Der gewählte Präsident der Ukraine, Viktor Janukowitsch, ist nicht nur gestürzt, sondern wird
den Meldungen zufolge
inzwischen gar steckbrieflich gesucht. Das alles gehört nicht nur zu
einem Staatsstreich, sondern auch zu einer Abrechnung und einem
Rache-Feldzug. Es geht nicht nur gegen einen gewählten, aber von einigen
gehassten Präsidenten. Davon künden die Meldungen über die regelrechte
Denkmalstürmerei in der Ukraine, von der u.a.
die ARD freudig am 23. Februar berichtete. Der fallen nicht nur die Lenin-Statuen in verschiedenen Orten zum Opfer, sondern sogar
Denkmäler für die gefallenen Soldaten der Sowjetarmee,
die gegen die faschistische deutsche Wehrmacht kämpften. Die haben zwar
genauso wenig wie Lenin etwas mit Janukowitsch zu tun, aber das
Geschehen zeigt, wer sich da in dem monatelangen Machtkampf auf der
Straße durchgesetzt hat.
Zur Erinnerung: Janukowitsch wurde 2010 in freien und fairen Wahlen
zum Präsidenten der Ukraine gewählt.
Seine Wahl war auch das Ergebnis der Politik der „orangenen
Revolutionäre“ unter Julia Timoschenko und Janukowitsch-Vorgänger Viktor
Juschtschenko seit 2004. Wie ein demokratisch gewählter Präsident eines
Landes zum von westlichen Politikern und Medien verteufelten
Quasi-Diktator werden kann, scheint erstaunlich. Doch es ist nicht
überraschend: Janukowitsch hat einmal zu oft Nein zu den Vorgaben des
Westens gesagt. Nun ergeht es ihm wie schon anderen vor ihm, ob Slobodan
Milosevic, Saddam Hussein, Muammar al-Gaddafi, Bashar al-Assad und andere vor diesen. Schon
wurde er
von Spiegel online
wegen des Luxus in der Präsidenten-Datscha in diese Reihe gestellt.
Einige von ihnen mussten es mit ihrem Leben bezahlen, dass sie den
westlichen Interessen im Wege standen. Wie es Janukowitsch ergehen wird,
bleibt abzuwarten, wird er doch gar des „Massenmordes“ bezichtigt.
Der gestürzte ukrainische Präsident war sicher kein Modell-Demokrat oder ähnliches. Sicher hat er auch sein Amt ausgenutzt,
wie berichtet wurde.
Janukowitsch gehörte wenig überraschend zu jenen, die sich nach dem
Ende der Sowjetunion in den frühen 1990er Jahren bereicherten und heute
als „Oligarchen“ bezeichnet werden. Er folgte dabei allerdings wie die anderem nur einem alten kapitalistischen Grundprinzip: "'Enrichissez vous' - Bereichert
Euch! Mit dieser Parole kam das Juste Milieu des Großbürgertums, der
Geldaristokratie einst in Frankreich zur Macht." An dieses "unschlagbare
Programm von genialer Kürze", erinnerte
Michael R. Krätke 2007 in einem Text.
Als Präsident
schaffte Janukowitsch nicht, was er bei seiner Wahl versprach und was sich viele
in der Ukraine nach den „katastrophalen Jahren“ unter Timoschenko und
Juschtschenko von ihm erhofften: „Stabilität und einen starken, zur Not
auch autoritären Präsidenten, der sie aus der Krise führt“, wie es
2010 in der Zeit beschrieben wurde. Janukowitsch hat die sozialen Probleme in dem Land nicht bewältigt, die mit zu den
Ursachen für die Proteste
gegen ihn zählen dürften. Aber eines war er mit Sicherheit nicht, was
uns manche Medienberichte, die ihn dem Propagandadrehbuch der
Regimewechsler und Kriegstreiber gemäß dämonisieren, weismachen wollen:
Ein Diktator. Mit solchen hatte und hat der ja Westen nie ein Problem –
solange sie dessen Interessen nicht im Wege stehen.
Das Nein gegenüber der EU wurde zum Verhängnis
Dem ukrainischen Präsidenten wurde neben den enttäuschten Hoffnungen
der Ukrainer zum Verhängnis, dass er sich den westlichen Interessen
verweigerte, als er im November 2013 das Assoziierungsabkommen mit der
EU auf Eis legte.
Janukowitsch meinte,
das Land sei „wirtschaftlich noch nicht reif für eine Partnerschaft mit
der Europäischen Union“. Das hörten nicht nur jene in der Ukraine mit
Schrecken, die sich ausgerechnet von der EU erhoffen, dass diese ihre
Lage bessert. Während sie auf dem Kiewer Maidan-Platz protestieren
gingen, wurden im Westen die Regimewechsler aktiv. Janukowitsch hatte
sich auch erlaubt zu sagen, dass das Abkommen mit der EU erst
unterzeichnet werde, „wenn es unseren Interessen entspricht, wenn wir
unter normalen Bedingungen verhandeln können“. Dazu bezeichnete er auch
noch das Verhalten des Internationalen Währungsfonds als „erniedrigend“.
