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Sonntag, 1. Februar 2015

Nachrichtenmosaik Ukraine extra 1

Gesammelte themenbezogene Nachrichten und Informationen zu den Ereignissen in der Ukraine, ohne Gewähr und Anspruch auf Vollständigkeit und fast ohne Kommentar

als Zusatz zum Nachrichtenmosaik Ukraine Folge 132
mit Beiträgen zur Kiewer Mobilmachung und deren Folgen

• Provoziert Kiew Aufstand in der Ukraine?
Vor dem Hintergrund der neuen Mobilmachung in der Ukraine warnt der Kiewer Wirtschafts- und Politikexperte Oleg Soskin vor Aufständen landesweit. Insbesondere die harten Maßnahmen der Regierung wie das Ausreiseverbot für Wehrpflichtige könnten einen Zerfall der Ukraine provozieren.
Der ukrainische Staatschef Pjotr Poroschenko hatte für 2015 drei weitere Teilmobilmachungen für den Kriegseinsatz im Osten des Landes verordnet. Im Rahmen der ersten Mobilmachung, die am 20. Januar begonnen hat, sollen 50.000 Soldaten rekrutiert werden. Um eine Flucht von Reservisten zu verhindern, ordnete Verteidigungsminister Stepan Poltorak an, dass Männer im wehrpflichtigen Alter jetzt nur mit schriftlicher Zustimmung des Wehrkommandos ins Ausland reisen dürften.
„Diese totale Zwangsmobilisierung wird nur eines zur Folge haben: Die Gebiete werden sich abspalten. Die Menschen werden rebellieren“, kommentierte Soskin im Gespräch mit der Zeitung Politnavigator. „Keine Eltern werden ihre Kinder mehr weggeben.“ Er bezeichnete die ukrainische Militärführung als „inkompetente und korrupt“. Als Beispiel verwies der Experte auf die schweren Verluste der ukrainischen Armee im Kessel von Ilowajsk Ende Sommer. Weder der damalige Verteidigungsminister Waleri Getelej noch der Generalstabschef Viktor Muschenko seien dafür zur Verantwortung gezogen worden. Auch heute würden bei Donezk täglich immer weitere Menschen sterben, so der Experte weiter. „Wofür sterben sie? Für die Clans und Oligarchenbanden?“ …“ (Sputnik, 1.2.15)

• Wehrdienstverweigerer flüchten - u.a. nach Russland
Die angekündigte Mobilmachung in der Ukraine ist zwar im Gange, viele Ukrainer sind aber laut der polnischen Zeitung „Polska Niepodlegla“ bemüht, dem Wehrdienst auf verschiedenen Wegen zu entgehen.
„Viele flüchten ins Ausland, andere verweisen auf ihre religiöse Überzeugung als Grund für die Verweigerung. In einem Dorf haben sich alle jungen Männer in einen Bus gesetzt und sind … nach Russland gefahren“, schreibt das Blatt. „Interessanterweise ist die größte Zahl der Verweigerer nicht im Osten, sondern im Westen der Ukraine zu verzeichnen.“
Im westukrainischen Gebiet Iwano-Frankowsk seien 57 Prozent der Männer nicht zur Musterung erschienen. 37 Prozent seien ins Ausland geflohen. …“ (Sputnik, 31.1.15)

