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Montag, 24. August 2015

Nachrichtenmosaik Ukraine Folge 243

Gesammelte Nachrichten und Informationen zum Ukraine- und zum West-Ost-Konflikt und den Hintergründen, ohne Gewähr und Anspruch auf Vollständigkeit, fast ohne Kommentar

• Moskau: OSZE soll Kiewer Angriffsvorbereitungen überprüfen
"Russland bittet die Beobachter der speziellen OSZE-Mission, Informationen zu überprüfen, nach denen Kiew an der Trennlinie schwere Waffen in Stellung bringt. Dies berichtet am Montag die Abteilung für Information und Presse des russischen Außenministeriums.
„Die russische Seite teilte den Vertretern der OSZE-Beobachtermission im gemeinsamen Zentrum für Kontrolle und Koordination mit, dass die ukrainische Armee nach Aufklärungsangaben der Donezker Volkswehr an der Berührungslinie neue Feuerstellungen mit schweren Waffen einrichtet, und schlug vor, diese Informationen zu überprüfen“, hieß es aus der Abteilung für Information und Presse.
Im Raum Debalzewe seien bis zu 140„schwere Kriegsgeräte“ geortet worden, darunter 68 Panzer, die mit Waffen vom Kaliber 125 mm ausgerüstet sind, und 30 Artilleriesysteme vom Kaliber 122 und 152 mm. „Darüber hinaus sind im Raum Kodema zusätzlich 15 Grad-Raketenwerfer, 20 Panzer, drei Haubitzen auf Selbstfahrlafetten Gwosdika sowie eine taktische Bataillonsgruppe aus Richtung Lugansk angekommen“, heißt es in der Mitteilung.
Zudem werden in den Richtungen Donezk, Gorlowka und Mariupol neue Kriegsgeräte geortet.
„Damit verstärkt die ukrainische Regierung weiterhin ihr schweres Kriegsgerät an der Berührungslinie unter Verletzung des Minsker Abkommens, was zu erneuten Kampfhandlungen im Südosten der Ukraine führen wird“, so die Abteilung für Information und Presse weiter. ..." (Sputnik, 24.8.15)

• Donezk: Kiew schließt Angriffsvorbereitungen ab
"Die ukrainischen Truppen haben ihre Vorbereitungen für eine Donbass-Offensive fast abgeschlossen, wie der Vizestabschef der Donezker Volkswehr, Eduard Bassurin, am Montag mitteilte.
„Die ukrainischen Streitkräfte schließen ihre Vorbereitung zum Vorstoß ab”, sagte er. Es sei nicht auszuschließen, so Bassurin, dass Petro Poroschenko während seines Besuches in Berlin den Befehl für die Offensive erteilen könnte. Dort trifft der ukrainische Staatschef am Montag mit dem französischen Präsidenten Francois Hollande und Bundeskanzlerin Angela Merkel zusammen, um die Lage im Donbass zu behandeln.
Dem Donezker Vizestabschef zufolge setzt Kiew die Konzentration von Kriegstechnik und Truppen an der Berührungslinie in Donbass fort: Süd-östlich von Artjomowsk seien acht Uragan- und zwei Smertsch-Mehrfachraketenwerfer aufgestellt worden; südlich von Selidowo wären 15 Panzer und in Richtung Netajlowo eine Kolonne aus zehn Militärfahrzeugen gesichtet worden.
Darüber hinaus ist laut Bassurin ein Bataillon der ukrainischen Nationalgarde in dem Dorf Dmitrowka angekommen. ..." (Sputnik, 24.8.15)

• Poroschenko träumt von russischem Einmarsch
Kurz vor seinem Besuch bei Bundeskanzlerin Angela Merkel wirft der Kiewer Präsident Petro Poroschenko Russland erneut vor, in die Ukraine einmarschieren zu wollen: "Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko hat zum Tag der Unabhängigkeit der ehemaligen Sowjetrepublik eindringlich vor der Gefahr eines russischen Einmarsches gewarnt. Der Feind verfolge weiter die Idee eines direkten Angriffs auf die Ukraine, sagte Poroschenko in Kiew auf dem Unabhängigkeitsplatz - dem Majdan.
Russland habe an der Grenze zur Ukraine mehr als 50.000 Soldaten stationiert, im Kriegsgebiet Donbass seien 40.000 Kämpfer im Einsatz, darunter 9000 aktive russische Militärangehörige, behauptete Poroschenko. Russland weist solche Vorwürfe zurück. ..." (FAZ online, 24.8.15)
"Petro Poroschenko spricht wieder von Waffenlieferungen aus Russland an die Milizen im Donbass. In seiner Ansprache zum ukrainischen Unabhängigkeitstag berichtete er von mehr als 1.000 Panzern und Geschützen, die über die ukrainische Grenze gerollt sein sollen. Russische Politiker attestieren dem ukrainischen Staatschef Realitätsverlust.
„Moskau hat bis zu 500 Panzer, 400 Artilleriesysteme und bis zu 950 gepanzerte Kampffahrzeuge an die Milizen geliefert“, sagte Poroschenko während der Militärparade in Kiew. „Allein in dieser Woche haben drei große Kolonnen unsere Grenze Richtung Lugansk, Donezk und Debalzewe überquert.“
Die Quelle für seine Angaben nannte der ukrainische Staatschef nicht. Er warf jedoch Russland vor, die Situation in seinem Land destabilisieren und die Ukraine mit ihren westlichen Partnern „verfeinden“ zu wollen. Doch sei die Ukraine stark genug, um eine Abfuhr zu erteilen, Russland würde einen hohen Preis zahlen müssen, beteuerte Poroschenko. ..." (Sputnik, 24.8.15)
Ist Russland laut Poroschenko, Jazenjuk und den anderen Kiewer Putschisten nicht angeblich schon in die Ukraine einmarschiert?
In der Online-Ausgabe der österreichischen Tageszeitung Der Standard wurde am gleichen Tag dazu Folgendes berichtete, unter der Überschrift "Poroschenko mit dem Rücken zur Wand": "Am ukrainischen Nationalfeiertag reist der Präsident zu Gesprächen nach Berlin – Das Land steht vor gewaltigen Problemen
Am Morgen blieb noch Zeit für Pathos: In Kiew nahm Poroschenko den "Unabhängigkeitsmarsch" mit Flaggenpararade und 2.300 Militärangehörigen ab. Im Vergleich zur Moskauer Demonstration der Stärke am 9. Mai fehlte es in Kiew an Masse und Gerät. ...
Patriotismus wird in der Ukraine eineinhalb Jahre nach dem Sturz von Wiktor Janukowitsch, nach dem Verlust der Krim, der militärischen Zerreißprobe im Osten und der wirtschaftlichen Misere im ganzen Land noch hochgehalten. Einer Umfrage zufolge sind 67 Prozent der Bürger stolz darauf, Ukrainer zu sein – mehr als vor einem Jahr (61 Prozent), allerdings ohne die Krim und die Rebellengebiete.
Problematisch für die aktuelle Führung ist, dass sie von der patriotischen Grundstimmung nicht profitiert: Die Volksfront von Premier Arsenij Jazenjuk, bei der Parlamentswahl im vergangenen Herbst noch stärkste Kraft, würde derzeit mit Zustimmungswerten von 2,8 Prozent nicht einmal in die Rada einziehen. Jazenjuk versucht bereits, seine Partei mit dem Poroschenko-Block zu verschmelzen, um nicht ganz in der Versenkung zu verschwinden.
Diese Absetzbewegung hat Poroschenko selbst kein Plus gebracht: Mit 23,5 Prozent ist der Präsidentenblock zwar noch stärkste Kraft, doch die Führungsrolle wird ihm von Julia Timoschenkos Vaterlandspartei (22,7 Prozent) streitig gemacht. Poroschenkos eigenes Rating liegt gar nur bei 14,6 Prozent. Auch da droht ihm die vor einem Jahr schon abgeschriebene Expremierministerin (13,9 Prozent) den Rang abzulaufen. ..."

• Aufständische rechnen mit Kiewer Großangriff
"In Donezk ist ein bisschen Normalität eingekehrt. Viele Checkpoints in der Innenstadt wurden abgebaut. Einige Cafés sind geöffnet. Besucher schlendern in der spätsommerlichen Nachmittagssonne durch einen kleinen Bazar.
Aber allein das Angebot erinnert daran, dass die »Volksrepublik Donezk« (DNR) sich weiterhin in einem Ausnahmezustand befindet. Springerstiefel, Pistolenholster, Militärabzeichen, T-Shirts mit pathetischen Durchhalteparolen und Konterfeis von Heroen aus der Sowjetära – an den Ständen gibt es außer Schusswaffen alles, was für den Fronteinsatz und die Stärkung der Kampfmoral gebraucht wird. ...
Nach dem Feuerhagel auf Donezk und andere Orte in der vergangenen Woche habe sich die Lage wieder »mehr oder weniger stabilisiert«, sagt Katerina Katina, Nachrichtenchefin der regierungsnahen Donbass News Agency, die im Juli gegründet worden ist. Aber Verbände der ukrainischen Armee bewegten sich mit Panzern und schwerer Artillerie in Richtung Kontaktlinie, so Katina mit Verweis auf den aktuellen Lagebericht des DNR-Verteidigungsministeriums.
Der Beginn eines Großangriffs sei nur eine Frage der Zeit. »Nach unseren Erkenntnissen gibt es einen Plan, Donezk von Norden aus mit Truppen aus Awdijiwka und von Süden aus mit Kräften aus Dokutschajewsk einzukesseln und die Verbindung zur russischen Grenze zu kappen.« Es wird befürchtet, dass die Offensive heute, am 24. Jahrestag der Unabhängigkeit der Ukraine, oder in einigen Tagen starten wird. »Die Situation ist sehr angespannt – alle warten.« ...
Derweil bereiten sich die Streitkräfte der DNR auf die nächste Eskalation vor. »Wir waren trotz offiziellen Waffenstillstands gezwungen, ohne nennenswerte Unterbrechung weiterzukämpfen – mit Verlusten auf beiden Seiten«, berichtet Abchas, Kommandeur der Interbrigade, die an fast allen Brennpunkten im Einsatz war. Seine Einheit müsse zur Zeit nördlich von Donezk einen großen Frontabschnitt mit einer Länge von elf Kilometern halten. Es komme jetzt darauf an, sich nicht von politischen Taktierereien verunsichern zu lassen, meint Abchas. Seine Devise: »Keinen Schritt zurück, sondern zwei Schritte vorwärts. Wir dürfen keine Zeit verlieren.«" (junge Welt, 24.8.15)

• Rüstungskonzerne profitieren von Ukraine-Konflikt
"Deutsche Rüstungsbauer profitieren vom Ukraine-Konflikt: Vor dem Hintergrund der Kämpfe im Donbass zeigen vor allem osteuropäische Nato-Staaten Interesse an schweren Waffen „Made in Germany“, schreibt FT [die Financial Times - HS].
Die Nato sei sich ihrer fehlenden konventionellen Abschreckungswirkung bewusst, sagte Frank Haun, Chef des Panzerhersteller Krauss-Maffei Wegmann (KMW) laut FT. In östlichen Nato-Ländern gäbe es Interesse am Aufbau oder Verbesserung ihrer Einsatzmöglichkeiten.
Auch der Düsseldorfer Konzern Rheinmetall, der unter anderem Kanonen und Feuersysteme für den Leopard-Panzer herstellt, profitiert von der Ukraine-Krise. Die Ukraine habe das Rüstungsgeschäft politisch angespornt, die Aufträge seien gewachsen, sagte ein Unternehmenssprecher.
Noch vor kurzem habe die deutsche Rüstungsindustrie unter rückläufigen Verteidigungsausgaben der EU gelitten, schreibt FT. Doch nun erneuern Deutschland und andere Nato-Staaten ihre Landstreitkräfte. Die Kriegshandlungen im Osten der Ukraine haben die Politiker dazu veranlasst, wieder in jene Waffen zu investieren, die dem Schutz vor möglichen Bodenangriffen dienen." (Sputnik, 23.8.15)

• Obama verspricht Poroschenko weiter Unterstützung
"US-Präsident Barack Obama hat der Ukraine zu 24 Jahren Unabhängigkeit gratuliert und in einem Schreiben an Staatschef Petro Poroschenko weitere Unterstützung zugesichert.
„Unsere beiden Nationen arbeiten zusammen, um das Recht des ukrainischen Volkes auf freie Wahl seines Weges zu unterstützen und zu verteidigen“, zitierte Poroschenkos Presseamt aus Obamas Schreiben. Demnach lobte der US-Staatschef Poroschenkos „entscheidende Reformen trotz der russischen Aggression im Osten und der Besatzung der Krim“. „Die Vereinigten Staaten werden auch weiterhin die Ukraine unterstützen.“ ..." (Sputnik, 23.8.15)

• Minsk II von Kiew für Wiederaufrüstung mißbraucht
"Durch die Minsker Abkommen mit den Milizen von Donezk und Lugansk hat die ukrainische Regierung laut Präsident Petro Poroschenko Zeit gewonnen, um die Armee zu stärken.
„Die Minsker Abkommen, auch wenn sie kritisiert werden, haben uns einen Vorsprung verschafft. Sie haben uns Zeit gegeben, um die ukrainische Verteidigungsfähigkeit zu stärken. Sie haben uns geholfen, den militärisch-technischen Rückstand hinter Russland abzubauen“, sagte Poroschenko am Samstag bei einem Treffen mit Soldaten nahe Charkiw.
Der diesjährige Rüstungsetat der Ukraine sei auf Rekordhoch, so Poroschenko weiter. Die Verteidigungsfähigkeit der Truppen sei jetzt „deutlich höher als im vergangenen Jahr. Noch in diesem Jahr würden die Truppen mehr als 300 Panzer, 400 Fahrzeuge, 30.000 Raketen, Geschosse und Handfeuerwaffen bekommen, versprach der Staatschef. ..." (Sputnik, 23.8.15)

