungsparteien verprügelt wurden. Insofern habe ich keinen Zweifel, daß Ihre Ängste und Sorgen berechtigt sind. Geht es auch anderen Oppositionspolitikern so?
Natürlich, ich bin ja kein Einzelgänger. Meine Partei…
… die Partei der Regionen, bis zum Putsch im Februar Regierungspartei …
… hat eine Erklärung zu den fortgesetzten Übergriffen abgegeben, die auf unserer Homepage zu lesen ist. Die hiesigen Medien interessieren sich jedoch so wenig dafür wie die Strafverfolgungsbehörden. Vor der Unterdrückung der Opposition verschließen die Rechtsorgane und die vierte Gewalt die Augen. Journalisten wurden eingeschüchtert durch Angriffe auf die Medienholding »Vesti«, andere – etwa der bekannte Publizist Sergej ­Leschtschenko oder Nayyem von der Ukrainskaja Prawda – ließen sich mit einem Listenplatz in der Poroschenko-Partei ködern. Damit scheiden sie als bislang kritische Journalisten aus. Da steckt System dahinter, die Opposition soll mundtot gemacht werden. ...
... Aber meinen Sie nicht, daß es in der Ukraine weitaus größere Probleme gibt als die von Ihnen angesprochenen? Es herrschte Bürgerkrieg, und selbst wenn jetzt die Waffen ruhen, gibt es riesige Schäden. Die Versorgung in weiten Landesteilen mit Energie, Lebensmitteln und anderen Gütern ist gestört, wenn nicht gar zusammengebrochen, Millionen Menschen sind auf der Flucht. Und der Winter steht vor der Tür. Experten sehen eine humanitäre Katastrophe spätestens im Januar. Was meinen Sie, weshalb schon am 26. Oktober gewählt werden soll? Ursprünglich wollte Poroschenko sogar Anfang Oktober wählen lassen. Im November beginnt es kalt zu werden. Da würden bereits weitaus mehr Menschen sich in der Wahlkabine für die Politik der derzeit Herrschenden bedanken. Also zog man die Wahlen vor. Das alles ist Kalkül.
Petro Symonenko, Fraktionschef der Kommunisten, wurde im Parlament verprügelt, Nikolaj Lew­tschenko aus Ihrer Partei gewaltsam vom Mikrofon entfernt…
Das sind nur die spektakulären Bilder, die nach draußen gehen. Man sieht doch nicht, wenn uns der Parlamentschef das Mikrofon abdreht oder Oppositionspolitiker von »friedlichen Demonstranten«, die von der Berichterstattung aufgehetzt wurden, vorm Parlamentsgebäude aufgelauert und angegriffen werden. Wir gelten als »Vaterlandsverräter«, die die Ost­ukraine an Rußland ausliefern wollen. Die Regierungspropaganda wirkt. Es herrscht eine Atmosphäre des Hasses und der Angst. Das westliche Ausland ist der Resonanzboden. Durch die einseitige, unkritische Berichterstattung dort werden die Kriegsparteien in Kiew in ihrem Handeln bestärkt. ..."

• Pufferzone in Ostukraine vereinbart
"Zwei Wochen nach Beginn der Waffenruhe in der Ostukraine haben sich Vertreter der Regierung in Kiew und der prorussischen Separatisten auf die Einrichtung einer Pufferzone geeinigt. Nach Angaben des ehemaligen ukrainischen Präsidenten Leonid Kutschma müssen beide Seiten ihre schwere Waffen jeweils um 15 Kilometer zurückziehen. So entsteht eine Sicherheitszone von 30 Kilometern. Fast sieben Stunden hatte die Kontaktgruppe in der weißrussischen Hauptstadt Minsk verhandelt.
Im von den prorussischen Separatisten kontrollierten Donezk begann man mit Aufräumarbeiten. Über den künftigen Status der von den Separatisten kontrollieren Gebiete im Osten der Ukraine soll erst später gesprochen werden." (Euronews, 20.9.14)
"... Der OSZE-Vorsitzende Didier Burkhalter hat die Einrichtung einer Pufferzone als beutenden Schritt für die friedliche Lösung der Krise bezeichnet. Er drückte die Hoffnung aus, dass die Übereinkunft der leidenden Bevölkerung in der Region Erleichterung bringen wird. Zudem rief der Bundespräsident alle Konfliktparteien auf, zu einer Deeskalation der Lage beizutragen.
