Immer wieder wird behauptet, Israel habe gar kein Interesse,
das Nachbarland Syrien zu schwächen. Es kann auch anders sein.
Israel dürfte entgegen anderslautender
Behauptungen sehr wohl ein Interesse an einem schwachen Syrien haben.
Darauf deutet auch manches hin, was nach dem völkerrechtswidrigen
Kriegsakt Israels gegen Syrien gemeldet wird. Danach soll es noch weiter
gehen: "Nach Berichten über einen israelischen Luftangriff in Syrien
schließen israelische Medien auch eine kriegerische Auseinandersetzung
mit dem nördlichen Nachbarn nicht mehr aus."
Das schrieb der österreichische Standard am 1. Februar 2013. Natürlich wird Syrien dafür verantwortlich gemacht, wenn es so kommen sollte.
Davon ausgehend, dass Israel
kaum etwas ohne Wissen und Zustimmung der USA
machen kann, ist es auch möglich, dass Israel einen Job übernimmt, den
der Westen nicht selber machen will, auch wenn er auf das Ergebnis
scharf ist. Die USA waren über den Angriff auf Syrien laut
New York Times vom 31. Januar 2013 informiert. Laut einem unbestätigten Bericht des Magazins
Time
wurde auch grünes Licht für weitere Luftangriffe in Syrien gegeben. Die
USA seien auch selbst zu solchen Einsätzen in Syrien in der Region von
Aleppo bereit, sollten die gegen das Assad-Regime kämpfenden Rebellen
versuchen, Massenvernichtungswaffen unter ihre Kontrolle zu bringen,
berichteten israelische Medien nach dem
Time-Bericht. Im
Orignalbeitrag
heißt es: "A Western intelligence official indicated to TIME that at
least one to two additional targets were hit the same night, without
offering details. Officials also said that Israel had a “green light”
from Washington to launch yet more such strikes."
Israels Kriegsminister Ehud Barak bezeichnete am 3. Februar 2013 auf
der Münchner Sicherheitskonferenz den Luftangriff auf Syrien als einen
Beweis dafür, dass es Israel mit seinen Erklärungen über die
Unzulässigkeit der Übergabe moderner Waffen aus syrischen Arsenalen an
libanesische Kämpfer ernst meine. ... "In den letzten Monaten hatten
israelische Spitzenpolitiker ihre Besorgnis darüber geäußert, dass das
syrische Regime Waffen an die Schiitenbewegung Hesbollah liefern kann,
gegen die Israel sechs Jahre lang kämpfte. 'Hesbollah im Libanon und die
Iraner sind die einzigen Verbündeten, die Baschar al-Assad noch hat',
erklärte Barak laut AP. Der israelische Minister prophezeite ein
„unumgängliches“ Fiasko des Regimes in Syrien." (
RIA Novosti, 3.2.13) Die erwähnte
AP-Meldung ist hier zu finden.
Baraks Hinweise auf die Hisbollah und den Iran weisen in die Richtung
der tatsächlichen israelischen Interessen an einer Schwächung Syriens.
Die Chemiewaffen dürften auch in dem Fall nur als Vorwand für den
aktiven Krieg gegen das Nachbarland sein. Darauf deutet hin, was der
ehemalige israelische General Schlomo Brom im August 2012 über die
angebliche Gefahr für Israel durch syrische Chemiewaffen sagte: "Die
unmittelbare Gefahr ist gering“. Im Interview mit der
taz führte er u.a. aus: "...
Halten
Sie es für denkbar, dass Präsident Baschar al-Assad die Waffen
möglicherweise als letzten Versuch, sich selbst zu retten, gegen Israel
einsetzen könnte?
Das glaube ich nicht. Assads Regierung
würde dadurch nichts gewinnen. Der syrischen Führung geht es nicht um
die Zerstörung Israels, sondern um das eigene Überleben, als Regierung
und als Individuum.
Wie schätzen Sie die Gefahr ein, dass die Waffen an die libanesische Hisbollah geleitet werden?
Die Wahrscheinlichkeit, dass die Waffen der Hisbollah übergeben werden,
ist gering. Es gibt keinen Präzedenzfall für den Transfer chemischer
Waffen aus staatlichem Besitz an eine nichtstaatliche Organisation.
Umgekehrt ist sehr fraglich, ob die Hisbollah überhaupt daran
interessiert wäre, die Verantwortung für chemische Waffen zu übernehmen,
die gegen eine gut geschützte Bevölkerung wie die israelische doch kaum
etwas ausrichten können. ..." (
taz, 21.8.2012)
Im Oktober 2012 sagte Einat Wilf, Knesset-Abgeordnete für die
Unabhängigen, die Partei von Kriegsminister Barak, und
Mitglied des Komitees Auswärtige Angelegenheiten und
Verteidigung
dem Schweizer Tages-Anzeiger auf die Frage, wovor sie sich fürchte:
"In unserer Region haben vor allem die arabischen Länder mit Problemen
zu kämpfen. Wir müssen sicherstellen, dass diese Probleme nicht in unser
Land exportiert werden. Es gibt zurzeit nicht eine bestimmte Bedrohung.