Das rief jene auf den Plan,
die seit vielen Jahren die Ukraine als Bollwerk gegen den „russischen Imperialismus“ sehen, um die eigene Vorherrschaft zu sichern.
Es ging und geht dabei auch um die wirtschaftlichen Interessen der
westlichen Unternehmen, die von den Politikern der EU und USA vertreten
und verteidigt werden. Mit dem Assoziierungsabkommen sollten die „vier
kapitalistischen Freiheiten in den internationalen Beziehungen: freier
Verkehr von Waren, Kapital, Dienstleistungen und - quotiert –
Arbeitskraft“ vertraglich gesichert werden, wie
Hannes Hofbauer am 2. Dezember 2013 in der Tageszeitung Neues Deutschland
klarstellte. Nicht nur die Ukraine sollte dem Ende November in Vilnius
zustimmen, auch Moldova, Georgien, Armenien, Aserbaidshan und Belarus.
Doch nur die moldawische und die georgische Delegation unterschrieben
ein solches Abkommen. Das späte Nein aus Kiew habe nicht nur etwas mit
der von Brüssel angestrebten Militärkooperation zu tun. Diese „würde
nicht nur in Sewastopol, wo die russische Marine stationiert ist,
geopolitische Sprengkraft entfalten“.
Hofbauer verwies auf die ukrainische Außenhandelsstruktur als einen
Grund für das Nein: „Die Exporte in die EU beschränken sich nämlich
hauptsächlich auf Rohstoffe wie Kohle und Stahl, während in Richtung
Russland Maschinen und Lebensmittel geliefert werden. Ukrainische
Industrieprodukte sind am EU-Markt nicht konkurrenzfähig, weshalb das
EU-Versprechen auf Markterweiterung ein einseitiges ist. Profitieren
würden nur Westfirmen, die sowohl einen großen Absatzmarkt als auch den
ukrainischen Arbeitsmarkt, auf dem der durchschnittliche Monatslohn
knapp 300 Euro brutto beträgt, nützen könnten.“ Das ukrainische
Nachgeben auf den russischen Druck habe auch etwas mit dem Gaspreis zu
tun gehabt. Belarus, das der Zollunion mit Russland und Kasachstan
angehört, muss für 1000 Kubikmeter sibirisches Gas 169 Dollar bezahlen.
Der russische Monopolist Gazprom berechne der Ukraine dagegen aktuell
420 Dollar. „Moskau hatte damit schlicht die härteren ökonomischen
Argumente auf seiner Seite.“ Die EU verlangte dagegen von der Ukraine
weitere „Reformen im Pensionssystem und im öffentlichen Sektor“ sowie
mehr Liberalisierung und Privatisierung „in Abstimmung mit der besten
EU-Praxis“. Darauf machte Hofbauer in einem Beitrag in Heft 24 der
Zeitschrift
Lunapark 21 aufmerksam. Was die geforderte Privatisierung nach EU-Vorgaben bedeute, „kann man sich zwischen Rostock und Sofia ansehen“.
Hofbauer bezeichnete
in der österreichischen Zeitung Die Presse das ukrainische Nein nicht nur als „ökonomisch vernünftig“. In
Neues Deutschland
bezifferte er auch den Preis, den Janukowitsch von der EU für ein Ja
erwartete: „Er will von Brüssel 160 Milliarden Euro für den Fall, dass
er doch noch unterschreiben sollte - und zwar als Kompensation für zu
erwartende Ausfälle im Ostgeschäft.“ Damit dürfte er endgültig zu weit
gegangen sein und den Westen gegen sich aufgebracht haben. Dass dessen
Regimewechsler auch in Kiew aktiv wurden, davon zeugen nicht nur die
vielen Politiker und Berater aus dem Westen, die sich nicht nur an den
Feuern der Demonstranten auf dem Maidan-Platz wärmten.
Am 30. November erklärte das US-Aussenministerium:
„Wir werden weiter die Bestrebungen des ukrainischen Volkes
unterstützen, eine wohlhabende europäische Demokratie zu werden. Die
europäische Integration ist der sicherste Kurs für Wirtschaftswachstum
und um die ukrainische Demokratie zu stärken.“ Das ist die Linie, die
Zbigniew Brezinski schon 1997 in seinem Buch „Die einzige Weltmacht –
Amerikas Strategie der Vorherrschaft“ beschrieb. Die für Europa und
Eurasien zuständige Abteilungsleiterin des US-Außenministeriums
Victoria Nuland flog kurz darauf nach zu einer
OSZE-Konferenz in Kiew, wo sie sich
am 6. Dezember 2013 mit „Oppositionsführer“ Witali Klitschko traf. Auf der OSZE-Konferenz hatte sie
zuvor wiederholt,
wo die US-Regierung steht: „We stand with the people of Ukraine who see
their future in Europe and want to bring their country back to economic
health and unity.“ Vier Tage später
versprach sie auf dem Maidan-Platz den Demonstranten Unterstützung, bevor sie Janukowitsch traf, um dem klarzumachen, was die USA von ihm erwarten.