Der Plan umfasst neun Punkte. Zentraler Punkt ist der Rückzug der Konfliktparteien um jeweils mindestens 15 Kilometer hinter eine sogenannte Kontaktlinie. «Dadurch entsteht eine Sicherheitszone von 30 Kilometern», sagte der Repräsentant der ukrainischen Führung, der frühere Staatspräsident Leonid Kutschma. Die Demilitarisierung solle noch am Samstag beginnen.
Der Aktionsplan knüpft an den Beschluss einer Waffenruhe für die Ostukraine vom 5. September an. Trotzdem kam es seither fast täglich zu Gefechten mit Toten.
Weiter vereinbarten die Konfliktparteien, in besiedelten Gebieten keine schweren Waffen einzusetzen, sowie die Sicherheitszone nicht mit Flugzeugen oder Drohnen zu überfliegen. Beobachtungsdrohnen der OSZE sind gemäss Kutschma ausgenommen. Österreich hat bereits die Bereitstellung solcher Drohnen zugesagt, die deutsche Regierung prüft eine Beteiligung.
Sämtliche ausländische Kämpfer sollen überdies das Land verlassen. Berichte über das heimliche Eindringen von Soldaten und russischen Militärfahrzeugen in die Ostukraine hatten den Konflikt zwischen Kiew und Moskau angeheizt. Das Aussenministerium in Moskau bekräftigte am Samstag erneut, es seien keine russischen Soldaten in der Ukraine. ..." (Tages-Anzeiger online, 20.9.14)

• Deutsche Angst vorm Regimewechsel in Moskau?
Auf Spiegel online hat sich am 18.9.14 der Moskau-Korrespondent des Magazin, Benjamin Bidder, schon mal vorgestellt, was wäre, "Wenn Putin stürzt":
"Im Frühjahr war ich Zeuge der Unterhaltung eines ukrainischen Offiziers mit einem westlichen Diplomaten. Der Ukrainer hatte eine Bitte: Der Westen solle helfen, Putin zu stürzen. Der Diplomat sagte: "Wir werden es versuchen."
Wahrscheinlich wollte er den Ukrainer nicht vor den Kopf stoßen. Die Frage stellt sich aber schon: Soll der Westen auf ein Ende der Ära Putin hoffen? Könnte er es beschleunigen, durch Druck und Sanktionen?
Russlands Wirtschaft zu ruinieren, erscheint nicht schwer. Der Kreml hat die Vorarbeit selbst erledigt. Über 470 Milliarden Euro sind seit 2008 aus dem Land abgeflossen, der Devisenschatz schmilzt seit 2012. Selbst hohe Ölpreise treiben die Wirtschaft nicht mehr an, die Kaufkraft lahmt, einen neuen Wachstumsmotor gibt es nicht.
Angesichts der Wirtschaftsprobleme könnte die Lage für Putin brenzlig werden. Dazu kommen politische Probleme. Auf Massendemonstrationen 2011 hat er mit mehr Zensur und Prozessen gegen die Opposition reagiert. Jetzt herrscht Ruhe, aber die Missstände gibt es noch immer. ...
Es gehört nicht viel Fantasie dazu, um sich Putins politisches Ende auszumalen. Abwählen wie seinen Freund Gerhard Schröder kann man ihn nicht. Zwei Varianten sind denkbar: Entweder die jetzige Führungselite im Kreml installiert selbst einen Nachfolger. Oder die Russen jagen Putin und sein Umfeld davon, falls der Zorn über Korruption und Stagnation eines Tages überhandnimmt.
Und dann? Ist zu befürchten, dass im Kreml jemand das Ruder übernimmt, der noch radikaler denkt und handelt als Putin. Die Voraussetzungen dafür hat der Präsident mit seiner verfehlten Politik selbst geschaffen. Wenn die Kreml-Seilschaften einen Nachfolger einsetzen wollten, müssten sie ihn aus dem Umfeld des jetzigen Präsidenten rekrutieren. Dort hat Putin die Hardliner stark gemacht und Liberale verdrängt. ...
Putins Sturz wäre keine Erlösung, nicht für Russland und nicht für Europa. Demokratisch gesinnte Kräfte hätten kaum eine Chance auf eine Nachfolge, zumal der Kreml sie in den vergangenen Jahren systematisch zurückgedrängt hat. Die Hoffnungsträger des Westens sind schwach. Seit 2003 sitzen die Demokraten nicht mehr im Parlament. Das größte Talent der Opposition, Alexej Nawalny, steht seit Monaten unter Hausarrest. Der einzige Abgeordnete, der gegen die Annexion der Krim stimmte, ist außer Landes geflohen. ...
