Der US-Journalist Seymour Hersh beantwortete die Frage
am 7. April 2014 in einem Gespräch mit Amy Goodman von
Democrazy Now
mit Ja: "Es ist jetzt ganz klar, dass die syrische Armee die Oberhand
hat und im Großen und Ganzen - der Krieg ist im Wesentlichen vorbei." In
Grenzgebieten u.a. zur Türkei werde es noch Auseinandersetzungen geben.
"Aber im Wesentlichen haben wir die Verliererkarte. Wir möchten es
nicht zu geben, aber so ist es." Das bestätigen Medienberichte wie u.a.
der des Schweizer
Tages-Anzeigers vom 10. April 2014.
Danach seien die „Rebellen“ in Syrien „nach drei Jahren des
zermürbenden Kampfes auf dem Rückzug“. Der syrische Präsident Bashar
al-Assad gehe davon aus, dass im Laufe des Jahres nur noch gegen
versprengte Gruppen gekämpft und nicht mehr Krieg gegen armeegleiche
Milizen geführt werden müsse. Es sei offensichtlich, dass die syrische
Armee „in den vergangenen Monaten eine Reihe militärischer Erfolge
erzielt hat“, stellte die Schweizer Zeitung fest. Dazu gehört auch, dass
die vorwiegend von Christen bewohnte Stadt
Maalula zurückerobert werden konnte.
Zwar kontrollieren laut
Tages-Anzeiger die „Rebellen“ noch
weite Teile des Landes, darunter im Nordosten. Dort befinden sich die
syrischen Ölquellen und die größten Getreideanbaugebiete des Landes. Die
kurdischen Gebiete seien inzwischen autonom, aber „unter dem Schutz
kurdischer Milizen, die sich Assad-treu geben“. Die syrische Arme
bräuchte zwar noch Jahre um die verlorenen Gebiete zurückzuerobern, aber
die Zeit arbeite für sie, so der Bericht. Dazu trage bei, dass die
meisten Gruppen der „Rebellen“ sich gegenseitig bekämpfen. Das Blatt
wies auf eine
Studie des European Council On Foreign Relations (ECFR)
hin, der zufolge es bei den Streitereien zwischen ultraislamistischen
Gruppen darum geht, „wer die Ressourcen einer anarchischen
Kriegswirtschaft im Nordosten kontrolliert“. „Diese Konkurrenz zwischen
den Rebellen um Ressourcen – so die Studie – führe dazu, dass die
Milizenführer ein ökonomisches Interesse an der Fortsetzung des Kriegs
entwickelten und der Aussicht auf Frieden wenig abgewinnen könnten.“ Die
ECFR-Studie gehe davon aus, dass der Niedergang der syrischen Wirtschaft nach drei Kriegsjahren total ist, so der
Tages-Anzeiger-Bericht.
„Selbst wenn Syrien nach Kriegsende 5 Prozent Wachstum pro Jahr
erreichen könnte, würde es fast 30 Jahre dauern, bis es die
Wirtschaftskraft von 2010 wiedererlangt – und Syrien zählte damals zu
den ärmeren arabischen Staaten.“
Neue Vorwürfe wegen Chemiewaffen
Diese Entwicklung könnte Anlass für die US-amerikanischen
Kriegstreiber und ihre Verbündeten sein, doch noch nach einer
Möglichkeit zu suchen, das Blatt zu wenden. Als wollten sie nicht
hinnehmen, dass der Versuch scheiterte, Assad für den
Chemiewaffeneinsatz vom 21. August 2013 verantwortlich zu machen und
damit den offenen Kriegseintritt der USA zu begründen. Darauf deutet
hin, was u.a. der
Tages-Anzeiger am 22. April
meldete: „Die USA werfen dem Regime in Syrien erneut den Einsatz
giftiger Chemikalien im Bürgerkrieg vor. Laut einer Sprecherin des
Aussenministeriums ist in diesem Monat vermutlich Chlorgas gegen das von
der Opposition kontrollierte Dorf Kafr Zita eingesetzt worden.“ Es geht
um einen
mutmaßlichen Chlorgas-Einsatz am 11. April 2014. „Wir haben Hinweise über den Einsatz giftiger Industriechemikalien“, zitierte der
Tages-Anzeiger
die Sprecherin des US-Außenministeriums Jen Psaki. „Es müsse geprüft
werden, um welchen Giftstoff es sich bei dem Vorfall in Syrien genau
handle. Psaki sprach allerdings nicht ausdrücklich von einem
Chemiewaffen- oder Giftgaseinsatz.“ Zur Erinnerung: Seit islamistische
"Rebellen" im Dezember 2012
eine Chlorgas produzierende Chemiefabrik nahe Aleppo eroberten, wurde befürchtet, dass sie nicht vor dem Einsatz des Gases zurückschrecken, auch als Provokation.