• Ukrainisches Flüchtlingsdrama
"Nahe der Frontlinie im Donbass suchen viele Menschen Zuflucht auf Zeit. In der Ukraine spielt sich das derzeit größte Flüchtlingsdrama des Kontinents ab.
... Wie viele es insgesamt sind, ist nicht klar, weil viele bei Freunden und Verwandten unterkommen, und es nach Einschätzung des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR eine hohe Dunkelziffer gibt. Die letzten offiziellen Daten nennen jedenfalls 1,4 Millionen Binnenvertriebene. Fast unbemerkt von Europa vollzieht sich damit mitten auf dem Kontinent ein Flüchtlingsdrama von einem Ausmaß, das es hier seit den Balkan-Kriegen der neunziger Jahre nicht mehr gegeben hat. ..." (FAZ online, 22.8.15)

• Poroschenko verspricht neue Waffen und sieht Ukraine weiter von Moskau bedroht
"Trotz diplomatischer Friedensbemühungen für den Donbass hat der ukrainische Präsident Petro Poroschenko neue Waffen für das Militär angekündigt. Bis Jahresende solle die Armee mit 400 Fahrzeugen und weiterem Kriegsgerät für den Kampf gegen prorussische Separatisten ausgerüstet werden, sagte er bei einem Treffen mit Soldaten im ostukrainischen Gebiet Charkiw am Samstag.
In der Kriegsregion berichteten Militär und Aufständische von gegenseitigem Beschuss. Mehrere Menschen seien verletzt worden, hieß es.
Vor einem geplanten Krisengespräch mit der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel am Montag in Berlin machte Poroschenko wenig Hoffnung auf eine rasche Lösung des Konflikts. "Die militärische Bedrohung aus dem Osten ist die Perspektive für das kommende Jahrzehnt", warnte er.
Die Ukraine sieht Russland als "Aggressor" in dem blutigen Konflikt. Moskau unterstütze die Aufständischen mit Waffen und Kämpfern, lautet der Vorwurf aus Kiew, den die Kreml-Führung zurückweist. ..." (Der Standard online, 22.8.15)

• Washington: Kiew soll militärische Konfrontation mit Moskau vermeiden
"Die Administration von US-Präsident Barack Obama hat der ukrainischen Regierung klar zu verstehen gegeben, dass es notwendig sei, eine militärische Konfrontation mit Moskau zu vermeiden, meldet Bloomberg.
Diese Empfehlung war ergangen, nachdem die Krim Anfang 2014 nach einem Referendum Russland beigetreten war. Es wird allerdings hervorgehoben, dass das Schreiben des Weißen Hauses lediglich ein Ratschlag und kein Befehl war.
Dies ist inoffiziell aus Regierungskreisen der USA und der Ukraine bekannt geworden. Wie Bloomberg weiter meldet, wurde von den europäischen Staaten das Gleiche empfohlen. ..." (Sputnik, 22.8.15)

• Berliner Dreier-Gipfel als letzte Chance für Minsk II?
"Als den letzten Versuch, das Minsk-2-Abkommen zu retten, betrachtet der LINKE-Abgeordnete Andrej Hunko den Dreier-Gipfel Merkel-Hollande-Poroschenko am Montag in Berlin. Zugleich sei dies ein Versuch, das Gesicht der westlichen Demokratien zu wahren, die die Durchsetzung des Minsker Abkommens garantiert haben.
Sollte der Krieg wieder beginnen, würde es das Scheitern der deutschen und französischen Diplomatie bedeuten, so Hunko. Die Zielstellung des Treffens dürfte darin bestehen, Poroschenko aufzufordern, die Gewalt-Eskalation in der Region um Donezk und Mariupol einzustellen, sagte er im Sputniknews-Interview mit Nikolaj Jolkin. Zwar würden beide Seiten beschuldigt, man habe aber den Eindruck, dass eben von der ukrainischen Seite in den letzten Tagen und Wochen insbesondere Donezk verstärkt beschossen wird, meinte Andrej Hunko.
„Im Minsk-2-Abkommen als einem komplexen Format geht es nicht nur um den Abzug der Waffen, sondern auch um die Verfassungsreform, einschließlich der örtlichen Wahlen. Es wäre aber notwendig, dass wenigstens der Waffenstillstand gesichert wird. Das Treffen findet deshalb ohne Putin statt, weil man direkt mit Poroschenko reden möchte. Man kann sich aber auch vorstellen, dass Merkel und Hollande wissen: Minsk-2 wird scheitern. Es gibt viele Anzeichen dafür, und sie bereden mit Poroschenko, wie gemeinsam sozusagen das dann der Öffentlichkeit gegenüber zu kommunizieren sei.“ ...
Sein Eindruck sei, dass die ukrainische Regierung nach dem Umsturz im Februar 2014 bislang niemals wirklich die Absicht hatte, eine friedliche Lösung der Konflikte in Donezk und Lugansk zu suchen.
„Als wir im März im Bundestag über das Assoziierungsabkommen EU-Ukraine debattiert haben, sprach ich mit dem ukrainischen Parlamentspräsidenten, wie sie das Abkommen und die anstehenden örtlichen Wahlen in den abtrünnigen Republiken im Oktober umsetzen wollen. Da muss man in irgendeiner Form mindestens eine technische Kommunikation mit denjenigen haben, die in Donezk und Lugansk gegenwärtig die Macht haben. Ich habe es so verstanden, dass die ukrainische Seite eine Vereinbarung mit ihnen verweigert. Das muss ich so interpretieren, dass die ukrainische Seite kein Interesse an der Umsetzung vom Minsk-2 hat.“
In der Ukraine gebe es sehr viele Kräfte, die das nicht wollen und für die Fortsetzung des Krieges plädieren, setzt der Bundestagsabgeordnete fort. Das schlimmste dabei sei, dass es auch im Westen, insbesondere in den USA, starke Kräfte gebe, die diesen Kurs unterstützen. ..." (Sputnik, 22.8.15)

• Rubel wird Leitwährung in Lugansk
"Der russische Rubel wird ab dem 1. September zur Leitwährung in der selbsternannten Volksrepublik Lugansk, wie aus einer Verordnung des Lugansker Ministerrates folgt.
„Um das Finanz- und Währungssystems sowie die Umsetzung der Finanzoperationen im Gebiet der Volksrepublik Lugansk, die vor allem in russischen Rubeln stattfinden, vor dem Hintergrund eines starken Rückganges der Griwna zu stabilisieren, wird der Rubel als Leitwährung im Gebiet der Volksrepublik Lugansk bestimmt“, heißt es in der Verordnung, die auf der Internetseite des Lugansker Informationszentrums veröffentlicht wurde. ..." (Sputnik, 19.8.15)

• Forderungen im US-Wahlkampf nach Waffen für Kiew
"Die USA sollten die Ukraine nach Ansicht des um eine Präsidentenkandidatur kämpfenden Jeb Bush mit Waffen versorgen und ihre Streitkräfte auszubilden helfen. „Das sollten wir Kiew garantieren“, erklärte der aussichtsreiche Bewerber um das Präsidentenamt von der Republikanischen Partei am Freitag vor Wählern im Bundesstaat Iowa.
Die Ukrainer seien mit einer Invasion konfrontiert. „Ein Teil des Territoriums ihres Landes bleibt immer noch von prorussischen Kräften okkupiert… Wir sollten die Ukraine unterstützen, damit sie die Reformen fortsetzen könnte.“ Bush sprach sich auch für eine „Kooperation mit Partnern und Verbündeten in Europa“ mit dem Ziel aus, Präsident Wladimir Putin zu einem Rückzug zu zwingen. ..." (Sputnik, 14.8.15)
"Scott Walker, Gouverneur von Wisconsin, versprach, für den Fall seiner Wahl zum US-Präsidenten die Bereitschaft, Waffen an die Ukraine zu liefern.
„Wenn ich zum Präsidenten gewählt würde, würde ich Waffen an die Ukraine liefern“, sagte Walker im Laufe der TV-Debatte unter den republikanischen Präsidentschaftsanwärtern.
Laut Walker sei „die Sicherheit der USA in Gefahr“. Als Grund dafür sieht er das Fehlen harter Schritte seitens der jetzigen demokratischen Administration von Präsident Barack Obama. ..." (Sputnik, 7.8.15)

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alternative Presseschau aus ukrainischen, ostukrainischen und russischen Quellen


die täglichen Berichte der OSZE-Beobachtermission in der Ukraine
  

Montag, 22. September 2014

Nachrichtenmosaik Ukraine Folge 77

Gesammelte Nachrichten und Informationen zu den Ereignissen in der Ukraine und deren Hintergründen, ohne Gewähr und Anspruch auf Vollständigkeit und fast ohne Kommentar

• Aufständische: 4.000 Zivilisten durch Krieg getötet
"Seit Beginn des Ukraine-Konflikts sind im Osten des Landes rund 4000 Zivilisten getötet worden. Das erklärte der Vizeregierungschef der nicht anerkannten Volksrepublik Donezk, Andrej Purgin, am Montag.
„Die genaue Zahl wird später bekannt gegeben. Bei intensiven Kämpfen mussten die Leichen ohne Identifizierung beigesetzt werden… Fast alle Toten unter den Zivilisten – fast 99 Prozent - sind Opfer des Artilleriefeuers. Gerade durch die Artillerie wurde bei uns auch die Infrastruktur zerstört.“ Purgin zufolge richtet die ukrainische Armee ihre schweren Waffen in 90 Prozent der Fälle nicht gegen die Militärs, sondern gegen friedliche Einwohner.
Nach UN-Angaben starben seit Beginn des Konflikts in der Ostukraine fast 3200 Zivilisten. Mehr als 8000 seien verletzt worden." (RIA Novosti, 22.9.14)

• EU-Abgeordneter: Russische Truppen in der Ostukraine
"Die Europäische Union und die Nato haben Beweise dafür, dass die regelmäßigen russischen Truppen an militärischen Operationen in der Ostukraine beteiligt sind, obwohl der Kreml das leugnet. Das erzählte im Interview mit DW das Mitglied des Europäischen Parlaments von den Niederlanden, Johannes Cornelis van Baalen.
„Wir haben Satellitenaufnahmen. Von dem Kreml haben wir bereits gehört: es gibt keine russischen Truppen auf der Krim und jetzt gibt es sie „nicht“ im Osten der Ukraine. Aber alle wissen doch, dass das eine Lüge ist. Die EU hat Beweise, die Nato hat Beweise, aber Putin wird sie trotzdem leugnen und bestreiten. Aber wenn es keine russischen Truppen in der Ukraine gibt, woher sind dann die Leichen von russischen Soldaten? Woher werden die Verwundeten in die Krankenhäuser von Rostow und St. Petersburg eingeliefert? Das ist ein Unding“, erklärte van Baalen.
Nach der Auffassung des Politikers treibt die russische Regierung die Propaganda, der viele glauben, und Putin wird weiterhin das tun, was er will: Truppen schicken oder abziehen. ...
„Die Vereinigten Staaten und die Europäische Kommission müssen mit dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko vertraulich kommunizieren und bei ihm herausfinden, was die Ukraine selbst will und wie sie ihr dabei helfen können. Denn die Kompromisse mit dem russischen Präsidenten Putin bedeuten werden, dass Putin gewonnen hat“, meint van Baalen. ..." (Ukrinform, 22.9.14)

• Aufständische rechnen mit langwierigem Friedensprozess
"In der krisengeschüttelten Ostukraine erwarten die prorussischen Separatisten keine rasche Umsetzung der vereinbarten Schritte für eine Lösung des Konflikts. Das Memorandum über die Schaffung einer 30 Kilometer breiten entmilitarisierten Zone erfordere viele technische Schritte, sagte der Separatistenführer Andrej Purgin am Montag.
Straßenblockaden müssten abgebaut, Gebiete entmint, Militärtechnik und Kampfverbände zurückgezogen werden. Das alles dauere seine Zeit, sagte er.
Vertreter der Aufständischen und der Regierung in Kiew hatten unter Vermittlung der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) am Samstag ein Memorandum unterzeichnet. "Wir sind bereit, alles zu tun. Das Wichtigste ist aber, dass niemand diese Arbeit stört", sagte Purgin. Der ukrainische Sicherheitsrat hatte betont, die Regierungstruppen nur zeitgleich mit den Separatisten 15 Kilometer hinter die Frontlinie zurückzuziehen. ..." (Der Standard online, 22.9.14)

• Kiews Verhältnis zur Wahrheit 
... ist Thema eines Beitrages ausgerechnet in der Tageszeitung Die Welt, online veröffentlicht am 22.9.14:
"Über Falschmeldungen aus Moskau wundert sich inzwischen niemand mehr. Doch auch die Ukraine nimmt es im Konflikt mit den Separatisten mit Wahrheit und Pressefreiheit offenbar nicht so genau.
In einem Konflikt, in dem die Rollen zwischen Gut und Böse klar verteilt schienen, wirft Kiews zweifelhafter Umgang mit der Wahrheit Fragen auf. Es zeigt sich immer deutlicher: Nicht nur der Kreml verbreitet im Ringen um die Ostukraine Propaganda. Auch die Ukraine kämpft mit allen Mitteln um die öffentliche Meinung, streut bewusst Desinformationen und Halbwahrheiten – und konnte sich bisher noch stets der Unterstützung aus dem Westen sicher sein. ...
Verlautbarungen der Armee übernehmen ukrainische Medien meist ungeprüft. Der Informationskrieg beginnt bereits mit der Sprache. Wie nennt man die bewaffneten Kämpfer in der Ostukraine? Sind es Separatisten, Aufständische oder Terroristen? Als Letztere bezeichnet die Regierung die Milizen – und fast alle Zeitungen und TV-Sender übernehmen diese Wortwahl.
Auch Militärinformationen über gefallene Soldaten, getötete Rebellen und Stellungen der Armee landen meist eins zu eins in der Presse. ...
Viele Militärnachrichten kommen von Dmitri Timtschuk, einem ukrainischen Ex-Militär, den auch westliche Medien häufig zitieren. Timtschuk betreibt in Kiew das "Zentrum für Gegeninformation" und berichtet meist sehr detailliert über die Kämpfe in der Ostukraine. Woher allerdings Timtschuk seine Informationen bezieht, ist unklar. Die Vermutung liegt nahe, dass Timtschuk von Kiew benutzt wird, um Informationen an die Öffentlichkeit zu lancieren. ...
Die Ukraine mag sich im Informationskrieg ähnlicher Waffen wie Russland bedienen. Doch für die Pressearbeit in eigener Sache hat man in Kiew entschieden weniger Geld. Das Pressezentrum im Hotel "Ukraina", wo Oberst Lysenko jeden Tag über die militärische Lage spricht, wird privat finanziert. ..."