Nuland verteilte auf dem Maidan
gemeinsam mit US-Botschafter Geoffrey Pyatt ganz gönnerhaft auch
Versorgungspakete, an Demonstranten und Polizisten, die aber nur von den
ersten angenommen wurden. Kurze Zeit später zeigte sie mit ihrer
Bemerkung gegenüber Pyatt „Fuck
the EU“, was sie von den europäischen Einmischungsversuchen hielt. Die
US-Position zeichne sich dagegen „vor allem durch Ungeduld aus“, stellte
die
Neue Zürcher Zeitung am 8. Februar
fest: „Das State Department dringt mit aller Kraft darauf, die
Restauration der Verhältnisse vor der orangen Revolution durch Präsident
Wiktor Janukowitsch und dessen Mentor im Moskauer Kreml
zurückzudrängen, und zweifelt daran, dass die EU in der Lage ist, zu
diesem Zweck genügend Härte zu zeigen.“ Die Schweizer Zeitung ging noch
weiter: Nulands Bemerkung widerlege „die in Washington gern gemachte
Behauptung, die Zukunft der Ukraine liege alleine in den Händen des
ukrainischen Volks“.
Spuren der "Schakale" in Kiew
Wie weit die Unterstützung der US-Regierung für die gewalttätigen
Barrikadenkämpfer in Kiew ist derzeit schwer zu belegen. Sicher bin ich
mir, dass Nuland und Pyatt die rechten Kräfte von „Swoboda“ und „Rechter
Sektor“ nicht zu Gewaltfreiheit aufriefen. Stephen Cohen hatte
in der US-Zeitschrift The Nation am 11. Februar
darauf hingewiesen, dass die mediale Aufregung um Nulands
EU-Beleidigung nur ablenkte. Wichtiger sei gewesen, dass die
US-Diplomaten planten, eine neue anti-russische Regierung in der Ukraine
zu installieren und den gewählten Präsidenten „zu verdrängen oder zu
neutralisieren“. Das bedeute einen Staatsstreich, machte Cohen
aufmerksam. Das Geschehen in Kiew bis zur Absetzung und Flucht von Janukowitsch erinnerte
mich u.a. an den
CIA-gesteuerten Putsch im Iran 1953 gegen Mohammed Mossadegh. Die "Operation Ajax" wurde 60 Jahre später
offiziell bestätigt. Sie "sollte mit einer massiven psychologischen Kampagne gegen Mossadegh vorbereitet werden", erinnerte Stephen Kinzer 2009 in seinem Buch "Im Dienste des Schah – CIA, MI6 und die Wurzeln des terrors im Nahen Osten". "Und dann sollte die Nachricht kommen, dass der Schah den Premierminister seines Amtes enthoben habe. Straßenbanden und Armeeeinheiten, deren Führer auf der gehaltsliste des CIA standen, würden jeden Widerstandsversuch von Mossadegh im Keim ersticken. ... Anfang August stand Teheran in Flammen. Vom CIA finanzierte Banden protestierten gegen Mossadegh, sie zogen mit Transparenten und Schahbildern durch die Straßen und skandierten royalistische Parolen. Parlamentsmitglieder und alle, die sonst noch beim bevorstehenden Staatsstreich hilfreich sein konnten, wurden von ausländischen Agenten bestochen.
Die Angriffe in der Presse gegen Mossadegh wurden immer heftger. In Artikeln wurden ihm Hang zum Kommunismus, Schielen nach dem Thron, jüdische Abstammung und insgeheime Sympathien für die Briten unterstellt. ..." (S. 33f.)
Janukowitsch ist sicher nicht mit Mossadegh vergleichbar, aber
die Ereignisse und zugrunde liegenden Interessen ähneln sich dafür umso
mehr. Sie erinnern mich auch daran, was John Perkins 2004 in seinem Buch
"Bekenntnisse eines Economic Hit Man – Unterwegs im Dienste der
Wirtschaftsmafia" beschrieb und
in dem Film "Let's make money" berichtete: "
„Wirtschaftskiller
suchen ein Land mit Ressourcen aus, mit denen unsere Firmen arbeiten.
Erdöl zum Beispiel. Dann arrangieren wir einen riesigen Kredit für das
Land von der Weltbank oder einer ihrer Schwesterorganisationen. Doch
dieses Geld kommt nie in diesem Land an. Stattdessen fließt es an unsere
Firmen, die dafür riesige Infrastrukturprojekte in dem Land abwickeln.
Dinge, die wenigen Reichen in dem Land nützen sowie unseren Firmen. Doch
den meisten Menschen bringen sie nichts, weil sie zu arm dafür sind.
Doch die arme Bevölkerung muss nun riesige Schulden abtragen, so riesig,
dass sie sie niemals zurückzahlen können. Doch bei dem Versuch, die
Schulden zurück zu zahlen, kommen sie in eine Lage, wo sie sich weder
Gesundheits- noch Ausbildungsprogramme leisten können. So sagen die
Wirtschaftskiller zu den Leuten: Ihr schuldet uns viel Geld. Ihr könnt
eure Schulden nicht bezahlen, also zahlt uns in Naturalien. Verkauft
euer Öl billig an unsere Ölfirmen, stimmt bei der nächsten kritischen
UNO-Abstimmung mit uns. Unterstützt unsere Truppen, z.B. im Irak. ...