In den aktuellen Berichten wird darauf hingewiesen, dass nach Angaben der
Organisation für ein Verbot der Chemiewaffen (
OPCW) etwa 80 Prozent der syrischen Chemiewaffen abtransportiert oder vernichtet worden seien. „Ungeachtet der offiziellen
OPCW-Erklärung
beschuldigte der französische Präsident François Hollande am
Ostersonntag die syrische Regierung erneut, Chemiewaffen eingesetzt zu
haben“, berichtete Karin Leukefeld in der Tageszeitung
junge Welt am 22. April 2014.
„In einem Interview mit dem Radiosender Europa 1 räumte Hollande
allerdings ein, er habe ‚keinen Beweis‘. Er wisse nur, ‚was wir von
diesem Regime gesehen haben, die fürchterlichen Methoden, die es
einsetzen kann, und die Ablehnung jeglichen politischen Übergangs‘, so
Hollande.“
Die UNO-Koordinatorin für die Zerstörung der syrischen Chemiewaffen
Sigrid Kaag forderte die Regierung in Damaskus zwar auf, den Zeitplan
für den Abtransport der Chemiewaffen einzuhalten, wie die
österreichische Zeitung
Der Standard am 27. April 2014
berichtete. Sie bescheinigte ihr aber zugleich eine "sehr konstruktive
Zusammenarbeit". „Noch befänden sich aber 7,8 Prozent der Chemiewaffen
auf syrischem Territorium.“ Die Verzögerungen des Abtransports seien
durch Kämpfe, Bürokratie und schlechtes Wetter den Ablauf entstanden,
wie die
OPCW laut eines
Berichts der Deutschen Welle vom 20. Januar 2014 selbst vermeldete. Ungeachtet alldessen behaupten westliche Diplomaten laut eines Berichts in der
FAZ vom 26. April 2014,
Syrien könne weiterhin Chemiewaffen produzieren. „Wir sind davon
überzeugt, und wir haben entsprechende Geheimdiensterkenntnisse, dass
sie nicht alles offen gelegt haben“, habe ein ranghoher Diplomat erklärt
und sich dabei ausgerechnet auf Informationen aus Großbritannien,
Frankreich und den USA berufen. „Es handle sich um erhebliche Bestände,
sagte er, ohne weitere Details zu nennen.“
So sind auch die westlichen Reaktionen darauf nicht überraschend,
dass Assad unlängst ankündigte, bei den Wahlen am 3. Juni 2014 für eine
dritte Amtszeit als Präsident zu kandidieren. Das hätten die
US-Regierung und die EU als „Parodie der Demokratie“ bezeichnet,
berichtete u.a.
Der Standard am 22. April 2014.