• Polnische Waffen für Kiewer Truppen nach großen Materialverlusten?
"Die ukrainischen Regierungstruppen haben im Verlauf ihrer Einsätze gegen die Separatisten im Osten des Landes schwere Verluste an Material erlitten. "Es wurde zwischen 60 und 65 Prozent der Militärtechnik zerstört", beschrieb Präsident Petro Poroschenko am Sonntagabend im ukrainischen Fernsehen die Verluste an Panzern und schwerem Gerät.
Mit dem vereinbarten partiellen Rückzug der Kampftruppen beider Konfliktparteien und der Bildung von Pufferzonen habe die Ukraine nunmehr die Gelegenheit, die Einheiten aufzufrischen, die lange Zeit im Kampf gestanden hatten. "In einer dieser Einheiten hat mein Sohn gekämpft", zitierte die russische Agentur Ria Nowosti den ukrainischen Staatschef.
In dem Interview betonte Poroschenko, dass sein Land den Frieden brauche. Er selbst wolle alles unternehmen, "um den Friedensplan umzusetzen".
Polen will Waffen an die Ukraine verkaufen
Das Nato-Mitglied Polen hat sich zu Waffenverkäufen an die Ukraine bereiterklärt. Wenn das Nachbarland Rüstungsgüter kaufen wolle, sei die polnische Rüstungsindustrie nur zu gerne bereit, diese zu liefern, sagte Verteidigungsminister Tomasz Siemoniak am Montag dem Privatsender Zet. ..." (Der Standard online, 22.9.14)

• Kiewer Truppen erhalten "nichttödliche" Waffen
"Die Ukraine wird laut Präsident Pjotr Poroschenko von den USA und einigen anderen Ländern nichttödliche Waffen erhalten, die dem Land helfen werden, seine Verteidigung zu festigen.
„Wir müssen Aufklärungs-, Radar- und andere Defensivwaffen erhalten, die es uns ermöglichen werden, die Effektivität unserer Waffen um ein Zehnfaches zu steigern und sie zu modernisieren“, sagte Poroschenko in einem Interview für ukrainische TV-Sender am Sonntagabend.
Er berichtete auch, dass der US-Präsident ihm bereits einen recht hohen Status der Beziehungen zwischen den USA und der Ukraine versichert hatte, in dessen Lichte Kiew keinen Sonderstatus des amerikanischen Partners benötige.
„Bei dem Treffen mit mir sagte er, dass die Ukraine den höchsten Status der Verteidigungszusammenarbeit mit den USA unter allen Ländern hat, die nicht Nato-Mitglieder sind“, so der ukrainische Präsident. ..." (RIA Novosti, 22.9.14)

• NATO dehnt sich aus und erklärt Russland zum Aggressor
In einem am 22.9.14 von den Nachdenkseiten veröffentlichten Interview äußert sich der Friedensforscher Daniele Ganser u.a. zur Frage, ob Russland der Aggressor im Ukraine-Konflikt ist:
"... Ich glaube nicht, dass Russland Westeuropa bedroht oder erobern möchte. Das stimmt nicht. Es kommt in der Geschichte immer sehr darauf an, wo man die Schnittstelle legt, ob man mit der Annexion der Krim anfängt, oder mit der Vorgeschichte, etwa dem Sturz von Janukowitsch im Februar 2014, oder mit der Vorgeschichte der Vorgeschichte, also beispielsweise dem Entscheid der NATO 2008, die Ukraine und Georgien in das Militärbündnis zu integrieren.
Für mich liegt die Wurzel des jetzigen Konfliktes in diesem Entscheid der NATO, der war gefährlich und falsch. Der US-Botschafter hatte schon damals erkannt, damit trete man auf einen „rohen Nerv“ der Russen. Die USA wussten also, dass dies Moskau sehr irritieren würde. Trotzdem hat die frühere US-Botschafterin bei der NATO, Victoria Nuland, aktiv am Sturz der Regierung Janukowitsch mitgewirkt. Nuland, das ist übrigens jene, die mit dem wenig schmeichelhaften Zitat „Fuck the EU“ bekannt geworden ist.
Nach dem Sturz von Janukowitsch und der Installierung des NATO-freundlichen neuen Präsidenten Poroschenko hat Putin dann sehr schnell reagiert und mit Truppen die Krim und den Osten der Ukraine übernommen. Dies verdeutlicht: Die Russen wollen nicht, dass die NATO sie umzingelt, sie wollen nicht, dass die Ukraine in die NATO aufgenommen wird. ...
Russlands Verhalten war also nicht nur folgerichtig, sondern sogar vorhersehbar?
Nun, ich denke John Mearsheimer, Professor in Chicago, hat recht, wenn er sagt, der Westen trägt die Hauptschuld am Krieg in der Ukraine, weil er die NATO immer weiter ausdehnt. Mearsheimer hat das gut so zusammengefasst: „Man stelle sich die Empörung in Washington vor, wenn China ein mächtiges Militärbündnis schmiedete und versuchte, Kanada und Mexiko dafür zu gewinnen“ ...
Wie kommt es, dass von all dem in unseren Medien kaum die Rede ist? Wieso geht die NATO offenbar so eindeutig als Sieger aus der aktuellen „Propagandaschlacht“ hervor? Und gelingt es ihr offenbar, massenweise Desinformationen zu verbreiten?
Nun, die NATO hat in verschiedenen Medien in Deutschland, Österreich und der Schweiz befreundete Journalisten, welche immer im Sinne der NATO schreiben. Das nennt man Information Warfare. Das ist Teil des Krieges. Nur geht es hier um die „Heimatfront“: Die Bürger zu Hause vor dem Bildschirm oder vor der Zeitung. Das überlässt man natürlich nicht dem Zufall. Seit Vietnam haben die USA gelernt, dass die Heimatfront ganz wichtig ist. Daher verfolgt man die einfache Technik: Den Gegner, in diesem Fall Putin, dämonisieren, Chaos schüren und die eigene Gewalt verdecken und Spuren verwischen. ...
Nur ganz wenige Politiker stellen mitunter kritische Fragen zu den NATO-Kriegen oder den NATO-Geheimarmeen. Diese Fragen werden dann aber von der Exekutive mit Verweis auf die militärische Geheimhaltungspflicht nicht oder nur oberflächlich beantwortet. Sowohl die Bürger wie auch die Parlamente in den 28 NATO-Staaten haben leider zunehmend aufgehört, kritisch über die NATO zu diskutieren und ihre dunkle Seite zu durchleuchten. Wir wollen den Balken in unserem Auge nicht sehen. Dabei ist die Bilanz der NATO wirklich trostlos. Sie ist tief in der Gewaltspirale verstrickt, und wenn sie nicht mehr weiter weiß, fordert sie noch mehr Rüstungsausgaben."
Kommentar: Auch das erinnert an die Vorgänge vor 100 Jahren: "Ein Leitfaden der Politik Bethmanns in der Julikrise war es, die anderen Mächte den ersten Schritt tun zu lassen, damit diese als Aggressoren erschienen."
Und: "Die Besprechungen in Potsdam [am 27. Juli 1914 – HS] fasste Moritz von Lyncker, der Chef des kaiserlichen Militärkabinetts, wie folgt zusammen: ‚Unsere Politik sei darauf gerichtet, Russland in die Rolle des Provozierenden zu drängen. ...'"

• Timoschenko: Frieden nutzt Putin
"Die Anführerin der „Batjkiwschtschyna“-Partei Julia Timoschenko ist davon überzeugt, das Ziel des Präsidenten der Russischen Föderation Wladimir Putin bestehe in der Entwaffnung ukrainischer Armee sowie in der Eroberung ukrainischen Territoriums mit Hilfe von Friedensvereinbarungen. Das hat Julia Timoschenko am Sonntag in der Live-Sendung „Podrobnosti nedeli“ des „Inter“-TV-Senders erklärt.
„Man darf dem Putin nicht glauben, denn jedes mal, wenn er die Pausen anbietet, wenn er durch fremde Hände verschiedene Friedenspläne anbietet, verstärkt er seine militärische Präsenz an unseren Grenzen sowie auf unserem Gelände… Putins Strategie besteht in Zubindung uns durch falsche Friedensabkommen und in Eroberung Schritt für Schritt unserer Erde“, - kündigte Timoschenko an.
Ihren Worten nach seien die in Minsk unterzeichneten Dokumente „eine Lüge zu Zweck einer Entwaffnung unserer Armee, einer Neutralisierung unserer Verteidigung, im Tun so, dass die Europäische Union und die Vereinigten Staaten Sanktionen (gegen Russland – red.) schwächer machen oder sie überhaupt aufheben werden“. ..." (Ukrinform, 22.9.14)

• Krimtataren-Organisation unter Druck
"Zuerst stürmten Geheimdienstmitarbeiter das Hauptquartier der Medschlis - der Organisation der Krimtataren, einer Volksgruppe, die 12 bis 14 Prozent der Gesamtbevölkerung der Schwarzmeerhalbinsel stellt. Elf Stunden dauerte die Durchsuchung. Dabei wurden Computer-Festplatten, Dokumente, das neueste Buch von Krimtataren-Führer Mustafa Dschemilew sowie Teile der Auflage von »Avdet«, der Zeitung der Krimtataren, beschlagnahmt. Auch der Safe, in dem Dschemilew persönliche Dinge verwahrt, wurde geknackt, Augenzeugen berichteten, dass dabei auch Geld verschwunden sei.
Kaum waren die Geheimdienstler gegangen, kamen Gerichtsvollzieher und verlasen in Begleitung Schwerbewaffneter einen Vollstreckungsbeschluss des Stadtgerichts von Simferopol, der Hauptstadt der Krim. Damit werden die Medschlis und deren Unterorganisationen - darunter die karitative Stiftung Krim - beauflagt, das ihnen gehörende Gebäude binnen 24 Stunden zu räumen.
Das war vergangenen Dienstag. Am Donnerstag kamen die Gerichtsvollzieher wieder und hatten erneut nichts Gutes zu verkünden. Das Vermögen der Stiftung - darunter sieben Immobilen - sei gesperrt, die Eigentümer dürften darüber nicht mehr verfügen.
Razzien fanden dieser Tage auch in mehreren Moscheen statt. In Fontany, einem Vorort von Simferopol, sogar während des Gebets. Daneben wurden zahlreiche Privatwohnungen und eine krimtatarische Schule durchsucht. Der amtierende Republikchef Sergei Aksjonow hatte die »Maßnahme« mit »Hinweisen« begründet, wonach die Medschlis verbotene Literatur vertreibe und ihre Stiftung sich auch mit Drogen- und Waffenhandel finanziere. Die Beweislage ist allerdings sehr dürftig. Den Fahndern, die laut Augenzeugen mit Panzerfahrzeugen und Maschinengewehren anrückten, fielen lediglich drei religiöse Bücher in die Hände, die in Russland auf dem Index stehen. ..." (Neues Deutschland, 22.9.14)