Kein bestimmtes Land, das heraussticht. Es geht wirklich vielmehr
darum, die Unruhen von uns fernzuhalten."
Doch solche Argumente und Sichten stören nur bei den Kriegsbegründungen und diesen dienenden medial angehizten öffentlichen Hysterien. Und so wurden die Chemiewaffen als Begründung
vorgeschoben, schon als der Überfall angekündigt wurde: "Israel will
syrische Chemiewaffen nicht in die Hand militanter Gruppen fallen
lassen. Dafür sei auch ein Präventivschlag denkbar, machte der
stellvertretende Ministerpräsident Silvan Shalom am Sonntag im
Militärradio deutlich." (
Hamburger Abendblatt, 27.1.2013)
Und es sei daran erinnert, dass Israel längst seine Finger im
antisyrischen Spiel hat. In einem Bericht des Radiosenders "Stimme
Russlands" von Februar 2012 sagte der ehemalige libanesische general
Amin Khteit, nachdem auf dem Flugplatz Kleyate im Norden Libanons
israelische Waffen geliefert wurden, "die später zu den Aufständischen
in Syrien geschickt wurden". Der Ex-General geht davon aus, dass der
Flughafen ein Umschlagplatz für Waffenlieferungen an die syrischen
"Rebellen" ist. (
Quelle) Im April 2012 gab es dann
Meldungen aus Syrien,
wonach "große Mengen an verschiedenartigen in Israel und den USA
gebauten Waffen ... in einem der Verstecke bewaffneter Terrorgruppen in
der syrischen Stadt Homs entdeckt und sichergestellt worden" seien.
Einen weiteren Beleg für israelische Waffen in Syrien veröffentlichte
Franklin Lamb bei
Counterpunch.org Anfang
November 2012 mit einer Liste der Top 24-Länder unter den mehr als drei
Dutzend, die derzeit in die illegalen Waffenlieferungen an die
"Rebellen" in Syrien involviert sind, Darunter ist auch Israel zu
finden. In dem Beitrag ist mehr darüber zu erfahren, wie die
israelischen Waffen nach Syrien zu den "Rebellen" gelangen: "Israel is
reported, by some researchers in Damascus who have been covering the
crisis for nearly 20 months, to be sending arms to Syria from Kurdistan,
having had much experience in Africa, South America and Eastern Europe
via Mossad and Israeli black market arms dealing. What Israel did in
Libya in terms of a wide spread arms business it is also trying to do in
Syria. Israeli arms, according to Syrian and Lebanese sources are
being transported into Syria from along the tri-border area of South
Lebanon, near Sheeba Farms, close to Jabla al-Saddaneh
, and Gadja. ..."
Der Kriegsakt aus der Luft dürfte also nur eine Steigerungsstufe der
israelischen Einmischung in Syrien sein. Wenn Israel so sehr an einem
stabilen Syrien gelegen ist, dann ist Baraks schon mehrmals getätigte
Äußerung, dass Syriens Präsident Assad am Ende ist und bald abtreten
muss, mehr als kontraproduktiv. Dass Barak sowas nicht ernst meint, um
Israels Interesse an Syriens Stabilität zu vertuschen, halte ich nur
theoretisch für möglich. Das gilt auch für den Angriff auf syrisches
Territroium als Tarnung für die israelische Unterstützung Assads, damit
dieser an der Macht bleibt, weil eben keiner weiß, was nach ihm kommt
und wie verhindert werden kann, dass Syrien irakisiert wird.
Dazu passt folgende Meldung: "Israel erwägt die Einrichtung einer
Pufferzone auf syrischem Staatsgebiet, um eine Gefährdung durch den
Bürgerkrieg zu verhindern. Das israelische Militär stellte
Ministerpräsident Benjamin Netanyahu laut einem Bericht der britischen
«Sunday Times» entsprechende Pläne vor." (
Quelle; siehe auch die
Jerusalem Post vom 3. Februar 2013).
Solch eine Pufferzone ist sicher kein Beitrag zur Stabilität Syriens,
auch wenn es heißt, diese Pläne gelten nur für den Fall des Sieges der
"Rebellen" in Syrien.
Bleibt noch die Frage, ob Israel tatsächlich nur zuschaut, wie andere
versuchen, Assad zu stürzen, ganz unbeteiligt und nur versucht, sich
vor den Folgen dessen zu schützen. Auch das kann ich nicht glauben, wenn
ich Meldungen lese, dass Israel geheime Gespräche mit den "Rebellen" in
Syrien "im Vorfeld einer gemeinsamen Operation von Israel und den USA
zum Schutz der Golan-Höhen" führte (
UPI, 1.1.2013, siehe auch
hier).