Solche erwartungsgemäßen Reaktion können nicht anders als heuchlerisch
bezeichnen werden. Jegliche Forderungen nach Demokratie verhallen in den
syrischen Ruinen, die der vom Westen angeheizte mehr als dreijährige
Krieg hinterlassen hat. Wer soll sich in dem kriegsgeschundenen Land
noch für Demokratie einsetzen, wo es um die blanke Existenz geht? Neben
den geschätzten mehr als 150.000 Toten und über 600.000 Verletzten zählt
zu den Folgen des Krieges, dass beträchtliche Teile der Infrastruktur
zerstört sind und knapp die Hälfte der Bevölkerung obdachlos oder auf
der Flucht ist, wie u.a. die österreichische Zeitung
Die Presse am 25. April 2014
feststellte. Warum sollte der syrische Präsident sich darum kümmern,
was der Westen als demokratisch ansieht, wo dieser Krieg unter dem
Etikett „Mehr Demokratie“ angezettelt wurde?
Noch mehr Blut an den Händen
Die Brandstifter und Kriegstreiber in den führenden westlichen
Staaten und ihre arabischen Verbündeten wie Saudi-Arabien und Katar sind
verantwortlich für die syrische Katastrophe. Daran muss immer wieder
erinnert werden, damit es nicht in Vergessenheit gerät. Deshalb sei an
dieser Stelle einiges wiederholt: Der Sieg über Gaddafi habe die
US-Regierung glauben lassen, die Proteste in Syrien ließen sich ähnlich
nutzen und begonnen, sich einzumischen, hatte Seymour Hersh am 7. April
2014 im Gespräch mit Amy Goodman erinnert (siehe oben). Der
Rechtswissenschaftler Reinhard Merkel hatte in der
Online-Ausgabe der FAZ am 2. August 2013
festgestellt: „In Syrien sind Europa und die Vereinigten Staaten die
Brandstifter einer Katastrophe.“ Es gebe „keine Rechtfertigung für
diesen Bürgerkrieg“, so Merkel. Die führenden westlichen Staaten hätten
"schwere Schuld auf sich geladen", weil sie die Wandlung der
anfänglichen Proteste in Syrien im Frühjahr 2011 "zu einem mörderischen
Bürgerkrieg ermöglicht, gefördert, betrieben" haben. Der syrische
Oppositionelle und Schriftsteller Louay Hussein hatte in einem Interview
mit der Tageszeitung
junge Welt vom 16. Oktober 2013
darauf hingewiesen, dass die westliche und arabische Einmischung „die
Legitimität der politischen Arbeit im Land selbst beschädigt“ habe.
„Hinzu kommt, daß die meisten dieser Länder entschieden dazu beigetragen
haben, den bewaffneten Konflikt zu schüren, der zu scharfen
gesellschaftlichen Spaltungen geführt hat.“ Dadurch seien die
friedlichen Oppositionsbewegungen in Syrien marginalisiert worden, wozu
auch die westlichen Medien beigetragen hätten. Der US-Politiker David
Stockman, u.a. in den 80er Jahren Mitglied des Kabinetts unter Präsident
Ronald Reagan, fasste das
am 23. März 2014 in seinem Blog Contra Corner
so zusammen: „Die Kriegspartei bei der Arbeit in Syrien: Eine weitere
Nation zerstört, mehr Blut an Amerikas Händen“. „Eine weitere
Nahost-Nation wurde zerstört, indem die ‚Opposition‘ angestachelt,
unterstützt, ausgebildet, bewaffnet und vom Westen und den Golfscheichs
finanziert wurde.“ Was immer der syrischen Führung unter Assad
vorzuwerfen sei, könne ebenso dem saudischen Königshaus und Katar
vorgeworfen werden, so Stockman. Es handele sich nicht um einen
„Bürgerkrieg“ mit dem Ziel einer besseren Regierung, sondern „ganz
einfach und simpel“ um einen Stellvertreterkrieg. Es sei „wieder einmal“
um einen Regimewechsel gegangen, „nicht, weil die Assads so schlecht
sind“, sondern weil die neokonservativen Kriegstreiber in den USA den
Iran und seinen syrischen Verbündeten im Visier haben. Stockman hofft,
dass US-Präsident Barack Obama „genug Grips“ habe, die Kriegspartei
aufzufordern „sich zu verziehen“. Doch es sieht bisher nicht danach aus.