• Präsidentenberater beschimpft Kriegsverweigerer und ignoriert soziale Ursachen
Der Präsidentenberater und bekannte Volontär Jurij Birjukow hat vor kurzem einen wütenden und teils mit Schimpfworten versehenen Eintrag bei Facebook über die Verweigerung gegenüber der Mobilmachung in der Westukraine geschrieben. Er behauptet, die «Lumpen-Hurra-Patrioten» verweigern sich der Verteidigung der Heimat.
Birjukow führte eine Reihe von statistischen Angaben an. Beispielsweise haben seinen Angaben nach «37 Prozent der einberufenen Wehrpflichtigen der Oblast Iwano-Frankiwsk das Territorium der Ukraine verlassen».
«In der städtischen Siedlung Koltschyno, Kreis Mukatschew, Gebiet Transkarpatien konnten nur drei von 105 der Einberufungsbescheide ausgehändigt werden. Neun wohnen nicht an ihrer Meldeadresse und 93 sind im Laufe des Januars zu Saisonarbeiten abgereist», schrieb der bekannte Volontär.
In den sozialen Netzwerken begann der zu erwartende Skandal wegen der Äußerungen Birjukows in Bezug auf die «Wessis». Der Präsidentenberater löschte den Eintrag, doch ein Rückstand blieb verteilt über das ganze Internet.
Ich habe nicht den geringsten Zweifel, dass ein bedeutender Prozentsatz der Wehrpflichtigen der Westukraine alles tut, um die Mobilmachung zu umgehen. Warum? Das ist sehr einfach. …
In den Oblasten, über die sich Birjukow entrüstete, liegt die Geburtenrate über der Durchschnittlichen der Ukraine. Zumal es in den Transkarpaten und Wolhynien (zusammen mit dem Gebiet Riwne) einen Bevölkerungsanstieg gab. Was in den übrigen Regionen (mit Ausnahme von Kiew) nicht beobachtet wurde.
Übersetzt aus der statistischen in allgemeinverständliche Sprache bedeutet das, dass in den westlichen Regionen die Menschen mehr Kinder gebären. Nicht nur ein Kind pro Familie. In den westlichen Regionen werden zwei, drei, vier Kinder in der Familie als absolute Norm angesehen. Wie man in den Transkarpaten sagt: «eine große Sippe». Zudem gibt es ältere Leute, die faktisch von ihren Kindern im wehrpflichtigen Alter versorgt werden.
Obacht, Frage: welches sind die Einkommensquellen in ländlichen und auch städtischen Familien in der Westukraine? Antwort: Arbeit im Ausland. Eine andere Arbeit gibt es einfach nicht und das ist bekanntlich keine qualifizierte Arbeit, sondern im besten Falle auf der Baustelle. Davon zu reden, dass die Einberufenen sich Autobusse bestellten und nach Russland fuhren, ist das Eingeständnis der völligen Unkenntnis der Realität. Sie bestellen jedes Jahr diese Autobusse und fahren zu den Arbeitsstellen.
Eben von diesem Geld, das bei Tschechen, Slowaken, Ungarn und Polen verdient wurde, leben westukrainische Familien, bauen Häuser, kaufen in der EU gebrauchte Autos usw. Das halbe Jahr zu Hause und ein halbes Jahr im Ausland arbeiten. Nur so geht es.
In einigen Fällen werden die Kinder komplett den Großeltern zur Erziehung übergeben und zum Geldverdienen fahren nicht nur der Vater, sondern auch die Mutter ins Ausland. So ist das Leben. Und das ist keine Erscheinung des heutigen Tages. So war es bereits «beim erlauchtesten Herrscher» Österreich-Ungarns.
Der Krieg begann, die Menschen gingen kämpfen und zurück kamen Särge. Oder es begannen Versehrte ohne Arme oder Beine einzutreffen. Für Bauarbeiten bei den Tschechen im Allgemeinen unbrauchbar. Und falls Gott ihn verschont, wer wird die Familie ernähren, solange Vater in einer Stellung bei der Staniza Luganskaja steht?
Leben Patrioten in der Westukraine? Ja, Patrioten, doch Patrioten mit zwei Kindern.
Denen, offen gesagt, nicht sehr klar ist, warum sie sterben oder sich verstümmeln lassen sollen «für die Russen im Donbass, die mit ihren Kohlelöchern doch in ihr Russland gehen sollen». Außerdem haben sie deutlich die Worte über die Beendigung der «Antiterroroperation in ein paar Stunden» (Wahlkampfäußerung von Präsident Petro Poroschenko, A.d.Ü.) vernommen. …“ (Ukraine Nachrichten, 31.1.15)