Israels herrschende Kreise haben sicher mehrfaches Interesse an einem geschwächten Syrien:
a) eine konkurrierende Regionalmacht wäre weg und ein Unterstützer der Hisbollah und des Iran geschwächt bzw. weg,
b) bei allen Problemen mit einem irakisierten Syrien sind einzelne
extremistische Gruppen, die von Syrien aus mit was auch immer Israel
bedrohen und angreifen, ein leichter und kostengünstiger zu
beherrschender Gegner als die Armee eines starken Syriens als
potenzieller Gegner, (das wird u.a. gestützt durch die Entwicklung im
Irak, der als Regionalmacht ausgeschaltet ist, und andere failed
states),
c) eine scheinbare oder tatsächliche neue Bedrohung durch
islamistische Gruppen aus Syrien ist den herrschenden Kreisen Israels
zur Sicherung ihrer Macht auch nach innen nicht minder nützlich wie die
palästinensische Hamas und die israelische Armee erhielte eine neue
Aufgabe.
Das bestätigt eine
Studie der von der Bundesregierung finanzierten "Stiftung Wissenschaft & Politik" (SWP),
die den Regimewechsel in Syrien mitvorbereitet, vom November 2012. Dort
ist zu lesen: "Manche amerikanischen und israelischen Strategen sehen
allerdings im syrischen Bürgerkrieg auch eine Chance, den Iran
entscheidend zu schwächen. Eine Niederlage in der Levante, so hofft man,
könnte Teheran zum Einlenken bei anderen Streitpunkten – etwa dem
Nuklearprogramm – zwingen.
Zudem wird erwartet, dass die
libanesische Hisbollah durch einen Machtwechsel in Syrien geschwächt
würde. Syrien dient der Hisbollah-Miliz als wichtigstes Transitland für
Waffenlieferungen. Zugleich hat Damaskus starken Einfluss auf andere
libanesische Akteure, was wesentlich dazu beiträgt, dass der Hisbollah
im Machtgefüge des Landes eine übermächtige Position zukommt. Fällt das
Assad-Regime, so die Kalkulation, würden sich auch die Risiken
verringern, die mit einem Angriff auf die iranischen Nuklearanlagen
verbunden wären – dies betrifft vor allem mögliche Vergeltungsangriffe
Syriens oder der Hisbollah auf Israel. Bei einem Umsturz in Syrien würde
die militärische Drohkulisse gegenüber Teheran somit an Glaubwürdigkeit
gewinnen." SWP-Direktor Volker Perthes beschrieb das
in einem Interview am 1. Februar 2013 so: "In die (israelische) Diskussion gehen auch andere Überlegungen ein, ob ein
Verschwinden Assads nicht auch dem weiter entfernten Feind, dem Iran,
schaden würde. Ein Sturz des Regimes in Syrien könnte die regionalen
Kräfteverhältnisse so beeinflussen, dass Israel davon profitiert."
Israel hätte also einiges zu gewinnen, wenn Assad gestürzt
wird, was den potenziellen Schaden dabei wahrscheinlich als beherrschbar
erscheinen lässt. Das trifft sich mit US-amerikanischen Interessen, die die Nahost-Wissenschaftlerin
Karin Kulow im September 2012
so beschrieb: "Verspricht man sich in den USA doch, mit dem Sturz des
von Assad geführten Baath-Regimes auch den Niedergang des Teheraner
Mullah-Regimes beschleunigen zu können und als Folge die von Israel
bereits mit dem Libanon-Krieg 2006 angepeilte Zerschlagung der Hizbullah
zu erreichen."
Es ist sicher, dass auch nicht alle in den herrschenden Kreisen
Israels dieser Linie folgen, weil auch diese Kräfte kein monolithischer
Block sind. Die Frage ist wie in allen anderen Fällen dieser Art, wer
seine Interessen und Sichten durchsetzt. Das gelang den israelischen
„Falken“ bisher immer besser als jenen, die sich für friedliche Lösungen
einsetzten. Natürlich ist Sicherheit ein legitimes Interesse eines
jeden Landes. Aber das lässt sich nicht erreichen, indem
völkerrechtswidrig Nachbarländer überfallen werden. Einen solchen
Kriegsakt als notwendig für die Gefahrenabwehr zu bezeichnen,
wie es der bundesdeutsche Kriegsminister Thomas de Maiziere getan hat,
ist nicht minder völkerrechtswidrig und zeigt, wieviel die Interessen
souveräner Staaten wert sind bei überlegener Waffentechnik. Für diese
aggressive Haltung steht natürlich nicht Israel insgesamt, sondern dafür
sind die derzeit in dem Land herrschenden Kräfte verantwortlich. Für
eine andere Politik müssen die Israelis selber sorgen. Da geht es ihnen
nicht anders wie den Syrern. Das ist bei der ganzen Geschichte wieder
das Einfache, das schwer zu machen scheint.
aktualisiert um 20.23 Uhr