Obwohl sie den Krieg anheizten und immer neu Öl ins Feuer gossen,
haben die westlichen Brandstifter ihr Ziel des Regimewechsels in
Damaskus nicht erreicht. Sie haben damit eigentlich das Recht verwirkt,
Syrien in irgendeiner Weise vorzuschreiben, welchen Weg es zu gehen hat.
Doch ihre Einmischung geht ungehindert weiter: Die bei „Rebellen“ in
Syrien aufgetauchten
schweren Waffen aus US-Produktion seien mit Hilfe des USA und Saudi-Arabiens an diese geliefert worden. Das meldete die Nachrichtenagentur
RIA Novosti am 20. April 2014 und berief sich dabei auf einen entsprechenden
Bericht der US-Zeitung Wall Street Journal
zwei Tage zuvor. Danach hätten die USA zusammen mit Saudi-Arabien die
Lieferungen dieser Waffen über Jordanien und die Türkei koordiniert. Es
handele sich um ein „Pilotprogramm“, so die US-Zeitung, mit dem größere
Lieferungen hochentwickelter Waffen an „Rebellen“-Gruppen geprüft und
vorbereitet würden. Die US-Regierung sei angesichts der jüngsten Erfolge
der syrischen Armee bereit dazu. Die neuen Waffen gingen nur an eine
neugegründete Gruppe namens „Harakat Hazm“, zu der angeblich sogenannte
moderate „Rebellen“ gehörten. Es handele sich Informanten des
Wall Street Journals
um einen Test, ob die Waffen in den Händen der angeblich moderaten
„Rebellen“ bleiben und nicht an islamistische Gruppen gingen. Die USA
wollten eine „gemäßigte Opposition“ aufbauen, so der Kommentar der
Sprecherin des Nationalen Sicherheitsrates des Weißen Hauses, Bernadette
Meehan, gegenüber der Zeitung. Die zitierte außerdem einen Vertreter
von „Harakat Hazm“, die „Rebellen“ hofften, dass sie Flugabwehrraketen
bekämen, wenn sie den effektiven Einsatz der gelieferten
Panzerabwehrwaffen vom Typ TOW bewiesen hätten. „Wenn die USA die
Übergabe von Panzerabwehrkomplexen an die bewaffneten syrischen
Regimegegner genehmigt haben sollten, widerspricht das den Erklärungen
Washingtons über das Festhalten an einer politischen Regelung in
Syrien“, zitierte
RIA Novosti am 17. April 2014 eine Erklärung aus dem russischen Außenministerium.
Die Kriegspartei in der US-Politik scheint alles andere vorzuhaben
als sich zu verziehen, worauf David Stockman hofft. Der US-Präsident
scheint nicht willens oder in der Lage, die Kriegstreiber in der
US-Administration in die Schranken zu weisen. Obama wolle keinen Frieden
in Syrien und mache „keine Anstalten, seinen wirren Kurs zu
korrigieren“, hatte Jürgen Todenhöfer
am 11. April in der Zeitung Der Tagesspiegel
resigniert. „Wenn es ihm um die Menschen ginge, gäbe es Wege zum
Frieden.“ Dass diese Wege derzeit in Washington nicht gefragt sind und
gesucht werden, davon kündet auch die US-Politik im Konflikt um die
Ukraine. Auch wenn die westlichen und arabischen Brandstifter den Krieg
in und gegen Syrien verloren zu haben scheinen, heißt das leider noch
nicht, dass der Frieden für das Land und seine Menschen wiedergewonnen
ist. Dafür sorgen die Kriegstreiber mit ihren blutigen Händen. Die
können sie nicht in Unschuld waschen, das ist sicher.