Denn Tatsache ist: Wir schreiben die Gesetze. Wir kontrollieren die
Weltbank. Wir kontrollieren den Internationalen Währungsfonds. Wir
kontrollieren sogar die UNO in hohem Maße. Wir schreiben also die
Gesetze. Insofern tun Wirtschaftskiller nichts Ungesetzliches. Ländern
große Schulden aufbürden und dann eine Gegenleistung verlangen, ist
nicht verboten. Es sollte verboten sein, ist es aber nicht.“ Wenn
es den Wirtschaftskillern einmal nicht gelinge, die Regierung eines
Landes zu korrumpieren, würden die Schakale losgeschickt, erklärt
Perkins:
„Das sind Menschen, die Regierungen stürzen
oder deren Führer ermorden." Sie seien immer da, "sie lauern im
Schatten", so Perkins im Buch. "Wenn sie auftauchen, werden Staatschefs
gestürzt oder sterben bei 'Unfällen'." (S. 28) Im Buch und in dem
Film verweist er auf ein anderes Beispiel: "Saddam Hussein drohte,
Erdöl auch gegen eine andere Währung zu verkaufen. Kurz bevor er
gestürzt wurde ... Hätte er nachgegeben, würde er heute noch regieren.
Wir würden ihm Flugzeuge und Panzer und sonst noch alles Mögliche
verkaufen.“ Die Ukraine hat zwar kein Erdöl, aber neben ihrer
geopolitischen Bedeutung riesige Eisenerzvorkommen zu bieten. "Die
Ukraine ist Europas wichtigstes Eisenerzlager", so
ein Online-Magazin für Investoren im Jahr 2008.
"Das Potenzial der ukrainischen Eisenerzförderung als
Schlüsselindustrie für West- und Osteuropa sowie Westrussland ist
enorm." Die Ukraine sei der weltweit sechstgrößte Eisenerzförderer.
Übrigens hatte Brzezinski schon 1997 Nulands Kritik an der angeblich
zu „weichen“ EU-Politik in Sachen Regimewechsel in der Ukraine
vorweggenommen: „Weder Frankreich noch Deutschland ist stark genug, um
Europa nach seinen Vorstellungen zu bauen oder mit Rußland die
strittigen Probleme zu lösen, die eine Festlegung der geographischen
Reichweite Europas zwangsläufig aufwirft. Dies erfordert ein
energisches, konzentriertes und entschlossenes Einwirken Amerikas
besonders auf die Deutschen, um die Ausdehnung Europas zu bestimmen und
um mit – vor allem für Rußland – derart heiklen Angelegenheiten wie dem
etwaigen Status der baltischen Staaten und der Ukraine innerhalb des
europäischen Staatenbundes fertig zu werden.“ (S. 110,
Taschenbuchausgabe 1999) In der Bundesrepublik wurden die Signale aus
Washington anscheinend inzwischen verstanden. Zwei Mitarbeiter der
SPD-nahen Friedrich Ebert-Stiftung
schrieben am 21. Februar:
„… nun liegt es allerdings an uns Europäern unter Beweis zu stellen –
wenngleich möglicherweise zu spät –, dass Nulands Aussage auch
inhaltlich fehlgeht.“ Unfreiwillig benennen die beiden Autoren in einer
Zwischenüberschrift die westliche Strategie: „Wenn Kritik nicht
ausreicht: Die Eskalation in der Ukraine“. In dem Text wird klar
gestellt: „Einer zukünftigen ukrainischen Regierung muss eine rasche
Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens mit der EU ermöglicht werden.
Grundvoraussetzung hierfür ist die vollständige Erfüllung der
notwendigen Reformbedingungen.“ Dass die deutschen Politiker, auch die
Sozialdemokraten, verstanden haben, hat Bundesaußenminister Frank-Walter
Steinmeier eindrücklich belegt. „Der deutsche Außenminister setzt die
Agenda in der Ukraine; Frank-Walter Steinmeier – und nicht die
EU-Chefdiplomatin Lady Ashton! – vermittelt ein Abkommen zwischen
Regierung und Opposition“, so Jörg Kronauer in der Tageszeitung
junge Welt am 26. Februar.
„Berlin gibt seinen Segen, als die Opposition tags drauf das Abkommen
bricht und per Umsturz die Macht an sich reißt.“ Wie weit das geht,
beschreibt das Blatt an anderer Stelle:
„Nach Monaten verdeckter Koordination mit ukrainischen Faschisten hat
sich das Auswärtige Amt nun offen zu seiner Kooperation mit der
Swoboda-Partei bekannt: Das Ministerium zeigt auf seiner Website ein
Foto, das deren Führer Oleg Tjagnibok bei Verhandlungen mit
Außenminister Frank-Walter Steinmeier in den Räumen der deutschen
Botschaft in Kiew zeigt.“
Verhebt sich der Westen an der Ukraine?
Inzwischen haben die Putschisten, die Janukowitsch stürzten,
angekündigt, die Ukraine dem Westen auf dem Silbertablett zu servieren.
Es gibt zwar noch keine berufene „Übergangsregierung“, aber eine solche
wurde
vom Westen schon vorbehaltlos anerkannt.
