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Samstag, 7. Mai 2016

Globalisierung als Nährboden für Terror

Fundstück 40: Der Psychoanalytiker Arno Gruen brachte in einem seiner letzten Bücher, "Wider den Terrorismus", das Problem von Terror heute auf einen klaren Punkt

Nachzulesen ist das auf den Seiten 41 bis 43 des 2015 im Verlag Klett-Cotta erschienenen Buches:

"Das eigentliche Problem
Unser heutiges Problem, dessen Entwicklung bereits von Marx diagnostiziert wurde, ist die Globalisierung, die über die Bedürfnisse der Menschen hinweggeht und ihnen ihre wirtschaftlichen und persönlichen Grundlagen nimmt. Dadurch wird das innere Opfersein geweckt. Die ökonomische Globalisierung und die Kapitalkonzentrationen zerstören den sozialen Zusammenhalt. Wo sie in Erscheinung treten, verstärken sie die wirtschaftliche Ungleichheit, die in dem Maße zunimmt, wie sich die Vorherrschaft der Märkte ungehindert ausbreitet. Diese aus der Globalisierung resultierende Zerstörung der sozialen Zusammenhänge wirkt deshalb so tödlich, weil die Akteure dieses Prozesses, die Wirtschaftsführer, wie C. W. Mills es beschreibt, ihren eigenen Zusammenhalt verloren haben. Sie sind nicht in der Lage, die Auswirkungen ihres zerstörerischen Handelns auf ihre eigenen Bedürfnisse beziehungsweise auf die ihrer Mitmenschen zu erkennen. Zu sehr sind sie von ihrer eigenen Größe und Macht geblendet, zu sehr sind sie durch die Vorstellung von Größe und Macht als Ersatz für wahre menschliche Beziehungen geformt. Kaum ein Politiker ist heute noch bereit, für die Bedürfnisse der Menschen zu kämpfen, denn das hieße, sich gegen diese wirtschaftlichen Mächte zu stellen, deren Entwicklung eine Eigendynamik hat, weil Wachstum zum einzigen und letzten Ziel geworden ist. In diesem Prozess sind die meisten Politiker zu Handlangern der Globalisierung geworden. Auf diese Weise spielen sie den Terroristen in die Hände. Es geht um wirkliches Elend und wirkliche Armut, und es geht darum, dass durch die Praktiken der Globalisierung zunehmend ganze Bevölkerungsgruppen ausgegrenzt werden von Wohlstand und dem Gefühl, einen Platz in der menschlichen Gesellschaft zu haben. Diesen Problemen und den Bedürfnissen der Menschen müssen wir uns zuwenden.
Gleichzeitig gilt es zu erkennen, dass es bei dem Terror und der Gewalt um das Mörderische der Identitätslosen geht, egal ob diese ihre Ziele als religiös, nationalistisch oder im Namen einer anderen Ideologie heiligsprechen. Auch wenn es nicht offentsichtlich ist: Alle Terroristen haben sich einem 'Gott' verschworen. Dieser kann religiöser, aber auch politischer oder intellektueller Natur sein. Entscheidend dabei ist, dass menschen ohne Inneres ständig auf der Suche nach einer überhöhten Macht sind, der sie sich unterwerfen können, eben weil sie kein Eigenes haben. Dabei kann es sich durchaus um gebildete Menschen handeln, wie es ja auch bei den Terroristen des 11. September der Fall war. Die Selbstmordattentäter sind der extremste Ausdruck für das problem, dass sich menschen einem göttlichen Führer verschreiben, um ihrer eigenen inneren Leere zu entfliehen."

Zu ergänzen ist aus meiner Sicht, dass es sich bei jenen, die den Markt und die Marktwirtschaft für gewissermaßen heilig erklären und in deren Namen eben die sozialen Zusammenhänge zerstören nicht weniger um Terroristen handelt, seien es Investmentbanker, Trader, neoliberale Politiker und andere ähnliche Personengruppen, die mit ökonomischen "Massenvernichtungswaffen" hantieren und das unterstützen. Denn ihr Tun und dessen Folgen sind nicht minder gewalttätig gegen andere und genauso selbstzerstörerisch auch für sie selbst, auch wenn sie das nicht erkennen bzw. sich nur selten eingestehen wollen und können. Prägnant beschrieben ist das unter anderem in dem 1997 auf deutsch erschienenem Buch "Der Terror der Ökonomie" von Viviane Forrester.

Arno Gruen verstarb nach einem arbeits- und ereignisreichen 92jährigen Leben im Jahr 2015. Uns bleiben seine Bücher, die uns helfen, gesellschaftliche, sozial- und individualpsychologische Entwicklungen und Prozesse zu verstehen und zu erkennen. Und sie erinnern immer wieder an Eines: Wie wichtig es ist, Mensch zu sein, zu werden und zu bleiben, aber auch, wie gefährdet und schwer das ist. "Alles, was menschliches Mitgefühl und Entgegenkommen fördert, wird nicht nur den Realitätsverlust mindern, sondern auch die Demokratie stärken. Nur so wird unsere Gattung überleben können." Das sind die letzten Worte in dem letzten von Arno Gruen erschienenen Buch "Wider die kalte Vernuft" aus dem Jahr 2016.