• Foltervorwürfe gegen Kiewer Truppen
"Die Aufständischen im Donbass haben schwere Foltervorwürfe an die Adresse der ukrainischen Freiwilligenbataillone gerichtet. Auf einem ehemaligen Golfplatz bei Lugansk, der in den letzten Monaten als Standort des Bataillons »Aidar« genutzt wurde, seien mehrere Leichen mit Mißhandlungs- und Hinrichtungsspuren entdeckt worden. Ein ins Netz gestelltes Video zeigt Tote, die aus einem kleinen See auf dem Gelände des Golfplatzes geborgen worden seien. Den Leichen, darunter die einer Frau, fehlten Zehen und Finger. Sie waren mit Steinen an den gefesselten Füßen in dem Gewässer versenkt worden. Ob sie zu diesem Zeitpunkt noch lebten, ist unklar. Gegen das Bataillon »Aidar« hatte auch Amnesty International vor einigen Tagen Foltervorwürfe erhoben. Die nördlich von Lugansk eingesetzte Truppe ist auch unter Anwohnern für Plünderungen und Mißhandlungen mutmaßlicher »Separatisten« berüchtigt. Sie hatte die Position im Zuge der erfolgreichen Gegenoffensive der Aufständischen Anfang September räumen müssen.
Foltervorwürfe gegen den »Rechten Sektor« erhob unabhängig davon der mehrfache Europameister im Karate und Medaillengewinner für die Ukraine, Pjotr Giljow. Wie der im Zuge eines Gefangenenaustausches freigekommene Giljow dieser Tage russischen Zeitungen berichtete, sei er Ende Juni an einem Kontrollpunkt von Angehörigen dieser faschistischen Miliz aus einem Autobus heraus festgenommen und tagelang verprügelt, getreten und mit Stuhlbeinen und anderen Gegenständen traktiert worden. Angesichts seiner Prominenz habe der Sicherheitsdienst der Ukraine vom »Rechten Sektor« verlangt, ihn herauszugeben. Die Ermittlungsrichterin habe es angesichts seines körperlichen Zustands abgelehnt, ein Verfahren gegen ihn zu eröffnen. Giljow sagte, er habe die Torturen nur überlebt, weil er als professioneller Karatekämpfer gewohnt sei, Schmerz auszuhalten. ..." (junge Welt, 22.9.14)

• Das traditionsreiche Wirken der CIA in der Ukraine
... beschreibt Paul Schreyer in der Ausgabe der Tageszeitung junge Welt vom 22.9.14:
"... Nachdem die Nazis bei ihrem Vormarsch gegen die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg bereits auf die Unterstützung ukrainischer Nationalisten unter Stepan Bandera gesetzt hatten, nahm nach dem Krieg die CIA Banderas Sicherheitschef Mikola Lebid unter ihre Fittiche. Lebid wurde in internen Dokumenten von den Amerikanern als »bekannter Sadist und Kollaborateur der Deutschen« mit »hinterhältigem Charakter« beschrieben, und man wußte von ihm, daß die Gestapo ihn ausgebildet hatte. Lebid wurde zum wichtigsten Mann der CIA, um im Kalten Krieg Einfluß auf die Ukraine zu nehmen. Ab etwa 1950 war dies die Aufgabe der CIA-Operation »Aerodynamic«, zu deren Schlüsselfigur Lebid aufstieg. Es wurden Agenten in die Ukraine ein- und ausgeschleust und das Untergrundnetzwerk des Landes in jeder Hinsicht unterstützt. Ebenso wie heute ging es dabei im Kern um die Schwächung Moskaus. ...
Mitte der 1950er Jahre allerdings, nachdem es der Sowjetunion schließlich gelungen war, das Netzwerk von Mikola Lebid in der Ukraine zu infiltrieren, endete die aggressive Phase des CIA-Programms »Aerodynamic«. Das Ein- und Ausschleusen von Agenten und militanten Widerstandskämpfern war erst einmal passé.
In der Folge verlegte man sich auf den nicht weniger bedeutsamen verdeckten ideologischen Kampf. Unter Lebids Führung wurde in New York eine Art »Kulturprogramm« gestartet. Die CIA gründete dazu eine private Organisation namens »Prolog Research Corporation«, die ukrainische Zeitungen und Bücher herausgab sowie Radioprogramme produzierte. Parallel wurde eine Außenstelle in München namens »Ukrainische Gesellschaft für Auslandsstudien« geschaffen, wo die meisten »Prolog«-Veröffentlichungen entstanden. Die Corporation bezahlte eine ganze Reihe von ukrainischen Schriftstellern im Exil, von denen die meisten nichts vom CIA-Hintergrund der Organisation wußten. Die schönen Künste wurden zur Propagandawaffe. Das Geheimdienstprogramm unterstützte in den 1970er Jahren sogar Ausstellungen ukrainischer Kunst in den USA, wobei der Schwerpunkt auf Arbeiten von Dissidenten lag, die in der Ukraine verboten waren. ...
In den 1960er und 1970er Jahren beeinflußte »Prolog« eine ganze neue Generation von Ukrainern, die weder ahnten, daß die USA der Zahlmeister vieler ihrer Ideengeber waren, noch, daß diese Unterstützung ihres nationalen kulturellen Selbstbewußtseins nur ein Mittel zu einem größeren imperialen Zweck sein sollte.
Lebid setzte sich 1975 zur Ruhe, blieb aber weiterhin Berater von »Prolog«. Ende der 1970er Jahre weitete Zbigniew Brzezinski, damals Nationaler Sicherheitsberater von US-Präsident James Carter, das Programm weiter aus, da er von dessen Erfolg überzeugt war. Sein familiärer Hintergrund spielte wohl ebenso eine Rolle – Brzezinskis Vater, ein polnischer Diplomat, war im Gebiet der späteren Ukraine aufgewachsen. In den 1980er Jahren wurde das Programm auf weitere Nationalitäten innerhalb der Sowjetunion ausgedehnt und galt letztlich als eines der erfolgreichsten dieser Art für die CIA. ...
Und so führt der rote Faden von den militanten 1940er Nachkriegsjahren und dem Elitenberater Allan W. Dulles über die Zusammenarbeit mit ukrainischen Nazikollaborateuren wie Mikola Lebid bis hin zur waffenlosen »Soft power« der Intellektuellenförderung durch CIA wie NED und nun zu einer wieder militanten Gegenwart mit CIA-Beratern beim »Antiterror«-Krieg in der Ostukraine. Dazu passen auch die aktuellen Aussagen von Semjon Semjontschenko, dem Anführer des rechtsnationalen ukrainischen Bataillons »Donbass«, der eigenen Angaben zufolge derzeit in Washington weilt, um Gespräche mit US-Politikern zu führen und ein Training seiner Kämpfer durch die US-Armee zu vereinbaren. ..."

• Demo in Moskau gegen Krieg und Putin
"„Nein zum Krieg“, skandierten tausende Demonstranten am Sonntag in Moskau. Erstmals seit Ausbruch des Konflikts in der Ostukraine manifestierte sich in der russischen Hauptstadt der Widerstand gegen die Politik Wladimir Putins. „Wofür sterben unsere Soldaten?“, hieß es auf Plakaten auf dem Friedensmarsch im Zentrum Moskaus.
Auch Michail Chodorkowski, der prominenteste Putin-Kritiker, signalisierte aus seinem Schweizer Exil Unterstützung für die Demonstranten. „Unser Land nimmt direkt oder indirekt an dem Konflikt teil“, notierte er auf der Homepage seines soeben gegründeten Oppositionsbündnisses Open Russia, die die Zivilgesellschaft in Russland fördern soll. In einem „Spiegel“-Interview kritisierte er: „Der Westen hat mit seiner sogenannten Realpolitik bei Putin die Überzeugung genährt, dass er und seine Umgebung alles dürfen.“ ..." (Die Presse online, 21.9.14)
"Tausende Menschen haben sich am Sonntag im Zentrum von Moskau zu einem „Friedensmarsch“ eingefunden. An der von Oppositionsparteien organisierten Aktion nehmen sowohl Anhänger der russischen Opposition als auch Unterstützer der nicht anerkannten „Volksrepubliken“ in der Ost-Ukraine teil.
Der „Friedensmarsch“ hat auf dem Puschkin-Platz in Moskaus Stadtkern begonnen und soll am Sacharow-Prospekt enden. Zu der behördlich genehmigten Aktion sind nach Polizeiangaben rund 5000 Menschen gekommen. Die Veranstalter hatten 50.000 Teilnehmer angekündigt. "Nein zum Krieg!", skandieren die Demonstranten. Viele von ihnen tragen ukrainische Staatssymbole, andere halten Flaggen der von Kiew abtrünnigen Donezker und Lugansker „Volksrepublik“ hoch. Hunderte Polizisten sorgen für die öffentliche Sicherheit. ..." (RIA Novosti, 21.9.14)

• Warmlaufen für den Regimewechsel in Moskau: Chodorkowski mit präsidialen Ambitionen
"Der frühere russische Ölmagnat Michail Chodorkowski hat Ambitionen auf das Präsidentenamt angedeutet. Zunächst will er Kreml-Chef Wladimir Putin aber mit der proeuropäischen Oppositionsbewegung "Offenes Russland" herausfordern, die er am Samstag in Paris gründete. Der 51-Jährige war erst im Dezember nach zehn Jahren Lagerhaft von Putin begnadigt worden - unter der Bedingung, sich nicht mehr in die Politik des Landes einzumischen.
Bei der Gründungszeremonie der Initiative in Paris rief Chodorkowski seine Landsleute auf, sich vor den 2016 anstehenden Parlamentswahlen für politische Reformen und Rechtsstaatlichkeit einzusetzen. "Offenes Russland" soll über eine Online-Plattform ein Forum für Gleichgesinnte bieten, ist laut Chodorkowski aber keine politische Partei. ...
Der französischen Zeitung "Le Monde" sagte er: "Wenn sich das Land normal entwickeln würde, wäre ich nicht daran interessiert, Präsident zu werden." Sollte Russland aber jemanden brauchen, "um das Land aus der Krise zu führen und die Verfassung zu reformieren, also vor allem die Macht des Präsidenten auf die Justiz, das Parlament und die Zivilgesellschaft zu verteilen, dann stünde ich für diesen Teil der Aufgabe bereit".
Im Gegenzug für seine Freilassung hatte Chodorkowski faktisch versprechen müssen, sich aus der russischen Politik herauszuhalten. Eine offizielle Reaktion des Kreml-Chefs auf die Gründung von "Offenes Russland" gibt es nicht. "Ich denke, er wird verärgert sein", sagte Chodorkowski in Paris, zumal der Ex-Oligarch auch den Sturz der prorussischen Regierung in der Ukraine offen begrüßte.
"Putin ist mein politischer Gegner, aber ich hasse ihn nicht", sagte Chodorkowski dem "Spiegel" in einem weiteren Interview. Darin warf er den westlichen Staaten vor, dem Kreml-Chef zu lange freie Hand gewährt zu haben: "Der Westen hat mit seiner sogenannten Realpolitik bei Putin die Überzeugung genährt, dass er und seine Umgebung alles dürfen. Die Botschaft war: Lasst uns gute Geschäfte machen, ansonsten ist alles erlaubt." ..." (AFP, 21.9.14)

• Waffenruhe wieder ignoriert - NATO sieht weiter russische Soldaten
"Trotz der Einigung auf eine Waffenruhe und eine entmilitarisierte Pufferzone in der Ostukraine reißt die Gewalt in der Konfliktregion nicht ab. Nachdem die Großstadt Donezk bereits am Samstag von Explosionen erschüttert wurde, war zuletzt rings um den nahegelegenen Flughafen Gefechtslärm zu hören. Die Ukraine-Kontaktgruppe hatte eine Vereinbarung zur Entspannung der Lage unterzeichnet - ob und wann sie umgesetzt wird, ist unklar. ...
Die ukrainischen Streitkräfte erklärten, nach der Unterzeichnung des Neun-Punkte-Plans seien zwei Soldaten getötet und acht weitere verletzt worden. Solange die Waffenruhe als Hauptpunkt des Abkommens nicht uneingeschränkt gelte, "können wir auch nicht über die folgenden Punkte reden", sagte Armeesprecher Andrej Lyssenko.
Die Aufständischen wiederum erklärten, dass ihre Stellungen rund um den von Regierungstruppen gehaltenen Flughafen Donezk beschossen worden seien. Als Vergeltung habe es Gegenangriffe gegeben. "Beide Seiten wollen einander demonstrieren, dass sie noch da sind", sagte ein Rebell der Nachrichtenagentur AFP. Nach örtlichen Behördenangaben brachten am Samstag zudem Artilleriegeschosse eine von den Rebellen kontrollierte Waffenfabrik und ein Sprengstofflager in einem Vorort von Donezk zur Explosion, ohne dass es dabei Tote gab.
Auch Nato-Oberbefehlshaber Philip Breedlove kam zu dem Schluss, dass die Waffenruhe "nur auf dem Papier existiert. Was auf dem Boden passiert, ist eine völlig andere Sache". Außerdem seien nach wie vor russische Soldaten im Osten der Ukraine stationiert, sagte Breedlove im litauischen Vilnius, wo die Nato am Vorabend den Aufbau fünf regionaler Kommandozentralen entlang ihrer Außengrenze zu Russland angekündigt hatte. ..." (AFP, 21.9.14)

• Armee stellt Pufferzone in Frage
"Die ukrainische Armee hat die dauerhafte Einhaltung einer Waffenruhe im Osten des Landes zur Voraussetzung für die verabredete Einrichtung einer Pufferzone erhoben. Die Waffenruhe sei einer der Hauptpunkte der in Minsk getroffenen Übereinkunft zwischen Kiew und den Rebellen, sagte der Armeesprecher Andrej Lyssenko.
"Solange dieser Punkt nicht erreicht ist, können wir auch nicht über die folgenden Punkte reden." Seit der Unterzeichnung des Neun-Punkte-Plans am Samstag seien zwei Soldaten getötet und acht weitere verletzt worden. Auch die Aufständischen in Donezk teilten mit, dass immer wieder Schüsse und Explosionen zu hören seien. Demnach hielten die ukrainischen Regierungstruppen weiter viele Stellungen mithilfe schwerer Artillerie unter Kontrolle. ..." (Die Presse online, 21.9.14)