„Der kommissarisch amtierende Finanzminister der Ukraine, Juri Kolobow,
schlug in Kiew eine internationale Geberkonferenz für sein Land vor“,
meldete u.a. die
Deutsche Welle am 24. Februar.
Spiegel online machte den Mann
gleich zum richtigen Finanzminister und nannte ihn in Kobolow um.
Solche Details scheinen aber unwichtig, bettelte er doch den Westen um
Hilfe an: "Wir haben unseren internationalen Partnern vorgeschlagen, uns
innerhalb der nächsten ein bis zwei Wochen Kredite zu gewähren." Die in
den Berichten benannten notwendigen 25 bis 35 Milliarden Euro für die
Ukraine sind doch deutlich weniger als der von Janukowitsch benannte
"Preis" von 165 Milliarden Euro. Die Gegenleistung, die der gestürzte
Präsident noch verweigerte, haben EU, USA und Internationaler
Währungsfonds (IWF) auch schon klargemacht: Ein entsprechendes Abkommen
„müsse einschneidende Reformen vorsehen, die das Land bisher nicht
umgesetzt habe“, schrieb das
Handelsblatt am 25. Februar.
„Im Westen sorgt man sich bereits, daß bei ausbleibenden
Rentenzahlungen, steigenden Lebensmittelpreisen und unbezahlbarer
Energie ‚der Geist des Maidan schnell verfliegen könnte‘“, meinte Reiner
Rupp in der Zeitung
junge Welt am gleichen Tag.
„An der Ukraine scheint sich die westliche Umsturzgemeinschaft verhoben
zu haben“, so seine Einschätzung. Wenn der Kreml auf die Entwicklungen bisher ruhig und besonnen reagiert
habe, "so dürfte das auch damit zu tun haben, daß er – was die Ukraine
betrifft – am längeren Hebel sitzt". Der weitere Gang der Dinge wird
zeigen, wer die Ukraine für zu leicht befand.
Nachtrag vom 2.3.2014: Ich hatte vergessen, auf einen interessanten und passenden Beitrag von Lutz Herden zum Thema auf freitag.de hinzuweisen, was hiermit nachgeholt sei:
"Absturz, Sturz, Umsturz?"
Nachtrag vom 6.3.14: "BRÜSSEL--Der ukrainische Ministerpräsident Arseni
Jazenjuk will das Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union so
schnell wie möglich unterzeichnen. "Wir sind fest davon überzeugt, dass
die EU die Ukraine unterstützt, und wir sind auch überzeugt, dass die EU
und die Ukraine ein Assoziierungsabkommen unterschreiben werden", sagte
der Politiker nach dem Treffen mit den EU-Staats- und Regierungschefs
am Donnerstag in Brüssel." (
Quelle)
In der Schule wurde das mit "w.z.b.w. = was zu beweisen war"
abgeschlossen. Vor allem bei der unvollständigen Nachricht, bei der es
noch heißt: "Der abgedankte Präsident Viktor Janukowitsch hatte das
Abkommen Ende November unter den Tisch fallen lassen und damit die
Massenproteste auf dem Unabhängigkeitsplatz ausgelöst, die schließlich
zu seiner Absetzung führten." Da wird weggelassen, dass Janukowitsch nur
Bedingungen für seine Unterschrift stellte und dass es
am 12. Dezember 2013 u.a. beim ZDF
hieß: "Der stellvertretende Regierungschef kündigte an, sein Land werde
das Freihandels- und Assoziierungsabkommen mit der EU bald
unterzeichnen - und dabei die nationalen Interessen berücksichtigen."
Dann blockierte aber die EU, wie
am 15. Dezember 2013 u.a. Spiegel online meldete:
"Die EU-Kommission verliert die Geduld mit der ukrainischen Regierung.
Die Arbeit an dem geplanten Partnerschaftsabkommen mit dem Land sei
vorerst gestoppt, teilte der zuständige Kommissar mit." da hatten die
Proteste auf dem Maidan-Platz längst ihren (gewünschten) Lauf genommen
...
aktualisiert: 6.3.2014;18:46 Uhr
Natürlich trägt der Westen die Hauptschuld und Hauptverantwortung für die Katastrophe im Irak, allen voran die USA. Der Westen samt Verbündeten hat den Irak völkerrechtswidrig überfallen, niemand anders. Kriegsziel war allein, Hussein zu stürzen und den Irak als Regionalmacht zu zerstören und unter Kontrolle zu bringen. Zumindest das wurde erreicht. Entsprechend gab es auch nie sowas wie einen Plan für ein "nation building", warum auch, wurde doch gerade eine Nation zerbrochen. Im April 2003 stellte eine Analyse der Konrad-Adenauer-Stiftung fest, "dass die Pläne der amerikanischen Regierung, soweit sie veröffentlicht sind, noch kein stimmiges Konzept für den Wiederaufbau des Irak darstellen." Das Geschehen danach belegte, dass es auch später ein solches Konzept nicht gab. Das Chaos schien gewollt und das Fiasko schien sich zu auszuzahlen, nicht für die Iraker, nur für die USA.