• Widerstand gegen Mobilmachung
Das Handy-Video stammt aus einem Dorf im Gebiet Odessa. Ein Mann im Tarnanzug steht zu Füßen des dort noch nicht gestürzten Lenin-Denkmals, einen Zettel in der Hand. Um ihn herum eine schreiende und gestikulierende Menge aus Anwohnern. Frauen in Kopftüchern, Männer in Wollmützen. Der Uniformierte will den Inhalt des Zettels – den Mobilisierungsbefehl – verlesen, bittet um »zwei Minuten«. Er versteht sich sogar dazu, Russisch zu reden. Aber die Leute wollen ihn nicht hören. Immer lauter wird die Parole »Nein zum Krieg«, gerufen vor allem von Frauen. Gäbe es nicht das Internet, hätte wahrscheinlich niemand außerhalb des Dorfes von der spontanen Aktion erfahren.
Sie ist aber offenbar kein Einzelfall. Gerade auf dem Land scheint die Einberufungswelle äußerst unbeliebt zu sein. Kolchosvorsitzende fürchten um die Arbeitskräfte für die Frühjahrsbestellung, Frauen um das Leben ihrer Männer und Söhne. Und viele Bürgermeister scheinen die Stimmung ihrer Nachbarn zu teilen. Sie warnen die Bevölkerung und ihre Kollegen in der Umgebung, wenn sich irgendwo eine Einberufungskommission zeigt. Jurij Birjukow, Berater des ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko, zog vor einigen Tagen auf seiner Facebook-Seite über die »Feiglinge aus der Westukraine« her. …
Der wichtigste Grund für die Unlust der Landbevölkerung, ihre Männer für den Krieg herzugeben, liegt sicher in den gerade in kleinen Gemeinschaften nicht zu verbergenden hohen Verlusten der ukrainischen Streitkräfte. Wenn die Ukraine, wie neulich geschehen, für einen Tag mit Kämpfen 16 Tote auf eigener Seite einräumt und die Aufständischen von 600 Gefallenen auf der Seite des Gegners sprechen, dann ist zwar wahrscheinlich keine dieser Zahlen exakt, aber es ist sehr wahrscheinlich, dass die Wahrheit deutlich höher liegt als die Angaben aus Kiew. Ein weiterer Punkt, warum die Begeisterung für die Beteiligung am Krieg im Donbass sich in Grenzen hält, ist die bei den vorherigen Einberufungswellen zu Tage getretene Korruption. Wer genug Geld hatte, konnte sich eine Untauglichkeitsbescheinigung kaufen. …“ (junge Welt, 31.1.15)

• Berichte über desaströsen Zustand der Kiewer Truppen
Die ukrainische Regierung hat offenkundige Probleme mit der Disziplin ihrer im Osten des Landes eingesetzten Truppen. Das geht aus verschiedenen Dokumenten hervor, die teils für die Öffentlichkeit bestimmt, teils gegen den Willen ihrer Autoren an diese gelangt sind. So haben drei Abgeordnete der Volksfront von Ministerpräsident Arseni Jazenjuk im Parlament einen Gesetzentwurf zur Ergänzung der Dienstvorschriften der Armee eingebracht. Er sieht vor, dass im Kriegszustand Kommandeure ihre Soldaten sogar mit der Waffe davon abhalten dürfen, eigenwillig ihre Positionen zu verlassen. Das Gleiche gilt auch bei Befehlsverweigerung. In der Begründung, die die Initiatoren Jurij Bereza, Andryj Teteruk, beide Kommandeure von faschistischen Freiwilligenbataillonen, und Serhij Paschinski geben, ist von mindestens 10.000 Fällen von Desertion aus den Streitkräften und 2.000 Fällen von Befehlsverweigerung seit Beginn der »Antiterroroperation« gegen den Donbass die Rede. Die Truppe – deren Stärke auf 50.000 Mann geschätzt wird – ergebe im übrigen massenhaft dem Alkohol, was »der Verteidigungsbereitschaft und dem Ansehen der Streitkräfte der Ukraine abträglich« sei.
Die interne Bestätigung zu diesem Befund bietet eine geheime Anordnung des Geheimdienstchefs der »Antiterroroperation«, eines Generalleutnants Popko vom 25. Januar, die von der Hackergruppe »Cyberberkut« ins Netz gestellt wurde. Darin ordnet er die Aufstellung von Sperreinheiten aus Angehörigen der Freiwilligenbataillone an, um die Desertion von Wehrpflichtigen zu verhindern. Die »Fahnenflucht« erstreckt sich dabei nach anderen Dokumenten auch auf vermeintliche Elitetruppen wie die Nationalgarde. …“ (junge Welt, 31.1.15)

Montag, 21. April 2014

„Ich wollte nicht töten. Ich wollte leben.“

Politisches Buch: Es ist ein kleines Buch, aber dennoch ein gewichtiges und wichtiges Buch: „Niemals gegen das Gewissen“ von Ludwig Baumann 


Es ist das Plädoyer des letzten lebenden Wehrmachtsdeserteurs. Das Buch ist auch ein wichtiges Zeitzeugnis. Es zeugt davon, wie eine Gesellschaft mit jenen umging und umgeht, die Widerstand leisteten, indem sie Ja zum Leben und Nein zum Morden auf Befehl sagten.