• Steinmeier: Russland muss sich bewähren
Die Lübecker Nachrichten veröffentlichten in ihrer Online-Ausgabe am 20.9.14 ein Interview mit Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier:
"... LN: Russland ist im April nicht dabei. Wie groß ist Ihre Hoffnung, dass aus G7 wieder G8 wird?
Steinmeier: Das Aussetzen der Mitgliedschaft Russlands war kein Selbstzweck, sondern eine Reaktion auf das Vorgehen gegen die Ukraine, insbesondere auf die völkerrechtswidrige Annexion der Krim. Unser Interesse ist es nicht, Russland dauerhaft zu isolieren. Nach der Vereinbarung des Zwölf-Punkte-Plans zwischen Präsident Putin und Präsident Poroschenko kann Russland beweisen, dass es sich an Verabredungen hält und die Einheit der Ukraine achtet. Passiert das, können wir wie angekündigt über die Rücknahme von Sanktionen entscheiden — und auch darüber, ob wir von G7 zu G8 zurückkehren.
LN: Der Waffenstillstand in der Ukraine hält einigermaßen. Eine Folge der Sanktionen?
Steinmeier: Vielleicht ist es eher so, dass beide Seiten an den Punkt gekommen waren, an dem sie erkennen mussten, dass eine militärische Lösung des Konflikts nicht möglich ist, sondern nur weitere Tausende von Todesopfern bedeutet hätte. Aber ganz sicher haben die Sanktionen tiefe Spuren in der russischen Wirtschaft hinterlassen. Der Kapitalabfluss ist stark gewachsen, die Zurückhaltung ausländischer Investoren ebenso. Die Notenbank musste intervenieren, um den Rubel zu stützen. Eine Fortsetzung der bisherigen russischen Politik gegenüber der Ukraine wäre mit ernsten wirtschaftlichen Folgen verbunden.
LN: Sind Sie im Ukraine-Konflikt optimistischer geworden?
Steinmeier: Nicht in dem Sinne, dass wir in naher Zukunft wieder in die Normallage europäisch-russischer Beziehungen zurück pendeln. Dazu ist zu viel Vertrauen zerstört worden. Aber wir waren in einer ausgesprochen gefährlichen Situation, in der eine offene militärische Konfrontation zwischen russischen und ukrainischen Streitkräften immer wahrscheinlicher wurde.
Das zeigt, wie viel durch eine Waffenruhe, mag sie auch brüchig sein, schon gewonnen ist. Das ist zwar noch nicht die politische Lösung, aber immerhin ein Schritt in die richtige Richtung. Politische Lösungen entstehen nicht im Mündungsfeuer von Gewehren. Man braucht diese Phase des Waffenstillstands, um sie wieder möglich zu machen. ..."

• Ex-Außenminister Genscher zweifelt an Sanktionen gegen Russland 
"In der aktuellen Folge der Fernsehsendung Im Dialog (die die Presse vorab sehen durfte) stellt der langjährige deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher den Sinn der EU-Sanktionen gegen Russland infrage: Er, so der FDP-Politiker, habe seine "Zweifel, ob wir am Ende sagen werden, das war eine besonders erfolgreiche Unternehmung".
Sanktionen sind Genschers Worten nach "wie eine Leiter": Es geht "immer eine Stufe höher, und auf einmal ist sie zu Ende". Diejenigen, die das Instrument einsetzen, stehen dem 87-Jährigen zufolge irgendwann "vor der Frage, ob sie wieder runterklettern oder runterspringen". Und das möchte der Vermittler der deutschen Wiedervereinigung den Europäern "lieber ersparen".
Außerdem rät der maßgeblich am Aushandeln der KSZE-Schlussakte von Helsinki beteiligte Austragspolitiker seinen aktiven Kollegen zur sprachlichen Mäßigung, weil "starke Worte" seiner Ansicht nach nicht weiterführen und "Aufrüstung oft mit der Aufrüstung der Worte begonnen hat". Zudem, so Genscher, könne auch das russische Volk "Respekt von seinen Nachbarvölkern" erwarten. Überdies müsse die deutsche, europäische und US-amerikanische Politik stärker berücksichtigen, dass die NATO in der Vergangenheit Zusagen verletzte: "Russland hat […] akzeptiert, dass die unabhängig gewordenen Staaten Mitglied der Europäischen Union wurden. Wenn aber dann, zusätzlich zur NATO-Mitgliedschaft, etwas nicht mehr eingehalten wird, was man zugesagt hatte, wie in der NATO-Erklärung von 1997, die besagt, dass man nicht ständige Stationierungen in den neuen Mitgliedsländern vornehmen will, und dann dort Raketenabwehrstellungen gebaut werden sollen, dann bedeutet das eine Veränderung."
Dass die Waffensysteme in Osteuropa "sicher nicht, […] wie vorgegeben wird, gegen Iran aufgebaut werden, sondern dass sie natürlich auch in eine andere Richtung wirksam sind", erklärt Genschers Ansicht das neue russische Misstrauen gegenüber dem westlichen Militärbündnis.
Aber auch ein "gegenseitiges Aufrechnen" würde seinen Worten nach nicht weiterführen. Stattdessen müsse man offen mit Putin sprechen und akzeptieren, dass er die "klare Zielsetzung hat, [für Russland] eine Position zu schaffen, die nichts mehr mit der Schwächeposition eines [Boris] Jelzin zu tun hat". ..." (Telepolis, 20.9.14)

• Moskau rechnet nicht mit baldiger Aufhebung der Sanktionen
"Russlands Wirtschaftsminister Alexej Uljukajew erwartet zwar keine neuen Sanktionen des Westens gegen Russland, die bereits bestehenden Sanktionen werden allerdings nach seiner Ansicht kaum in absehbarer Zeit aufgehoben.
„Ich denke, dass es eher keine neuen Sanktionen geben wird“, sagte er am Samstag am Rande des Wirtschaftsforums in Sotschi. „Die bereits beschlossenen Sanktionen werden allerdings noch lange bestehen, und zwar unabhängig von der Entwicklung in der Ukraine. Selbst bei der Umsetzung aller in Minsk erzielten Vereinbarungen werden die Sanktionen wohl kaum aufgehoben. Wir werden noch lange damit leben müssen. Im Haushaltsentwurf für 2015 sind wir zwar von der Aufhebung der Sanktionen ausgegangen, mir persönlich scheint es aber, dass dies nicht geschehen wird.“ ..." (RIA Novosti, 20.9.14)

• Poroschenko: Kriegstreiber keine Gesinnungsgenossen
Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko hat am 16.9.14 Journalisten gegenüber das Gesetz zum auf drei Jahre befristeten Sonderstatus der Donbass-Region als "Grundlage für den Frieden" bezeichnet. "Die Ukraine braucht entscheidend Frieden und ich persönlich bin für die Umsetzung des Friedensplans verantwortlich. Jeder, der Krieg will, ist nicht mein Gesinnungsgenosse", wird er vom präsidialen Pressedienst zitiert. Poroschenko sprach sich für Versöhnung mit der "neuen Regierung" in den Regionen Lugansk und Donezk aus, die die dort Lebenden wählen sollen. Die Dezentralisierung der Macht und mehr Befugnisse für die Regionen "waren und sind die wichtigsten Punkte des Friedensplans". Frieden und Harmonie zu bringen, das "ist mein Weg", so der Präsident.
"Wir lassen es nicht zu, dass der fragile Waffenstillstand zerstört und die Ukraine in einen verbrecherischen Krieg gezogen wird. Heute haben wir mehr möglich gemacht, das Sterben der Menschen in der Ostukraine zu stoppen. Das ist die Hauptsache." Es müsse sicher gestellt werden, dass auch die Gegner diesen Schritt mitgehen.

Freitag, 20. Juni 2014

Nachrichtenmosaik Ukraine Folge 11

10. Fortsetzung der gesammelten Nachrichten und Informationen zu den Ereignissen in der Ukraine, ohne Gewähr und Anspruch auf Vollständigkeit und fast ohne Kommentar (aktualisiert: 23:14 Uhr)

• Poroschenko: Waffenruhe für eine Woche"Die Militär- und Sicherheitskräfte der Ukraine stellen die Kampfhandlungen im Südosten des Landes bis zum 27. Juni ein. Das erklärte Präsident Pjotr Poroschenko am Freitag bei einem Treffen mit Bewohnern der Stadt Swjatogorsk im Gebiet Donezk.
„Die Kräfte, die an der Anti-Terror-Operation teilnehmen, stellen das Feuer ab sofort für eine Woche, bis zum 27. Juni ein“, wurde Poroschenko auf der Internetseite des Kiewer Innenministeriums zitiert. Laut Pressedienst des Präsidenten hatte Poroschenko bereits einen entsprechenden Befehl erteilt. ...
„Die ukrainische Armee stellt das Feuer ein. Aber das bedeutet ganz und gar nicht, dass wir im Fall einer Aggression gegen unsere Militärs keine Abfuhr erteilen werden. Wir werden alles für den Schutz unseres Territoriums tun“, versicherte Poroschenko.
Die Waffenruhe solle den Weg für seinen Friedensplan freimachen. Dem Kiewer Innenministerium zufolge sollen die „Terroristen“ ihre Waffen während der Waffenpause niederlegen. „Diejenigen, die das nicht tun, werden vernichtet“, hieß es in Kiew.
Die Volkswehr der selbsternannten Republiken Lugansk und Donezk im Osten der Ukraine teilte mit, dass sie den Ankündigungen Poroschenkos nicht glaubt. „Wir haben schon hundertmal von einer Waffenruhe seitens der Nationalgarde und der ukrainischen Armee gehört. Aber die Militäroperationen hören keine Minute auf“, sagte der Donezker „Republikchef“ Andrej Purgin. ..." (RIA Novosti, 20.6.14)

• Gehrcke: "Poroschenko-Friedensplan verdient den Namen nicht"
"Der sogenannte Friedensplan von Petro Poroschenko verdient diesen Namen nicht. Er wäre nur dann glaubwürdig, wenn sofort alle Aktionen der ukrainischen Armee eingestellt, die Soldaten in die Kasernen zurückbeordert und die Nationalgarde sowie andere Milizen aufgelöst werden würden. Die 14 Punkte sind außerdem völlig unzureichend, um zu einem tatsächlichen Frieden in der Ukraine zu kommen. ...
Ein Waffenstillstand hat dann eine Chance, wenn die größte Macht, und das ist immer noch die Armee, nicht weiter gegen das eigene Volk eingesetzt wird. Nach wie vor ist nicht widerlegt, dass die ukrainische Armee und die Nationalgarde in weiten Bereichen unter dem Kommando von Offizieren stehen, die mit dem Rechten Sektor verbunden sind. Die Entwaffnung paramilitärischer Verbände darf nicht nur im Osten vor sich gehen, sondern muss in der gesamten Ukraine vollzogen werden. Die OSZE wäre geeignet, nicht nur die Entwaffnung zu beobachten, sondern selbst Waffen einzuziehen. ..." (Pressemitteilung MdB Wolfgang Gehrcke, 20.6.14) 

• Steinmeier: Aufständische schuld an Eskalation
Außenminister Frank-Michael Steinmeier ist derzeit zu Besuch in Österreich. Die Zeitung Der Standard gibt seine Äußerungen am 20.6.14  in Wien zur Situation in der Ukraine so wieder: "... Pessimistisch gab sich der deutsche Chefdiplomat mit Blick auf die Ukraine-Krise. Noch letzte Woche sei man der Meinung gewesen, "auf einem guten Weg zu sein". Doch der Abschuss der ukrainischen Militärmaschine über dem ostukrainischen Lugansk sei "ohne Zweifel ein Rückschlag gewesen". In der Folge müsse sich die internationale Gemeinschaft bemühen, "die Bedingungen wieder herzustellen, um den Friedensplan wahr zu machen" und in die Realität umzusetzen. ..."