Bei Spiegel online fand ich Folgendes: "Der Politologe Vali Nasr, einst Berater von Ex-Außenministerin Hillary Clinton, hat Obama in dem Buch "The Dispensable Nation" schwere Vorwürfe gemacht: "Wir zerbrachen den Irak; dann mühten wir uns eine Weile, ihn wieder zusammenzusetzen; und jetzt interessiert er uns nicht mehr." Erst der Krieg, dann ein übereilter Abzug - das ist aus Nasrs Sicht der doppelte Fehler: Es brauche ja schon viel, um das durch den Krieg verlorene Vertrauen wiederaufzubauen; "aber das Misstrauen, das wir mit unserem Abzug gesät haben, wird uns noch zusätzlich in Rechnung gestellt"."
Bei Spiegel online gibt's noch mehr davon: "Die USA haben bei ihrem Abzug aus dem Irak 2011 einen Staat hinterlassen, der nicht im Stande ist, die Sicherheit seiner Bürger zu gewährleisten. Die Fehler, die zu dieser Entwicklung führten, wurden jedoch lange vorher gemacht: ..." Und dann geht eine Aufzählung von Fehlern der USA los, die die aktuellen Ereignisse gewissermaßen herausforderten.
Dazu gibt es weitere interessante Beiträge darüber, wo die Isamisten herkommen, wer sie hochgepäppelt hat:
• ISIS-Islamisten von USA in Syrien unterstützt, im Irak bekämpft
• "USA erwägen engere Bande mit Hardline-Islamisten in Syrien".Daniel Pipes fand das anscheinend gut und zitierte daraus:
"Da das moderate Lager der syrischen Rebellion unter der Belastung grausamer innerer Kämpfe und abnehmender Ressourcen implodiert, blicken die Vereinigten Staaten bei ihren Bemühungen, im syrischen Bürgerkrieg einen Vorteil zu erringen, zunehmend auf Hardline-Islamisten. Die Entwicklung hat US-Beobachter alarmiert, die sich sorgen, dass die radikalen Salafisten US-Werte nicht teilen; und sie hat Unterstützer der Freien Syrischen Armee erschreckt, die glauben, dass den Moderaten eine Falle gestellt wurde, damit sie scheitern.
Am Montag bestätigte das Außenministerium seine Offenheit dafür mit der Islamischen Front Kontakt aufzunehmen, nachdem diese Gruppe letzte Woche das Hauptquartier der Freien Syrischen Armee mit von den USA zur Verfügung gestellten Kleinwaffen und Lebensmitteln beschlagnahmt hatte. "Wir wollen die Möglichkeit eines Treffens mit der Islamischen Front nicht ausschließen", sagte Außenamtssprecherin Marie Harf am Montag. "Wir können natürlich mit der Islamischen Front arbeiten, denn sie sind nicht als Terroristen gekennzeichnet… Wir sind immer offen für ein Treffen mit einer großen Bandbreite an Oppositionsgruppen. Offensichtlich kann es Sinn machen das bald zu tun; und wenn wir etwas bekanntzugeben haben, werden wir das machen.""
Das hat natürlich lange Tradition: "Akten belegen Unterstützung der Islamisten durch Westen" Wie in Afghanistan, so im Irak und drumherum ... Insofern ist das westliche Erschrecken über den Vormarsch der Islamisten ein weiterer Fall von ausgemachter Heuchelei.
Und es gab einen Kriegsgrund, den Alan Greenspan, 18 Jahre lang Vorsitzender der US-Notenbank, in seiner 2007 veröffentlichten Autobiographie „Mein Leben für die Wirtschaft“ auf Seite 503 benannte: „Es ist bedauerlich, dass man aus politischen Gründen besser nicht aussprechen sollte, was jeder weiß: Im Irak-Krieg geht es im Wesentlichen um das Öl der Region.“
Das Schicksal des Landes und der in ihm lebenden Menschen war da zweitrangig oder noch weniger wert ...
John Perkins in dem Film "Let's make money" zu Saddam Hussein: „Hätte er nachgegeben, würde er heute noch regieren. Wir würden ihm Flugzeuge und Panzer und sonst noch alles mögliche verkaufen“, meint Perkins, „aber er gab nicht nach und die Schakale konnten ihn nicht ermorden ... Als weder die Wirtschaftskiller noch die Schakale beim zweiten Mal Erfolg hatten bei Saddam Hussein, war der Augenblick da, wo wir wieder das Militär geschickt haben. Und diesmal haben wir ihn gestürzt. Der Rest ist Geschichte.“ Das und noch mehr dazu ist auch in Perkins' Buch "Bekenntnisse eines Economic Hit Man – Unterwegs im Dienste der Wirtschaftsmafia" von 2004 nachlesbar.
Ein anderer hat auch was Interessantes zum Thema beigetragen: Kofi Annan hat 2006 mit Blick auf den Irak festgestellt: "Iraq was safer under Saddam".