Ludwig Baumann schreibt: „Ich bin kein Held. Aber auch kein Feigling.“ Er ist ein Held der anderen Art, die es viel zu wenig gibt, eben in dem Sinn, dass er unbeirrt seinem Gewissen folgte. Einer der Menschen, die für ihre Haltung eintreten oder sich gegen den Strom stellen. Von denen es zu wenig gibt, wie er feststellt. Das Buch, das er zusammen mit dem Journalisten Norbert Joa verfasste, zeigt ihn ebenso als Menschen, der beinahe daran kaputt ging, dass er für die Nachkriegsgesellschaft in der Bundesrepublik als „Verräter“ und „Straftäter“ galt. Das musste er bis 17. Mai 2002 erleiden, 57 Jahre lang seit der Befreiung vom deutschen Faschismus. Erst an dem Tag hob der Deutsche Bundestag alle Urteile gegen Deserteure, Kriegsdienstverweigerer und „Wehrkraftzersetzer“, die die Militärjustiz der faschistischen deutschen Wehrmacht gefällt hatte, pauschal auf. Es sei eine „innere Befreiung“ gewesen, berichtet Ludwig Baumann, eine „Befreiung vom Makel der Vorstrafe, aber auch von Demütigungen“. Er vergisst aber nicht, darauf hinzuweisen, dass die so genannten „Kriegsverräter“, Soldaten, die z.B. jüdischen Menschen helfen wollten oder Kriegsgefangenen Brot zugesteckt hatten, erst 2009 rehabilitiert wurden. Das hat nur er noch miterlebt. Und er erinnert daran, dass dieses Anliegen bis zuletzt vom CSU-Politiker Norbert Geis bekämpft wurde.

Bis zu dem Tag der eigenen inneren Befreiung musste Ludwig Baumann einen harten Weg gehen, seitdem er am 30. Juni 1942 als Deserteur zum Tode verurteilt wurde. Er hatte das Glück, zu zwölf Jahren Zuchthaus begnadigt zu werden, nicht einmal einen Monat nach dem Todesurteil. Aber er musste weiter in der Todeszelle ausharren: „300 Tage. Und 300 Nächte. Es hat mein Leben zerstört.“ Erst dann wurde ihm seine Begnadigung mitgeteilt. Er überlebte den Einsatz im „Strafbataillon“ an der Ostfront ebenso wie zuvor die Schikanen im „Emslandlager“ und im Wehrmachtsgefängnis Torgau. Und litt nach dem Ende des Krieges daran, dass ihn die Gesellschaft der Bundesrepublik als „Verräter“ behandelte. Noch 1993 schrieb ihm ein Ewiggestriger: “Ich kann nur bedauern, dass Sie nicht erschossen oder geköpft wurden.“ Deserteure seien nur „Halunken, Strolche, feige Schurken“, die „das Leben von Hunderttausenden Kameraden auf dem Gewissen“ hätten. Auch später erhielt Ludwig Baumann noch solche Briefe.

Er beschreibt, wie es ihm, der überlebte, nach dem Kriegsende erging und wie er lange nicht mit dem Leben im Nachkriegsdeutschland zurecht kam, auch von privaten Niederlagen und eigenem Versagen. „Von uns Deserteuren, die wir – aus welchen Gründen auch immer – Hitlers Krieg nicht mitmachen wollten, wurden 23000 erschossen, erhängt oder enthauptet. Und 100000 von uns sind im KZ oder in den Strafbataillonen gestorben. Keine fünf Prozent der Deserteure haben überlebt.“ Die rund 4000 Überlebenden litten in und an einem Land und einer Gesellschaft, wo die Täter belohnt und die Opfer verhöhnt wurden. „Unsere Leute sind früher gestorben als die Nazis oder überzeugten Kommunisten – diese lebenslange Erniedrigung raubt Kraft. Die meisten waren kaputt, keiner hatte Karriere gemacht. Keiner war im öffentlichen Dienst, wir waren ja weiterhin vorbestraft, und fast alle von uns waren arm geblieben, keiner hatte so recht Anschluss an die Gesellschaft gefunden. Wir hatten ja auch niemanden, der zu uns stand.“

Keiner der 3000 NS-Militärrichter sei später zur Rechenschaft gezogen worden. Im Gegenteil: „Die Militärrichter, welche uns verurteilten, haben mehr Todes- und Terrorurteile gefällt als der Volksgerichtshof und alle Sondergereichte zusammen, um anschließend in der Bundesrepublik bis in die höchsten Ämter Karriere zu machen.“ Sie waren sogar daran beteiligt zu verhindern, dass das faschistische Unrecht an den Deserteuren früher wieder gut gemacht wurde. Als ein Beispiel dafür wird der ehemalige Militärrichter Erich Schwinge erwähnt, der „selbst mindestens acht Todesurteile“ fällte. Der selbe Schwinge habe 1977 als Juraprofessor die NS-Militärjustiz als „antinationalsozialistische Enklave der Rechtsstaatlichkeit“ beschrieben.