• Aufständische fühlen sich von Putin verraten
"Die Führung der Donezker Volkswehr fühlt sich vom russischen Präsidenten Wladimir Putin verraten, schreibt die "Nesawissimaja Gaseta" in ihrer Freitagsausgabe.
Der Befehlshaber der Volkswehr der so genannten „Donezker Volksrepublik“, Igor Strelkow, hat im Internet eine Erklärung abgegeben, in der er warnt, dass die Situation seiner Mitstreiter ohne eine „reelle, umfassende und unverzügliche“ Militärhilfe seitens Russlands hoffnungslos sei. Die Volkswehr verliere den Kampf gegen die ukrainische Armee, weil sich Russland nach den Unabhängigkeitsreferenden in den Gebieten Donezk und Lugansk geweigert habe, seine Friedenstruppen zu schicken.
De facto hat Strelkow den Kreml der Sabotage und sogar des Verrats beschuldigt. Im Grunde versucht er damit, Putin persönlich und die russischen Entscheidungsträger unter Druck zu setzen. Nicht auszuschließen ist übrigens, dass auch ein Teil des Umfeldes Putins ihn dazu drängt, die beiden „Volksrepubliken“ zu unterstützen. ..." (RIA Novosti, 20.6.14)

• Zivilisten durch Beschuss von Slawjansk getötet
"Vier zivile Einwohner sind am Donnerstag beim Beschuss der Stadt Slawjansk im ostukrainischen Gebiet Donezk getötet und sechs weitere, darunter ein fünfjähriger Junge, verletzt worden, erfuhr RIA Novosti von einem Sprecher des Volkswehr-Stabs der Stadt.
Der Beschuss hat den ganzen Donnerstag gedauert. Ein Geschoss traf den Hof eines Privathauses. Eine 30-jährige Frau kam dabei ums Leben, ihr fünfjähriger Sohn wurde mit schweren Verletzungen in ein Krankenhaus gebracht.
Nach Angaben der Volkswehr erlagen zwei Zivilsten im Krankenhaus ihren Verletzungen. ..." (RIA Novosti, 20.6.14)

• Kriegsgebiet Lugansk und Bergarbeiter gegen die NATO
"... Aus dem ostukrainischen Lugansk fliehen die Familien des SOS-Kinderdorfs, informierte ein Sprecher der Organisation. »Die Region nahe der Innenstadt und die Vorstädte sind inzwischen Kriegsgebiet«, teilte Louay Yassin mit. Laut SOS-Mitarbeitern haben sich die Kämpfe zwischen separatistischen Milizen und ukrainischen Truppen immer stärker in die Innenstadt verlagert. »Angst und Panik greifen um sich, erzählen uns unsere Kollegen«, sagte Yassin. Nur wenige Menschen trauten sich wegen der Kämpfe aus dem Haus. Viele Kinder gingen wegen der Gefahr auch nicht mehr zur Schule.
Am Vortag waren in Donezk rund 3000 Bergleute und Anhänger einer von Kiew unabhängigen Region zum Protest gegen die »Anti-Terror-Operation« der Übergangsregierung und für Frieden auf die Straße gegangen. Auf Plakaten hieß es »Wir sind gegen Faschismus« oder »NATO - Nein!«. ..." (Neues Deutschland, 20.6.14)

• Drei Ex-Präsidenten unterstützen Poroschenko
"Die drei ehemaligen Präsidenten der Ukraine Leonid Krawtschuk, Leonid Kutschma und Viktor Juschtschenko haben den Friedensplan des neuen ukrainischen Staatschefs Pjotr Poroschenko unterstützt und ihn ersucht, korrupte Amtsträger zu entlassen und die  aggressive Außenpolitik Russlands zu unterbinden, meldet die Agentur UNN unter Hinweis auf eine gemeinsame Erklärung der Ex-Präsidenten. ..." (RIA Novosti, 20.6.14)

• Grenze zu Russland angeblich wieder unter Kontrolle
"Die Ukraine hat die Kontrolle über ihre Grenze zu Russland wiedergewonnen. „Die Armee hat die Problemregion umzingelt und die Staatsgrenze, gemeinsam mit dem Grenzschutzdienst unter Kontrolle gebracht“, teilte Verteidigungsminister der Ukraine Mychailo Kowal am Freitag im Parlament mit." (Ukrinform, 20.6.14)

• Poroschenko stellte "Friedensplan" vor
"Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko hat wie angekündigt am Freitag einen 14 Punkte umfassenden Friedensplan für den Osten des Landes vorgelegt. Dies berichtete der private Fernsehsender Inter TV auf seiner Interntseite. Der Plan sehe unter anderem die „Entwaffnung“ von Milizen sowie eine „Dezentralisierung der Macht“ im Land vor. Prorussische Separatisten, die keine „schweren Verbrechen“ begangen haben, sollen straffrei ausgehen. Auch werde in dem Plan ein „Korridor für russische und ukrainische Söldner“ zum Verlassen der Krisenregion angekündigt. ..." (Die Presse, 20.6.14)

• Geheimdienstchef will Kommunisten und Kommunismus verbieten lassenDer ukrainische Geheimdienst SBU habe dem Justizministerium in Kiew Akten zu seinen Nachforschungen über die Kommunistische Partei der Ukraine (KPU) übergeben, berichtete die Nachrichtenagentur Interfax-Ukraine am 20.6.14. Es habe sich um eine "beweiskräftige, rechtmäßige und unzweifelhafte Untersuchung" gehandelt, wird der SBU-Chef Valentin Nalyvaychenko zitiert. Er forderte nicht nur die KPU, sodnern auch die kommunistische Ideologie zu verbieten, weil die Kommunisten die Aufständischen in der Ostukraine rekrutierten, ihnen Waffen besorgten und die territoriale Integrität der Ukraine angriffen.

• Fahndung nach Richter, der Julija Timoschenko verurteilte
"Die Generalstaatsanwaltschaft der Ukraine übergab ans Oberste Gericht die Unterlagen bezüglich der Festnahme und Verhaftung von Richter Rodion Kireew, nach dessen Entscheidung Julia Timoschenko ins Gefängnis geriet. Das teilte der Vorsitzende des Obersten Gerichts Jaroslaw Romanjuk mit, schreibt die Zeitung „Heute“.
Laut der Behörde „habe der Richter bewusst ungerechte Entscheidung in Bezug auf Angeklagte Timoschenko mit Gewahrsam getroffen“. Er habe „absichtlich, systematisch und grob das durch die ukrainische Gesetzgebung der Ukraine vorgesehene Recht der Angeklagten Timoschenko auf Verteidigung verletzt“ und in ihrem Fall das ungerechte Urteil gefällt, informierte der „5-Kanal“. ..." (Ukrinform, 20.6.14)

• Neues Telefonat von Putin und Poroschenko
"Der russische Präsident Wladimir Putin  hat in einem Telefongespräch mit seinem ukrainischen Amtskollegen Pjotr Poroschenko die Hoffnung zum Ausdruck gebracht, dass bei der Umsetzung eines Friedensplans das Hauptaugenmerk der Lösung von Problemen gelten wird, die Proteste im Osten der Ukraine ausgelöst hatten, wie der Kreml-Pressedienst am Freitag mitteilte.
Am Donnerstagabend informierte Poroschenko den russischen Staatschef über die Schlüsselpunkte seines Plans zu einer friedlichen Regelung im Osten der Ukraine. Das Telefongespräch fand auf Initiative der ukrainischen Seite statt. ..." (RIA Novosti, 20.6.14)

• Aufständische wollen eigenen Staat "Noworossija"
Ulrich Heyden berichtet in der aktuellen Freitag-Ausgabe vom 19.6.14 über die Ereignisse in der Ostukraine und die Ziele der Aufständischen:
"Für die Aufständischen im Osten und Süden sind Verhandlungen mit der Regierung bestenfalls ein Übergangsstadium – zum Staat Noworossija
Slowjansk und Kramatorsk liegen seit Tagen unter Dauerbeschuss der ukrainischen Artillerie. Russische Fernsehkanäle berichten ausführlich aus den beiden Städten, mit Liveschaltungen und Videosequenzen, über zerstörte Straßenzüge, Wohn- und Krankenhäuser, tote Zivilisten und Mütter mit Kindern, die in Städte wie Rostow und Woronesch jenseits der Grenze fliehen. Vorerst ist ihre Sicherheitsschleuse kein „humanitärer Korridor“, wie Präsident Petro Poroschenko versprochen hat. Dass man darüber in Deutschland nicht berichtet, hat sicher etwas damit zu tun, dass kaum noch Korrespondenten im Donezbecken ausharren. Natürlich könnte man vom Bildmaterial her auf russische Medien zurückgreifen, doch gelten die als nicht vertrauenswürdige Quelle. Bei deutschen Abnehmern wohlgelitten sind dagegen ukrainische Journalisten, unter anderem die „Kämpfer gegen Kriegslügen“ mit ihren Texten auf der Webseite StopFake.org. Allerdings sezieren sie nicht die Propaganda beider Seiten, sondern sind auf russische Fakes spezialisiert. Auch wird von keinem ukrainischen Fernsehsender über Proteste von Müttern in Kiew oder anderswo berichtet, die nicht wollen, dass ihre Söhne in einen unmoralischen Krieg geschickt werden. Bei StopFake.org findet man dazu ebenfalls keine Zeile, kein Video. ..."

• EU "tief besorgt" über Gewalt in der Ostukraine
"Die Europäische Union ist tief besorgt über die anhaltende Gewalt im Osten der Ukraine als Ergebnis der Aktivitäten der illegalen bewaffneten Gruppen, und die Auswirkungen der Gewalt auf die Redefreiheit." Das sagte ein Sprecher der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton am 19.6.14. Die Todesfälle der beiden russischen Journalisten seien ein Beispiel, dass sich die Lage verschlechtere. Das gelte auch für den Tod des "EuroMaidan"-Aktivisten Oleksandr Reshetniak, der am 15. Juni trotz medizinischer Behandlung an seinen Schuss-Verletzungen starb, nachdem bewaffnete Aufständische in Lugansk auf ihn schossen und gefangennahmen. Diese Fälle müssten von den Behörden untersucht werden, so der Ashton-Sprecher.

• Wem das Ende des Rüstungskooperation schadet
"Die Ukraine verzichtet auf die militärtechnische Kooperation mit Russland, schadet dadurch aber vor allem sich selbst, schreibt die Zeitung "Komsomolskaja Prawda" in ihrer Donnerstagsausgabe.
Die russischen Rüstungsschmieden werden auch ohne die ukrainischen Zulieferteile zurechtkommen. Der Ukraine entgehen dadurch jedoch große Bestellungen aus Russland und Einnahmen. Welche Konsequenzen zu erwarten sind, zeigen einige konkrete Einzelfälle. ..." (RIA Novosti, 19.6.14)
Die ukrainische Firma Yuzhnoye in Dnjepropetrowsk werde vorerst weiter wie bisher die russischen strategischen Interkontinentalrakten "RS-20 Satan" warten, berichtete die Nachrichtenagentur ITAR-TASS am 19.6.14. Die Firma sei noch nicht offiziell von der Entscheidung von Poroschenko, die Rüstungskooperation einzustellen, informiert worden. Experten zufolge könnten russische Fachleute die Wartungsarbeiten übernehmen.

• Nationalgarde stellt neues Bataillon für Krieg auf
"Die ukrainische Nationalgarde hat mit der Bildung eines vierten Bataillons für den Einsatz gegen die Volksmilizen im Osten der Ukraine begonnen. Die Entscheidung wurde vom Befehlshaber der Nationalgarde, Generalleutnant Stepan Poltorak, getroffen, hieß es am Donnerstag in Kiew.
Das zweite Bataillon nimmt derzeit an der sogenannten Anti-Terror-Operation Kiews in den östlichen Gebieten Donezk und Lugansk teil. Die Bildung des dritten Bataillons steht in einem Lehrzentrum der Nationalgarde kurz vor dem Abschluss. Dieses Bataillon entstand auf der Basis des von der radikalen Bewegung Rechter Sektor mit Anführer Dmitri Jarosch an der Spitze aufgestellten Bataillons „Donbass“. ..." (RIA Novosti, 19.6.14)

• Geliefert wird erst nach Bezahlung
"Die Haltung Russlands zum Gasstreit mit der Ukraine hat sich laut Energieminister Alexander Nowak nicht verändert: Die russische Seite ist zu weiteren Verhandlungen erst nach der Begleichung der Gasschulden durch Kiew bereit.
„Wir warten auf die Bezahlung der russischen Gaslieferungen“, sagte Nowak am Donnerstag. Anschließend wäre Russland zu einer Fortsetzung der Verhandlungen bereit. ..." (RIA Novosti, 19.6.14)

• Aufständische übergaben Leichen der bei Flugzeugabschuss Getöteten
"Es ist nur eine kurze Waffenruhe zwischen Separatisten und Regierungskräften in der Nähe der ostukrainischen Stadt Donezk gewesen: Die Aufständischen haben am Mittwoch die Leichen der am Samstag bei einem Flugzeugabschuss getöteten Soldaten übergeben. Es war der schwerste Angriff der Separatisten bei den seit Wochen andauernden Kämpfen. Ein Anzeichen für eine Annäherung ist die Übergabe offensichtlich nicht: “In dem Container auf dem LKW befinden sich 49 Körper von ukrainischen Fallschirmjägern, die in der Nähe des Flughafens von Luhansk starben. Wir bekommen dafür keine Gegenleistung. Sobald wir die Leichen übergeben haben, geht der Krieg weiter, bis wir gewinnen.” ..." (Euronews, 19.6.14)
In einem russischsprachigen Blog wurden die Namen der Opfer veröffentlicht.

Die Welt ist weiter unfriedlicher geworden
Die Welt ist seit 2008 weniger friedlich geworden, stellt der neue "Global Peace Index 2014" des internationalen Institute for Economics and Peace (IEP) fest. Die Fortsetzung des Konflikts in Syrien, die sich verschlechternde Situation in der Ukraine und der Bürgerkrieg im Südsudan haben zu dem Trend beigetragen.

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Samstag, 24. Mai 2014

Die Wahl in der Ukraine und der „Schnee von gestern“

Der aussichtsreichste Kandidat für die Präsidentschaftswahl in der Ukraine am 25. Mai 2014 hat klare Vorstellungen über seine ersten Dekrete.