Und ein Letztes dazu: „Präsident Eisenhower erklärte, er wolle die Idee eines islamischen Dschihad gegen den gottlosen Kommunismus voranbringen. „Wir sollten alles nur Denkbare tun, um diesen Aspekt des ‚Heiligen Krieges‘ hervorzuheben“ äußerte er im September 1957 bei einem Treffen im Weißen Haus, bei dem auch Frank Wisner, Allen Dulles, William Rountree, der Stellvertretende Staatsekretär für den Nahen Osten, und Mitglieder des Vereinigten Oberkommandos anwesend waren.“ Quelle: Tim Weiner "CIA - Die ganze Geschichte" (dt. Ausgabe) Fischer Verlag, Frankfurt/Main, 2008; S. 192
Mal so die Frage in dem Raum gestellt: Wem nutzt der Aufmarsch der sunnitischen Islamisten?
Elemente einer möglichen Antwort:
- Im Irak haben sich die Schiiten durchgesetzt, die sehr gut mit dem Iran zusammenarbeiten, wie es scheint. Das hat sich auch daran gezeigt, dass der Irak iranischen Versorgungsflügen für Syrien den Überflug gestattete.
- Mit den Schiiten haben diejenigen im Irak nach Saddam Husseins Sturz und Ermordung die Oberhand, gegen die die USA im Fall des Irans kämpfen, samt ihrer sunnitischen Verbündeten wie Saudi-Arabien.
- Der Irak muss daran gehindert werden, wieder zu einer eigenständigen Regionalmacht zu werden. Jim Holt hat das Muster für das Land zwischen Euphrat und Tigris in Le Monde diplomatique 12/2007 beschrieben: "Wenn es die USA geschafft hätten, im Irak eine starke, demokratische Regierung aufzubauen, die sich dank einer eigenen Armee und Polizei selbst wirksam schützen kann, und wenn die US-Truppen anschließend abgezogen wären - was hätte diese irakische Regierung daran hindern können, wie jedes andere Regime im Nahen und Mittleren Osten die Kontrolle über seine eigenen Ölquellen zu übernehmen?" Dafür wurde bisher auch verhindert, dass der Irak wieder eine eigenständige Luftwaffe hat. Das soll sich nun ändern, hieß es bereits im Mai.
- Die Kriegstreiber innerhalb der herrschenden Kreise der USA und bei ihren politischen Lakaien bekommen Aufwind und können "lame duck" Barack Obama vorwerfen, dass der Truppenabzug aus dem Irak und Afghanistan falsch war. Die USA werden nun wieder als Kriegspartei gefragt, was besonders die US-Rüstungsindustrie freut. Bestimmte Aufgaben kann dabei sicher auch die Türkei übernehmen.
- Und da ist eben noch die Rolle der USA bei Entstehung und Förderung solcher Gruppen wie der ISIS, was wiederum verbunden sein kann bzw. ist mit dem Obengenannten.
- Mit Hilfe oder Dank der sunnitischen Islamisten kann der Einfluss des Irans zurückgedrängt werden, die USA wieder als Ordnungsmacht auftreten und zugleich weiter dafür gesorgt werden, dass der Irak nicht wieder zu eigenständig wird und eigene Interessen in welche Richtung auch immer, verficht. Dennoch immer gilt das Prinzip: Teil und herrsche. Das wird auch den treuesten US-Verbündeten Saudi-Arabien freuen.
Rainer Rupp stellt in der jungen Welt vom 13. Juni 2014 fest: Alles made in USA
Aus einer Studie des Center for Security Studies (CSS) der ETH Zürich aus dem Jahr 2012:
"... Allerdings zeichnet sich nicht ab, dass der Irak in absehbarer Zeit zur Ruhe kommt. Die USA hinterlassen ein sehr fragiles und zutiefst gespaltenes Land, wobei sich die konfessionellen und ethnischen Gräben seit dem Abzug der letzten US-Truppen im Dezember 2011 wieder vertieft haben. Die innerirakische Polarisierung wird dabei durch den sich akzentuierenden Gegensatz zwischen Schiiten und Sunniten in der Region verstärkt. Es besteht die Gefahr, dass die zunehmenden geopolitischen, konfessionellen und teilweise auch ethnischen Spannungen im Nahen und Mittleren Osten zu neuen Gewaltausbrüchen oder gar regionalen Stellvertreterkriegen im Irak führen. ...
Fast neun Jahre US-Besatzung haben den Irak stark geprägt. Zieht man zunächst von amerikanischer Warte aus Bilanz, so fällt das Ergebnis überwiegend negativ aus. ...
Pläne für eine militärische Dauerpräsenz im Irak sind am Widerstand der Iraker gescheitert. Zurückgeblieben ist eine gigantische US-Botschaft mit 16’000 amerikanischen Mitarbeitern, darunter 2000 Diplomaten, 150 Militärberater und bis zu 8000 Angestellte privater Sicherheitsanbieter. Die Einflussmöglichkeiten Washingtons auf die politischen Entwicklungen im Irak sind heute allerdings begrenzt, weshalb das State Department auch bereits eine signifikante Reduktion des Botschaftspersonals im Irak ins Auge fasst. ...
Aus Sicht des Iraks lässt sich erst eine vorläufige Bilanz der US-Intervention ziehen. Klar ist, dass die etwa 60 % Schiiten und 15 – 20 % Kurden vom Ende der Saddam-Diktatur profitiert, die maximal 20 % Sunniten hingegen einen Machtverlust erlitten haben. Unstrittig ist auch, dass der von aussen herbeigeführte politische Wandel im Irak viel humanitäres Leid mit über 100’000 Toten und geschätzten 4 Millionen Vertriebenen zur Folge gehabt hat. ...