Ludwig Baumann erzählt in dem Buch auch von seinen beiden Freunden Kurt und Johann, die ihr Nein mit dem Leben bezahlen mussten. Und er schreibt von dem harten Weg und Kampf, um die eigenen Würde zurückzuerlangen. Als er endlich die Kraft dafür fand, engagierte er sich in der Friedens- und Eine-Welt-Bewegung und gründete mit anderen Überlebenden 1990 die „Interessenvereinigung der Opfer der NS-Militärjustiz e.V.“. Er berichtet von seinem Kampf gegen alte und neue Nazis, wie er sich für Frieden und gegen Kriegsverherrlichung einsetzte und weiter engagiert. Und ihm ist klar: „Kein Kulturkreis hat so viel Unrecht begangen wie der Westen. Und immer ging es um Geld und Macht. ... Und wir können auch nicht erwarten, dass die Dritte Welt gewaltfrei für unseren Wohlstand hungert.“ Er kritisiert Bundespräsident Joachim Gauck, der jüngst forderte, dass Deutschland in der globalisierten Welt wieder mehr mitmischen müsse und „die Zeit eines ganz grundsätzlichen Misstrauens“ gegenüber der deutschen Rolle vorüber sein müsse. „Solche Worte aus dem Mund eines Pastors – da wird mir angst und bang. Ich sage: Die Mächtigen der Welt fürchten uns Deserteure, Abweichler, weil wir ihre Absichten durchkreuzen.“ Ludwig Baumann stellt fest: „Man kann nichts Besseres tun, als auch in Zukunft jeden Krieg zu verraten!“ Er werde nicht müde zu rufen: „Lebt gewaltfrei! Lasst euch nicht für Kriege missbrauchen und von den Medien täuschen.“

Der 1921 Geborene stellt fest: „Ich bin nun wohl der letzte Deserteur. Lange dachte ich, mein Leben sei wertlos, ich sei wertlos. Darum habe ich mich auch lange geweigert, über mein Leben zu schreiben. Und auch, weil das Erinnern schmerzte. Das sehe ich nun anders. Ich möchte dass mein Schicksal der Nachwelt erhalten bleibt.“

Menschen wie Ludwig Baumann haben Anerkennung und Hochachtung verdient, für ihr Nein zum Krieg und ihr Ja zum Leben. Seinem Buch ist zu wünschen, dass es viele lesen und dass es manchen, der Krieg immer noch für notwendig und unabwendbar oder gar „gerecht“ hält, zum Nachdenken bringt. Ich wünsche Ludwig Baumann, dem ich vor mehreren Jahren einmal persönlich begegnet bin, dass sein Wunsch, niedergeschrieben am Ende des Buches, in Erfüllung geht: „Nun, ich möchte noch so lange wie möglich wach und tatkräftig bleiben.
Und dann in Würde sterben können.“

Ludwig Baumann:
Niemals gegen das Gewissen – Plädoyer des letzten Wehrmachtsdeserteurs
Verlag Herder
2014
128 Seiten, Kartoniert
ISBN 978-3-451-30984-7
12,99 Euro
Verlagsinformationen