Da wird also in der Ukraine ein neuer Präsident gewählt, "mitten in Blut, Krieg und Repressionen". Zahlreichen Berichten zufolge ist der Schokoladen-Oligarch Petro Poroschenko der Favorit für das Amt. Die Neuwahl war noch mit dem gestürzten demokratisch gewählten Präsidenten Wiktor Janukowitsch vereinbart worden, in Folge der Maidan-Proteste in Kiew. Dass er nachgab, wurde Janukowitsch vergolten, in dem er einen Tag später gestürzt wurde. Die drei Außenminister aus der EU, Frank-Walter Steinmeier, Laurent Fabius und Radoslaw Sikorski, die ihn überredet hatten, dankten ihm das, in dem sie kein Wort des Protestes äußerten, dass der rechtmäßige Präsident abgesetzt wurde.

Das gehört zur Vorgeschichte der Wahl in der Ukraine, auf die viele gespannt schauen und die von manchen nicht ganz realitätsgerecht als Chance gesehen wird, den Konflikt zu lösen. Nun wird wahrscheinlich ein richtiger Oligarch in die Präsidentenresidenz in Kiew einziehen. Janukowitsch war kein richtiger Oligarch, gab sich aber alle Mühe, einer zu werden. Schafft es Poroschenko, wird er natürlich nicht wie sein gestürzter Vorgänger der Prunksucht verfallen, weil: so ein richtiger Oligarch versteckt ja seinen Reichtum.

Zur Vorgeschichte gehört auch, dass der Protest auf dem Kiewer Maidan-Platz sich nicht nur gegen Janukowitschs Nein zum EU-Assoziierungsabkommen richtete. Es sollte auch gegen die Oligarchen-Herrschaft in der Ukraine gehen. Aber das kann durchaus als „Schnee von gestern“ gesehen werden: Die Oligarchen haben ihre Macht gesichert, in dem sie rechtzeitig auf EU-Kurs gegangen sind und auch die Maidanisten unterstützten. „Die Revolution in der Ukraine ist eher ein Oligarchenwechsel“, war in der April-Ausgabe von Le Monde diplomatique zu lesen. Mit der seit 2004 jährlich stattfindenden Konferenz "Yalta European Strategy" (YES), organisiert von dem Oligarchen Victor Pinchuk, der die Ukraine in die EU führen will, war der Kurs längst vorgezeichnet. Dafür sind sie von jenen, die für sie und die westlichen Auftraggeber den Staatsstreich erledigten, entsprechend belohnt worden: „Dem Gebiet Dnipropetrowsk wurde Igor Kolomoiski an die Spitze gestellt. Der zypriotische Staatsbürger Konstantin Grigorischin, dessen Vermögen auf 1,2 Milliarden Dollar geschätzt wird, bekam die Gelegenheit, das Gebiet Sumy zu leiten – allerdings lässt er sich Zeit damit, von der sonnigen Insel dorthin zu kommen. Der neugebackene Ukrainer Wadim Nowinski, der vor ein paar Jahren die russische Staatsbürgerschaft abgelegt hatte, sollte auf Erlass des „Präsident“ genannten Turtschinow die Krim regieren.“ (Stimme Russlands, 18. Mai 2014) Die „Gas-Prinzessin“, Liebling des Westens und Präsidentschaftskandidatin Julia Timoschenko gehört natürlich zu dem illustren Klub.

Selbst bei Spiegel online haben sie entdeckt: „Wer gestern noch ein zwielichtiger Oligarch gewesen ist, der Parlamentarier und Minister nach Belieben bestach, tritt heute für die Unabhängigkeit der Ukraine ein.“ Erstaunliches wurde in Hamburg entdeckt: „Wenig deutet darauf hin, dass sich an den Machtverhältnissen in der Ukraine schnell etwas ändern wird. Die Oligarchen entdecken ja nicht die Demokraten in sich. Sie lieben die Ordnung ihrer Wahl, in deren Windschatten sie ihre Geschäfte abwickeln können.“ Dass es mit der ukrainischen Unabhängigkeit nicht weit her ist angesichts der Bedingungen, die EU, Weltbank und Internationaler Währungsfonds (IWF) für die versprochene „Hilfe“ stellen, ist längst klar, wenn auch vielleicht nicht in Hamburg. Die Oligarchen wollen bloß dabei sein, wenn die Geschäftsgrundlagen geändert werden. Und irgendwelche Forderungen vom Maidan-Platz haben sie nicht interessiert, als dort gegen ihren Konkurrenten Janukowitsch protestiert wurde, und interessieren sie auch jetzt nicht.

Das zeigt auch ein Blick auf einige Äußerungen des Favoriten für die Wahl, Poroschenko: Der kündigte laut der ukrainischen Nachrichtenagentur Ukrinform am 22. Mai 2014 in Lviv an, als Präsident zuerst das Parlament, die ukrainische Werchowna Rada, aufzulösen und Neuwahlen anzuordnen. Denn das jetzige Parlament sei nicht auf die neue „Nationalidee“ – die Europäische Integration – ausgerichtet. Das möchte der Schokoladen-Oligarch gern ändern. Kann sich noch jemand daran erinnern, dass Janukowitsch „diktatorische Vollmachten“ vorgeworfen wurden, nicht nur von den Maidanisten, sondern auch von der EU und den USA? Aber auch, dass er die von der ihn unterstützenden Parlamentsmehrheit im Januar beschlossene Verschärfung der Versammlungs- und Pressefreiheit zurücknahm, nutzte ihm nichts. Beim möglichen Schokoladen-Präsidenten wird ähnliches Verhalten natürlich toleriert werden, denn dann wird es heißen: Zuerst braucht die Ukraine nun Stabilität.

Ich bin gespannt auf die Reaktionen in und außerhalb der Ukraine, wenn Poroschenko gewählt wird und seine Ankündigungen umsetzt. Darf der dann alles, weil er auch demokratisch gewählt wurde? Zu Poroschenkos Plänen gehört laut Ukrinform auch, die Grenze nach Russland zu sperren und die „Antiterror-Operation“ in der Ostukraine fortzusetzen. Übrigens: Als die ukrainischen Sicherheitskräfte am 19. Februar 2014 nach rund drei Monaten gewalttätiger Proteste einen „Anti-Terror-Einsatz“ ankündigten, drohte US-Präsident Barack Obama mit „Konsequenzen“. Aber auch das war schon drei Tage später „Schnee von gestern“. Nachdem Sturz wurde Janukowitsch u.a. anhand angeblich aufgefundener Geheimdokumente vorgeworfen, dass er„die Proteste im Zentrum von Kiew mit 2500 zusätzlichen Soldaten in einer ‚anti-terroristischen‘ Operation“ beenden wollte, so die Süddeutsche online am 26. Februar 2014. Bei Spiegel online und anderen wurden gleich „22.000 Polizisten“ daraus. Laut Süddeutscher hatte Janukowitschs Stabschef „außerdem eine Anweisung unterschrieben, drei Armee-Einheiten aus der Südostukraine nach Kiew zu schicken, um Militäreinrichtungen zu schützen“. „Beides wurde nicht umgesetzt“, stellte die Zeitung fest, „doch sie illustrieren, dass einige Regime-Vertreter bis zuletzt auf Gewalt setzten - und dass eine Eskalation stets möglich war.“ Aber wie schon erwähnt: Alles „Schnee von gestern“. Demnächst lässt ein demokratisch gewählter Präsident, der keinen Gegenkandidaten aus dem Osten und Süden der Ukraine fürchten muss, weiter gegen „prorussische Separatisten“ kämpfen, unterstützt von EU und USA, für Demokratie Freiheit und Menschenrechte – und gegen das imerpialistische Russland. "Immer, wenn Petro Poroschenko spürt, dass er den Faden zum Publikum verliert, seine Zuhörer nicht mehr bei der Sache sind, holt er tief Luft und ruft diese zwei Worte ins Mikrofon: Slawa Ukraini, Ruhm der Ukraine!" Das berichtete Der Tagesspiegel online am 23. Mai 2014. "Dann sind sie wieder da, da unten vor der Bühne, brüllen begeistert zurück: Herojam Slawa, Ruhm den Helden!" Das kann ja auch bei Zweifeln daran, worum es in der Ukraine tatsächlich geht, so angewandt werden. Nicht dass jemand vergisst, womit das alles begann und wofür und für wen das alles gut war und ist. Nicht, dass der "Schnee von gestern" wieder aufgewühlt wird, noch irgendwo kühl gelagert ...

PS: Der Blogger Mopperkopp hat auf freitag.de in der Reihe "Machtergreifung" zahlreiche Informationen und Fakten zur Entwicklung in und um die Ukraine zusammengetragen

aktualisiert: 15.5.14; 12:09 Uhr

Donnerstag, 8. Mai 2014

„Ukraine, du bist verrückt geworden!“

Ein in Moskau lebender gebürtiger Ukrainer schreibt in einer deutschen Zeitschrift über die Ereignisse in dem Land, in dem er aufgewachsen ist

„Wir erleben einen Auswurf an russophober Galle, Verwünschungen an die Adresse Rußlands, die Gehirne werden mit Haß gefüllt.“ So beschreibt Wladimir Miljutenko die ukrainische Medienberichterstattung seit Ende Februar 2014. Er spart dabei nicht mit Kritik an den russischen Medien, ebenso an den westlichen: „Der Journalist hat aufgehört, ein objektiver Begleiter der Ereignisse zu sein, er hat sich gleichsam in einen glühenden Propagandisten verwandelt – und dies auf beiden Seiten der Konfliktparteien wie auch im Westen. Die Diskussion verläuft ohne Gesprächspartner, ohne alternative Meinungen, aufgebaut werden Feindbilder, abgezielt wird auf die niedrigsten Instinkte der Massen.“ Es sei nicht einfach, „die Feinheiten der Information und der Propaganda zu verstehen, um die Keime der Wahrheit von den bemoosten Stereotypen des ‚Kalten Krieges‘ zu trennen.“

Miljutenko ist gebürtiger Ukrainer und lebt und arbeitet als Publizist in Moskau. Er selbst bezeichnet sich als „Sohn der Ukraine und zugleich Bürger Rußlands“. Er schreibt u.a. für die deutsche Zeitschrift Wostok. In deren aktueller Frühjahrs-Ausgabe (Heft 1/2014) erschien Miljutenkos Text „Absurdes Theater. Die Ukraine aus Sicht eines Moskauer Ukrainers“. Seine Eindrücke vom Geschehen in dem Land, in dem er geboren wurde und aufwuchs, fasst Miljutenko in dem Aufschrei zusammen: „Ukraine, du bist verrückt geworden!“ „Auf deinem Maidan tragen die Menschen Masken und schwarze Jacken mit NS-Hakenkreuzen und dem Bandera-Dreizack, du hast den berauschenden Duft der Freiheit vergiftet.“ Die Forderungen nach Wandel seien ebenso legitim gewesen wie die Unzufriedenheit mit der korrupten Macht. Aber Solidarität und Freundschaft seien getauscht worden „gegen das Gift des Hasses, des Dissens, der nationalen Zwietracht, der Verleugnung der eigenen Geschichte und der Feindseligkeit gegenüber dem Nachbarn“, bedauert der Publizist. „Der reinigende Durchbruch hat … eine braune Farbe angenommen.“ Die „neue Elite“ der Ukraine habe „Bewußtseinstrübungen“. Diese zeigten sich u.a. in dem Aufruf von Dimitro Jarosch als Mitglied des neuen Sicherheitsrates, die Gaspipelines durch die Ukraine zu sprengen. In welchem Land gebe es so etwas, fragt Miljutenko. Das bezieht er auch auf die Vorstellung, „von Rußland nichts als verbrannte Erde zurückzulassen“, die Julia Timoschenko via Telefon von sich gab.

Der Publizist erinnert in seinem Text auch daran, dass die ukrainische Regierung auf die Folgen des Assoziierungsabkommens mit der EU für die Wirtschaft und die Menschen des Landes hingewiesen wurde. Zwar sei daraufhin das für die Ukraine unvorteilhafte Abkommen vorerst nicht unterzeichnet worden.  Doch „die Herzen und Köpfe deiner Bürger“, schreibt Miljutenko an seine „liebe Heimat“, seien „schon so magnetisiert“ gewesen, dass sie nur noch „alles und zwar sofort“ wollten. Aber „der Traum von der europäischen Integration wurde ersetzt durch den Haß gegenüber denjenigen, die das dem Volk gegebene Wort nicht hielten.“ Der auslösende Funke für die Krise sei von der EU gekommen, die auf ihrer Version beharrte, „statt eine Lösung im trilateralen Format – Ukraine, Rußland, EU – zu suchen“.