Die Zukunft des Iraks ist heute denn auch äusserst ungewiss. Die ungelösten Macht- und Ressourcenkonflikte im Land haben sich in den letzten Monaten wieder deutlich verschärft. Präsident Obamas Behauptung von Ende 2011, dass die USA einen «souveränen und stabilen» Irak hinterlassen, der «auf sich selbst aufpassen kann», wurde allzu schnell als Wunschdenken entlarvt. ...
Der Irak ist heute ein Paradebeispiel dafür, dass Wahlen und eine Verfassung allein noch keine Demokratie ausmachen. ...
Konflikte entzünden sich dabei immer wieder an der für den gesamten Irak essentiellen Ölfrage, stammen doch 90% der irakischen Regierungseinnahmen aus dem Ölsektor. ...
Der Irak verfügt zwar über die weltweit fünftgrössten nachgewiesenen Ölreserven. Die Wirtschaft liegt aber weitgehend am Boden, was sich in einer hohen Arbeitslosigkeit und einer im regionalen Vergleich grossen Armut manifestiert. Bezüglich Pro-Kopf-Einkommen liegt der Irak heute auf Rang 161. ...
Der Balanceakt zwischen den schiitischen Machthabern in Teheran und Washington ist al-Maliki bisher recht gut gelungen. Sollte es im Kontext der Nuklearkrise zu Luftschlägen gegen Iran kommen (mit dem Abzug der US-Truppen haben sich die Voraussetzungen dafür vor allem für die israelische Luftwaffe verbessert), wären allerdings Szenarien wie ein verstärktes Agieren der schiitischen Sadristen zugunsten Irans oder Vergeltungsmassnahmen Teherans gegen US-freundliche Akteure im Irak durchaus denkbar. Bereits heute vor eine Zerreissprobe gestellt wird der Irak durch den sich zuspitzenden Kalten Krieg zwischen Iran und Saudi-Arabien. ...
Saudi-Arabien und andere sunnitische Golfmonarchien wie Katar sind bestrebt, im Zuge der arabischen Umwälzungen die regionalen Kräfteverhältnisse zu ihren Gunsten zu verschieben. ...
Al-Maliki hat sich deutlich gegen den Sturz al-Asads gestellt, wäre eine sunnitisch geprägte Regierung in Syrien doch keinesfalls im Interesse der irakischen Schiiten. Mit dieser Haltung hat er aus Sicht der sunnitischen Königshäuser den Eindruck bestätigt, dass er ein Mittelsmann iranischer Interessen sei.
Im Fall einer weiteren Eskalation der Lage in Syrien ist gar denkbar, dass Saudi-Arabien, Katar und die Türkei auf den Sturz al-Malikis hinarbeiten, um so die Chancen auf ein – auch von Ankara angestrebtes – Ende des Asad-Regimes zu erhöhen. Anzeichen für eine immer engere Verschränkung der Krisen in Syrien und im Irak lassen sich jedenfalls bereits heute erkennen. Auch deshalb zeichnet sich ab, dass sich al-Maliki und wesentliche Teile der irakischen Schiiten künftig noch stärker an Iran anlehnen. ...
Die Gefahr einer neuerlichen konfessionell geprägten Gewaltexplosion im Irak nimmt vor diesem Hintergrund zu. Das Gewaltpotential ist dabei wesentlich höher als vor ein paar Jahren, weil die Nachbarn des Iraks in die derzeitigen Auseinandersetzungen stärker involviert sind und die amerikanische Stabilitätsklammer fehlt. ..."
Bei Telepolis wurde auf einen interessanten Aspekt aufmerksam gemacht: "Trotzdem fallen die Reaktionen auf den ISIL-Blitzkrieg bislang merkwürdigerweise schwächer aus als auf die Aufnahme der Krim in die Russische Föderation: Man denkt in Europa zwar viel über ein Ende der Abhängigkeit von russischem Erdgas nach, aber nicht über Handelssanktionen gegen Katar und Saudi-Arabien, wo die wichtigsten Finanziers der Salafisten sitzen. Und über Einreiseverbote gegen Scheichs aus diesen Ländern oder über eingefrorene Konten ist bislang ebenfalls noch nichts bekannt geworden."
Robert Fisk zum Thema: Iraq Crisis: Created by Bush & Blair and Bankrolled by Saudi Arabia
Bush and Blair said Iraq was a war on Islamic fascism. They lost
Nachtrag vom 19.6.14:
"Die USA drängen in der Irak-Krise offenbar verstärkt auf politische Veränderungen in dem Land. Laut einem Bericht des amerikanischen "Wall Street Journal" will sich Präsident Barack Obama dafür einsetzen, dass eine neue irakische Regierung ohne Ministerpräsident Nuri al-Maliki gebildet wird. Demnach traut die US-Regierung dem Schiiten Maliki nicht zu, das Land zu einen und die instabile politische Lage zu stabilisieren." (Spiegel online, 196.14)
w.z.b.w.
aktualisiert: 19.6.14, 18:48 Uhr