Montag, 9. April 2012

Ostergedanken zu Krieg und Frieden in Deutschland

Es ist Ostern. Zahlreich gehen Menschen in diesen Tagen auf die Straßen und demonstrieren für den Frieden. Ich sitze vorm PC, in der Stadt, in der die Friedensnobepreisträgerin Bertha von Suttner beigesetzt ist. Hier in Gotha war nichts zu sehen und zu hören von den Ostermärschen für den Frieden. Deshalb schreibe ich ein paar Gedanken auf, die mich bei dem Thema bewegen, Gedanken über das Verhältnis der Deutschen zu Krieg und Frieden anhand einiger kleiner Episoden aus der Stadt der letzten Ruhe von Bertha von Suttner.
Ich hatte miterlebt, wie 1999 ein Mitglied des Stadtrates von Gotha das Erbe der Friedensnobelpreisträgerin hochhalten wollte. Das sollte durch ein Friedensfest im Orangerie-Garten der Stadt am 1. September geschehen, dem Tag des Überfalls des faschistischen Deutschlands auf Polen und des Beginns des Zweiten Weltkrieges, dem einstigen Weltfriedenstag und heutigen Antikriegstag. Doch eine Mehrheit von CDU und SPD im Stadtrat lehnte diesen Vorschlag ab. Ob das geschah, weil es ein solches Friedensfest zu DDR-Zeiten in Gotha gab oder weil der Vorschlag von einem Mitglied der damaligen kommunalen PDS-Fraktion kam, ist nicht bekannt. Bezeichnend fand ich das Ereignis schon damals dafür, wie viel wert in Deutschland der Frieden ist.
Mitte der 90er Jahre war derselbe Kommunalparlamentarier mit einem anderen Antrag gescheitert. Er hatte vorgeschlagen, dass sich der Oberbürgermeister von Gotha dafür einsetzt, dass die Bundesrepublik Deutschland als Rechtsnachfolger des faschistischen Dritten Reiches Kriegsdienstverweigerer und Deserteure aus der Zeit von 1933 bis 1945 rehabilitiert und ihnen bzw. ihren Angehörigen eine Rente zahlt. Dafür sollten unter anderem die Kriegsopfer-Rentenzahlungen an deutsche und ausländische ehemalige Angehörige der Kriegsverbrecherorganisation SS eingestellt werden. Anlass war eine Bitte der in Australien in Armut lebenden Tochter des letzten „Kampfkommandanten“ von Gotha, Josef Ritter von Gadolla, ihr finanziell zu helfen. Der Abgeordnete meinte, diese Aufgabe habe eben grundsätzlich die Bundesrepublik zu erfüllen. Denn Gadolla, übrigens wie von Suttner in Österreich geboren, wurde heute vor fast genau 57 Jahren, am 5. April 1945, von einem Standgericht der faschistischen Wehrmacht hingerichtet. Er hatte versucht, die Stadt kampflos an die heranrückenden US-amerikanischen Truppen zu übergeben. Auf dem Weg zu den US-Amerikanern war er bei Weimar von Wehrmachtssoldaten abgefangen und einen Tag nach der Kapitulation Gothas erschossen worden. Immerhin hatte er erreicht, dass die schon anfliegenden alliierten Bomberverbände kurz vor ihrem Ziel Gotha abdrehten. Dafür wurde Nordhausen zum Großteil zerstört … Gadollas (zu) späte Einsicht, dass der Kampf bis zum Untergang sinnlos ist, bezahlte er mit dem Leben.
Immerhin wurde Gadolla 1998, vom Oberlandesgericht Thüringen rehabilitiert und das Urteil gegen ihn aufgehoben. Bis dahin galt Gadolla als Deserteur. Es war das erste Urteil dieser Art in der Bundesrepublik. Erst 2002 wurden in der Bundesrepublik die Urteile der Militärgerichte gegen Deserteure der Wehrmacht pauschal aufgehoben. Die deutschen und ausländischen Angehörigen der Kriegsverbrecherorganisation SS werden unterdessen weiter mit Renten versorgt, wie die junge Welt erst wieder am 5. April 2012 berichtete.
Interessanterweise sah ich ebenfalls Mitte der 90er Jahre, auf welche Tradition das in Gotha stationierte "Panzeraufklärungsbataillon 13" der Bundeswehr setzte. In dem Traditionszimmer der Kaserne war ein Foto des Eingangs aus den 30er Jahren zu sehen, davor deutlich die Hakenkreuzfahne. In Vitrinen standen Modelle von Wehrmachtsfahrzeugen und -panzern. Inzwischen wurde der Festsaal der Kaserne in Gadolla-Saal umbenannt. Das Bataillon, jetzt "Aufklärungsbataillon 13", ist seit 2004 an den Kriegseinsätzen der Bundeswehr beteiligt und gehört unter anderem seitdem zu SFOR, KFOR und ISAF. Und so tragen Soldaten auch aus der Stadt, in der Bertha von Suttner beigesetzt ist, den Krieg von deutschem Boden in die Welt. Die Friedensnobelpreisträgerin hatte vor dem 1. Weltkrieg gefordert: „Die Waffen nieder!“
So ist das mit Deutschland und seinem Verhältnis zu Krieg und Frieden, in Gotha und anderswo, zu Ostern und anderen Zeiten.

Nachtrag vom 11.4.12: Ich fand noch einen interessanten Beitrag der Thüringischen Landeszeitung von vor zwei Jahren zu den rechtlichen Aspekten des Falles Gadolla.