Was folgt daraus? Es bleibt nur die Wahl zwischen lauter schlechten Alternativen. Die Nato muss über Aufrüstung diskutieren, allein schon, um sich zu wappnen für das, was nach Putin kommen könnte.
Der Westen muss aber auch möglichst bald wieder auf Moskau zugehen, reden und Kompromisse anbieten. Nicht, weil Putin das verdient hätte, sondern weil eine Isolation Russlands mehr Probleme schafft, als sie lösen würde."

• Österreichischer Politiker: "Diese Konfrontation hat der Westen ausgelöst" 
Der österreichische Europapolitiker Johannes Voggenhuber von den Grünen im Interview mit der Wiener Zeitung, online veröffentlicht am 18.9.14:
""Wiener Zeitung": Herr Voggenhuber, der blutige Konflikt in der Ukraine hat in Europa alte Ängste wieder wachgerufen. Befinden wir uns bereits in einem neuen Kalten Krieg?
Johannes Voggenhuber: Ich weiß gar nicht, wo Sie das Wort "kalt" hernehmen. Wir haben Krieg in Europa, einen unnötigen und höchst gefährlichen Krieg, der auf beiden Seiten von einer Propagandaschlacht begleitet wird, mit zwei Geschichten, die aus völlig verschiedenen Welten zu stammen scheinen. Hundert Jahre nach Beginn des Ersten und 75 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkrieges herrscht eine Stimmung in Europa, als befände man sich in einer Zeitmaschine. Da werden Feindbilder wachgerufen, die mit der Realität nichts zu tun haben, da wird eine Kriegsstimmung geschürt, da gibt es eine Einheitsfront in den europäischen Medien wie vor dem Ersten Weltkrieg. Es handelt sich um eine brandgefährliche Situation, es müsste eigentlich ein Schock durch Europa gehen.

Wer hat diese Krise Ihrer Ansicht nach ausgelöst?
Diese Konfrontation hat der Westen ausgelöst, haben die geostrategischen Ambitionen von USA und Nato ausgelöst, für die sich eine ohnmächtige Europäische Union, deren Außenpolitik nicht existent ist, als Vehikel zur Verfügung gestellt hat. 1991, in der Zeit des Zusammenbruchs der Sowjetunion, hat Michail Gorbatschow eine Rede vor der UNO gehalten. Das "Time Magazine" nannte sie "Die visionärste Rede seit Roosevelt". Gorbatschow hat damals eine umfassende Kooperation auf allen Gebieten angeboten. Er sagte: Jetzt sind wir zum ersten Mal in der Geschichte in der Lage, jedes Problem in der Welt gemeinsam zu lösen. Der Westen hat dieses Angebot ausgeschlagen. Und viele Angebote danach.
Warum?
Weil in den USA eine Meinung vorherrscht, die in etwa so lautet: Wir haben mit dem Kalten Krieg so etwas wie den Dritten Weltkrieg gewonnen, es steht uns jetzt zu, das ehemalige Vorfeld der Sowjetunion in unseren Herrschaftsbereich überzuführen. Das ist kein Geheimnis, darüber wird zwar nicht in Europa, wohl aber in den USA breit diskutiert. Zbigniew Brzezinski, der führende geostrategische Kopf der USA, hat alle Ziele der USA in Bezug auf Russland ausführlich dargestellt: eindämmen, destabilisieren und umzingeln. Und das passiert auch seit 1991, obwohl die Nichterweiterung der Nato als Preis für die deutsche Wiedervereinigung akzeptiert wurde. ...
Was wollen die USA mit der von Ihnen geschilderten Politik eigentlich erreichen?
Erstens, den Zangengriff um Russland zu schließen. Ohne die Ukraine ist Russland nicht zu verteidigen, eine Nato-Anbindung Kiews ist für Moskau eine eminente Bedrohung. Das zweite Ziel ist, Europa an jeder weiteren politischen Einigung und damit Emanzipation zu hindern, es wieder in die Nato, in seine Nachkriegsordnung und unter die Hegemonie der USA zurückzuzwingen.
Warum ist denn Russland ohne die Ukraine nicht zu verteidigen?