Silberlinge für Verführer


Die fünf Milliarden Dollar aus den USA, die seit mehr als 20 Jahren in die Ukraine flossen, seien „Silberlinge“ gewesen, meint Miljutenko. Sie seien in die „heutigen Verführer“ des Landes investiert worden: „in Camps in Polen, dem Baltikum und in der Westukraine, wo Grünschnäbel ausgebildet wurden, um nationalistische Werte und Ideen mit Feuer und Schwert, Waffen und Ketten, Erpressungen und Drohungen durchzusetzen“. Sie seien „in die Ausbildung von Hundertschaften von Kämpfern, in den Informationskrieg gegen Rußland und in die wirtschaftliche Ausplünderung der noch vor historisch kurzer Zeit blühenden Ukraine“ gesteckt worden. Der Publizist beschreibt die aktuelle desolate wirtschaftliche und soziale Lage des Landes. Er erinnert auch an den Fakt, dass jährlich mehr als drei Millionen Ukrainer in Rußland arbeiten, „um ihren Familien das Überleben zu sichern“. Sie transferierten rund 30 Milliarden Dollar jährlich in ihre Heimat. „Vergleicht dies mit den Milliarden, die die EU Kiew nun versprochen hat“, fordert Miljutenko. Für ihn ist klar: „Die Herren aus Übersee führen ihren finsteren Plan aus – Kiew gegen Moskau aufzuhetzen.“ Dazu bedienten sie sich der Nachfolger von Stepan Bandera und anderer ukrainischer Nationalisten, ungeachtet von deren Verbrechen und Greueltaten im 20. Jahrhundert wie in Chatyn (Belorussland) und in Babi Jar. Dabei ignorierten sie auch, dass die profaschistischen Erben Banderas wie die in der Partei „Swoboda“ und im „Rechten Sektor“ u.a. die Taten der SS-Division „Galizien“ und der ukrainischen Kollaborateure im 2. Weltkrieg verherrlichten. Nun sitzen Vertreter der radikalen Nationalisten in wichtigen Ämtern der Sicherheitsbehörden des Landes, so Miljutenko. Auf ihre Initiative sei das Gesetz über das Verbot von Nazi-Propaganda in der Ukraine aufgehoben worden. Nur das antirussische Sprachengesetz hätten sie nicht durchsetzen können. In der Rada, dem Parlament der Ukraine, haben die „Swoboda“-Abgeordneten „alles getan, daß in der Regierung kein einziger Vertreter der östlichen und südöstlichen Gebiete sitzt“, erinnert der Publizist.

Doch all die Worte und Taten der ukrainischen Neofaschisten „im nationalistischen Gewand“ würden in London, Washington, Berlin und Brüssel nicht bemerkt, stellt Miljutenko fest. Dabei habe selbst das Europaparlament 2012 „Swoboda“ als fremdenfeindlich, antisemitisch und rassistisch verurteilt. Der Publizist aus Moskau schreibt angesichts der „Politiker aus dem Westen, die auf dem Maidan wie auf ihren Lehen spazierten“: „Selbst in einem Albtraum käme es mir nie in den Sinn, daß der russische Außenminister in der Masse irgendwelcher Demonstranten – sagen wir der nationalistischen Kräfte in Paris oder der Tea Party in den USA – herumspaziert, alle mit Tulaer Prjaniki (Lebkuchen) bewirtet und dazu aufruft, sich der legitimen Regierung zu widersetzen.“

In seinem Text beschreibt er, wie die „selbsternannte Macht in Kiew“ mit ihren Gegnern umgeht. Das erinnert an das, was der Regierung unter Janukowitsch vorgeworfen und unterstellt wurde. Zugleich: „Die radikalen Nationalisten mögen es nicht, wenn man sie und ihre Taten beim Namen nennt.“ Sie hätten u.a. Blogger aufgefordert, Begriffe wie Machtergreifung, Terroristen, Nazis, Nationalisten und ähnliche nicht zu verwenden. Stattdessen solle immer vom „Volk der Ukraine“ geschrieben werden. „Die Braunen wollen weiß und flauschig erscheinen“, so Miljutenko. Aus seiner Sicht, aber auch der vieler Menschen in Rußland, sei der Kiewer Maidan nicht nur ein „Symbol des Erhebens gegen die Macht“, sondern auch „für die Unnachgiebigkeit kriegführender Seiten, für Pogrome und endlose Konfrontation“. All das sei auch „Teil der bunten Revolutionen“ zuvor und des „arabischen Frühlings“.

Die Büchse der Pandora


Der Publizist weist auf etwas Interessantes hin: „Doch die heutigen Ereignisse begannen mit dem Kosovo.“ Die russische Führung habe damals die westlichen Partner gebeten, den kosovarischen Separatismus nicht zu unterstützen, „die Büchse der Pandora nicht zu öffnen“. Doch darauf sei nicht gehört worden. Zu den Folgen gehört für den Publizisten neben den Konflikten in Südossetien und Abchasien die Abtrennung der Krim. Und: „Der Krimer Antimaidan inspiriert die Russen und die Russischsprachigen in Charkiw, Donezk, Lugansk, Dnjepropetrowsk und Odessa.“ Die neuen Machthaber in Kiew würden die Forderungen aus dem Osten und Südosten des Landes nicht hören wollen und dem Westen erklären, daß diese ungesetzlich sind. „Legal ist nur, was auf Geheiß des ‚großen‘ Maidan getan wird, unabhängig davon, ob die Menschen an der Peripherie dem zustimmen oder nicht.“

Miljutenko widerspricht der Behauptung, in Kiew habe es im Februar dieses Jahres eine Revolution gegeben. Er verweist darauf, dass Theoretiker und Juristen sich bei der Antwort einig sind, was eine Revolution ist: „eine Veränderung des Systems, eine gewaltsame Veränderung der gegebenen politischen, wirtschaftlichen, sozialen und rechtlichen Bedingungen“. Doch während es in der Ukraine auf zentralen Plätzen von Kiew und großer Städte gab, hätten drumherum Menschen in Cafés und Restaurants gesessen. Die übergroße Mehrheit habe zu Hause höchstens die Fernsehnachrichten verfolgt und diskutiert sowie mit der einen oder anderen Seite sympathisiert. „Verdrehen wir nicht die Wahrheit“, schreibt der Publizist, „der Maidan erhob sich gegen eine, wenngleich schlechte, aber doch demokratische Macht.“

Auf zwei Aspekte macht der Autor aufmerksam: Zum einen verbiete die US-Gesetzgebung finanzielle Hilfe für ein Land, in dem eine demokratisch gewählte Regierung durch einen Putsch gestürzt wurde. „In Washington wurde allerdings entschieden, daß es keinen Umsturz gegeben hat“, so Miljutenko. Zum anderen müsse der heutige ukrainische Staat juristisch als neuer Staat betrachte werden, wenn es eine Revolution gegeben hätte. „Aber mit diesem hat Moskau keinerlei Verpflichtungen unterzeichnet.“ In Kiew habe es dagegen einen Staatsstreich gegeben. Ein solcher liege vor, „wenn eine Gruppe von Menschen unter Verletzung aller Normen und Bestimmungen der Verfassung und mit gewaltsamen Mitteln an die Macht kommt und den in landesweiten Wahlen gewählten Präsidenten – egal ob man ihn liebt oder haßt – stürzt“. Die neuen Machthaber in Kiew hätten nicht nur universelle Regeln und Gesetze für bedeutungslos erachtet. „Für sie waren die Punkte des Übereinkommens zur Lösung des Konflikts, unter dem die Unterschrift Janukowitschs, der Oppositionsführer sowie der Außenminister der Bundesrepublik, Frankreichs und Polens prangten, leere Worte.“ Während die darin enthaltenen Forderungen an die Maidan-Kräfte bis hin zur Entwaffnung von diesen ignoriert wurden, habe Janukowitsch seinen Part erfüllt.

Gouverneursposten für Oligarchen


Im Unterschied dazu seien bei der Rückkehr der Krim zu Rußland alle Formalitäten eingehalten worden, stellt der Publizist fest. Doch die Reaktionen des Westens darauf belegten dessen doppelte Standards und Doppelmoral: „In Kiew, wo ein Staatsstreich stattgefunden hat, ist alles erlaubt, auf der Halbinsel Krim, wo das Volk die Macht in seine Hände genommen hat, um die illegitime Macht in Kiew abzuwehren, ist alles verboten.“ Miljutenko zeichnet die Geschichte der Vorgänge um die Halbinsel nach, seit dem diese von Nikita Chrustschow 1954 entgegen der Verfassung der UdSSR und der russischen und ukrainischen Sowjetrepubliken an die Ukraine übergeben wurde. Interessanter Fakt dabei: „Als Stadt unterstand Sewastopol immer direkt dem Unionsstaat und Moskau, sie ist nie an Kiew übergeben worden. Die Stadt wurde faktisch eigenmächtig ‚ukrainisiert‘.“

Obwohl es auf dem Maidan auch gegen die Herrschaft der Oligarchen ging, erhielten diese von den neuen Machthabern Gouverneursposten. Darauf macht der Autor ebenfalls aufmerksam wie auch auf die Tatsache, dass diese Schwerreichen eigene Privatarmeen und Sicherheitsdienste unterhalten. In Dnjepropetrowsk wurde Igor Kolomoiski Gouverneur, laut Miljutenko 3,6 Milliarden Dollar reich, mit ukrainischem und israelischem Pass und Wohnsitz in der Schweiz. In Donezk wurde Sergej Taruta ins Amt eingesetzt, mit einem Vermögen von 597 Millionen Dollar. „Dem Milliardär Wadim Nowinski, auf dessen Konten 1,5 Milliarden Dollar liegen, versprachen sie die Krim.“ Doch aus letzterem wurde nichts. Bei der Rückkehr der Krim zu Rußland wurde von Kritikern immer wieder auf das sogenannte Budapester Memorandum von 1994 hingewiesen. Damit soll durch Rußland, die USA und Großbritannien die Souveränität der Ukraine nach Abzug der ehemals sowjetischen Atomwaffen garantiert worden sein. Doch laut Miljutenko wurde dieses Memorandum nie ratifiziert und erreichte nicht den Status eines international gültigen Rechtsdokuments. Daher sei es für die russische Führung auch nicht bindend gewesen, als es um die Krim ging. Auf die westliche Empörung darüber antwortet der Publizist: Es habe eine solche beim Zerfall der Sowjetunion, Jugoslawiens und der Tschechoslowakei nicht gegeben. Der Westen habe dagegen nicht nur die Trennung des Kosovo von Serbien unterstützt, sondern auch die des Südsudans vom Sudan, Eritreas von Äthiopien und Osttimors von Indonesien.

Miljutenko warnt: „Die radikalen Nationalisten fordern die Identität des großen slawischen Bruders heraus.“ Sie seien noch nicht allmächtig, „aber die Kämpfer mit der Pistole in der Hand beginnen, die Regeln der aufzustellen und der Macht ihre Forderungen zu diktieren. Sie füllten das Vakuum der staatlichen Macht.“ Diese Gesetzlosigkeit in der Ukraine führe zu Sorgen in Rußland: „Was in der Ukraine geschieht, besorgt die Völker der Russischen Föderation, denn das Explosionspotential des vor kurzem noch befreundeten Landes übersteigt das von Jugoslawien bei weitem.“ Der Preis dafür drohe höher zu sein als der für die Kuba-Krise und die Berliner Krise in den 1960er Jahren, befürchtet der Publizist aus Moskau. Rußland werde die von den westlichen Unterstützern der ukrainischen Extremisten angedrohte Isolation ebenso wie Sanktionen, Angriffe und Provokationen aushalten und parieren. Im Westen gebe es „nicht wenige, die ihren langgehegten Traum verwirklichen wollen – die Russen und die Ukrainer in einen bewaffneten Konflikt zu führen.“

Die russische Führung habe trotz aller Spannungen und ihrer Kritik an den neuen Machthabern in Kiew den Kontakt mit der Ukraine nicht abgebrochen. Nach dem 23. Februar seien selbst die Militärs beider Länder wie auch Minister und Wirtschaftsvertreter zu Gesprächen zusammengetroffen. Aber die Zeit, dass Rußland sich vorschreiben lasse, was es zu tun und lassen habe, sei vorbei, betont Miljutenko: „Es war früher einfach, den Kreml unter Druck zu setzen, heute ist dies schwieriger.“ Putin beeilte sich nicht, „die Uniform des Falken anzulegen“, sondern versuche, einen Ausweg aus der Sackgasse zu finden. Davon zeugten auch die Aktivitäten von Außenminister Sergej Lawrow, „offene Gespräche und Verhandlungen hinter verschlossenen Türen in Brüssel und Genf, Madrid und London“. „Denn Rußland hat ein starkes Alibi: Nicht Rußland hat angefangen, nicht Rußland hat die Ukraine in eine Situation des inneren Chaos und der Gewalt geführt.“ Eine Mehrheit der russischen Bürger unterstütze die Politik des Kremls bezüglich der Ukraine, so der Autor. Nur eine Minderheit empfinde so etwas wie Scham und trete gegen eine Politik der Stärke auf, wie u.a. Demonstrationen in Rußland zeigten. Und Putin wisse, „dass die Menschen an einen friedlichen Ausgang der Ereignisse ohne gefährliche Eskalationen und Blutvergießen glauben.“

Ich habe den Beitrag von Wladimir Miljutenko ausführlich wiedergegeben, weil solche Sichten kaum in deutschen Medien zu finden sind und weil er leider nicht online zur Verfügung steht.

Die Zeitschrift Wostok erscheint vierteljährlich und bietet nach eigener Auskunft "Informationen aus dem Osten für den Westen". Sie ist in den 1990er Jahren aus der Zeitschrift Sowjetunion heute hervorgegangen. Ihre Website ist leider nicht aktuell.

Im aktuellen Heft 1/2014 sind neben Miljutenkos Text weitere Beiträge zum Thema zu finden:• Ein Gespräch mit dem ukrainischen Botschafter in der Bundesrepublik, Pavlo Klimkin
• "Ukraine: Über Barrikaden nach Europa" des Kiewer Journalisten Juri Lissowy
• "Der Informationskrieg – Ukraine, Rußland, Deutschland" von Tetjana Shportak
• Die Ansprache von Präsident Wladimir Putin zur Krim vor der Föderalen Versammlung am 18.3.14
• "Putins Konservatismus als Staatsideologie in Rußland" von Wladimir Miljutenko