Die Ukraine bildet im Ernstfall - wenn sie an die Nato angebunden ist - ein riesiges Aufmarschgebiet direkt an der 2300 Kilometer langen russischen Grenze. Da gäbe es für Russland kaum eine Verteidigung. Es gibt für diesen geostrategischen Coup einen Parallelfall: die Kuba-Krise im Jahr 1962. Damals hatte die UdSSR versucht, mit den USA dasselbe böse Spiel zu spielen, das heute Washington gegen Russland spielt. Es wurden Raketen nahe der US-Grenze stationiert, bei einem nuklearen Ernstfall hätte sich für die USA die Vorwarnzeit auf eine Minute reduziert. Heute postiert man Radars und Raketen dicht an Russlands Grenzen. ..."

• Wie mit Russland umgehen?
"Stimmte der schon fast zum Bonmot avancierte Werbeslogan des Blattes – „Dahinter steckt immer ein kluger Kopf.“ – dann müsste einem wegen der groben Vereinfacher und Realitätsentsteller, die in der FAZ und ihrem Sonntagsableger zum Ukraine-Konflikt sowie zu Russland nicht nur fast ausschließlich zu Wort kommen, sondern dort auch in leitenden Sesseln platziert sind, nicht bange sein: Der mit- und weiterdenkende kluge (Leser-)Kopf wird den Parolen schon nicht aufsitzen. Wie zum Beispiel dieser des Außenpolitik-Chefs Klaus-Dieter Frankenberger: „Das ist ein Konflikt, den die Europäer weder gewollt noch vom Zaun gebrochen haben. Auch da sollte sich niemand von der russischen Propaganda und deren Sekundanten im Westen irre machen lassen.“
Als „Sekundant im Westen“ gestatte ich mir trotzdem den Hinweis, dass dergleichen selbst im eigenen Lager nicht unwidersprochen bleibt. Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart hielt einseitigen Schuldzuweisungen entgegen: „[...] jede Tat gehört in ihren Kontext.“ Wer diesen bezüglich des Ukraine-Konflikts nicht bereits im Blättchen nachgelesen hat, der kann das auch gut bei John Mearsheimer in der aktuellen Ausgabe von Foreign Affairs tun. Die Kurzfassung des amerikanischen Politologen lautet: „Alles in allem war der Westen in Russlands Hinterhof vorgestoßen und hat Moskaus elementare strategische Interessen bedroht, ein Punkt, auf den Putin mit Nachdruck und wiederholt hingewiesen hatte.“
Man mag eine solche Interpretation der diversen NATO- und EU-Erweiterungen durch Russland überzogen, gar unangemessen finden, aber sie kann bei einem Land, dessen frühere ukrainische Territorien sowohl im Ersten wie auch im Zweiten Weltkrieg den beabsichtigten tödlichen Vorstoß der deutschen Angreifer samt ihren jeweiligen Verbündeten ins Herz des Landes letztlich ins Leere laufen ließen, nicht wirklich verwundern. „Und“, so Mearsheimer, „es sind die Russen, nicht der Westen, die letztlich darüber entscheiden, was sie als Bedrohung empfinden.“ ...
Bleibt die Frage: Wie soll man mit Putin, mit Russland umgehen? Die Sanktionen verstärken, wie hierzulande und anderswo allenthalben lautstark gefordert wird? Dazu hat der Russland-Beauftragte der Bundesregierung, Gernot Erler (SPD), angemerkt: Angesichts des Risikos, das Putin in der Ukraine eingehe, dürften ihn weitere Sanktionen nur wenig beeindrucken. Ich teile diese Auffassung.
Ein ernsthafter westlicher Ansatz zur Konfliktlösung müsste demgegenüber das skizzierte strategische Interesse Russlands anerkennen und mit einbeziehen. Das wäre zum Beispiel dann der Fall, wenn angeboten würde, zwischen Moskau, Washington, Brüssel und Kiew den dauerhaften Bestand einer unabhängigen Ukraine in gesicherten Grenzen vertraglich zu vereinbaren – einschließlich des Verzichts, das Land (sowie weitere post-sowjetische Staaten) direkt oder indirekt in die NATO einzubinden, sowie der Zielstellung, die Ukraine zu einem „Scharnier“ an der Nahtstelle zwischen EU und Eurasischer Wirtschaftsunion zu entwickeln.
Stattdessen hat die NATO auf ihrem jüngsten Gipfel Anfang des Monats aber leider einmal mehr gezeigt, dass sie die tradierte Klaviatur der Konfrontation gegenüber Russland weit „virtuoser“ beherrscht als das ABC partnerschaftlicher Gegenwarts- und Zukunftsgestaltung." (Wolfgang Schwarz in Das Blättchen, 15.9.14)