Der Schweizer Sender SRF veröffentlichte am 7. Juni 2015 ein Gespräch mit Arno Gruen über das "Leben als Original", das hier online nachgeschaut werden kann.

Mittwoch, 26. August 2015

Nachhilfe für Wolfgang Thierse und andere

Waren und sind Politikdarsteller blind gegenüber der Fluchtbewegung nach Europa, während sie jetzt um so mehr Symbolpolitik betreiben? Es scheint so

Wolfgang Thierse im Interview mit dem dem Deutschlandfunk am 26.8.15: "... Die Heftigkeit der Zunahme dieser Herausforderung, der starke Anstieg des Zustroms, das war nicht wirklich vorhersehbar. Das konnten Politiker wie Wissenschaftler wie erst recht nicht Journalisten vorhersehen. Deswegen ist es klar, dass die Bewältigung jetzt praktische Probleme verursacht. Aber ich glaube, dass wir viel offensivere und so sachlich wie mögliche Informationen brauchen über die unterschiedlichen Flüchtlinge, ihre unterschiedliche Motivation. ..."
Wie blind waren bisher er und all die anderen bundesdeutschen Politikdarsteller samt Angela Merkel? Oder lügen sie gar ein weiteres Mal wider besseren Wissens? Stellen sie Unwissen zur Schau, um ihr bisheriges Nichtstun, aber auch ihre Mitverantwortung für die Entwicklung und deren Ursachen zu verschleiern?

Deshalb ein bisschen Nachhilfe mit Informationen:
• "Wir sind hier, weil ihr unsere Länder zerstört" (Heinrich-Böll-Stiftung, 7.4.15)

• "Flucht und ihre Ursachen" (Netzwerk Flüchtlingsforschung, 19.8.15):
"Als Friedens- und KonfliktforscherInnen fällt auf der Suche nach den Ursachen der scheinbar plötzlichen Fluchtwelle eine fatale Parallele ins Auge. Unter den stärksten Herkunftsländern der aktuellen Fluchtbewegung finden sich Syrien, Afghanistan, Somalia, Sudan, Süd-Sudan, Demokratische Republik Kongo, Irak. Auch aus Libyen und dem Kosovo flohen viele Menschen. In all diesen Ländern bestanden oder bestehen jahrelange gewaltsame Konflikte. ...
Wenn nun die Bundesregierung und allen voran das Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung Fluchtursachen bekämpfen möchte, dann steht für uns die Frage im Raum: Werden die Parallelen zwischen Konflikt und Flucht tatsächlich gesehen und angegangen? Mit Militärs wurden bei solchen komplexen Phänomenen höchst selten politische Probleme gelöst. Ganz im Gegenteil: Militär und Waffengewalt haben oft zum Anhalten der Gewalt beigetragen und neue Problemlagen geschaffen. Die umfassenden Erkenntnisse der Friedens- und Konfliktforschung zu Fragen der Friedensförderung und Konfliktbearbeitung sind dringend zu Rate zu ziehen, und auch die Zwangsmigrations- und Flüchtlingsforschung sollte über die Exilorientierung hinausgehen und Fluchtmotive berücksichtigen. ..."

• "Letzte Hoffnung Europa – Der Strom aus Afrika wird kaum nachlassen" (3sat, 16.10.13)

• "Globalisierung als Fluchtursache – Protektionismus, Subventionenund die Zerstörung nationaler Märkte" (Andrea Dallek, Mitarbeiterin des Flüchtlingsrates Schleswig-Holstein, 2007):
"Millionen von Menschen fliehen aus unterschiedlichen Gründen, seien es Krieg, Gewalt undpolitische Verfolung, Umweltkatastrophenoder Armut. Die Verbindung dieser unterschiedlichen Fluchtgründe liegt in der weltweiten Entwicklung einer blinden Globalisierung, die Ungleichheiten und Katastrophen nicht beseitigt, sondern verstärkt."

• "Wanderungs- und Flüchtlingsbewegungen - Zu Ursachen und Entwicklungen eines weltweiten Problems" (Friedrich-Ebert-Stiftung, 2003):
"... Seit Beginn der 70er Jahre hat sich nicht nur das Flüchtlingsproblem international dramatisch verschärft, auch die Ursachen, die zu Vertreibung und Flucht führten, sind vielfältiger und vielschichtiger geworden. ...
Seither hat sich die Situation keineswegs entspannt. Die Zahl der Flüchtlinge hat sich im Gegenteil mehr als verdreifacht: 17,6 Millionen Menschen wurden Ende 1992 vom UNHCR als Flüchtlinge registriert, wobei sowohl die Brennpunkte des Flüchtlingsgeschehens als auch die wichtigsten Aufnahmeländer nicht im wohlhabenden Westeuropa liegen, wie man angesichts der dort gesteigerten Abwehrmaßnahmen meinen möchte, sondern in der außereuropäischen Welt, insbesondere in Afrika. Dort hat sich in den letzten drei Dekaden die Zahl der Flüchtlinge mehr als verzehnfacht, von einer halben Million zu Beginn der 1960er Jahre auf 5,7 Millionen 1992. ...
Die Wahrscheinlichkeit, daß der Migrationsdruck in absehbarer Zeit nachlassen wird, ist gering. ...
Doch wird die Situation häufig auch dramatisiert. So werden in ganz Westeuropa Schranken gegen Flüchtlinge errichtet, obwohl die meisten Menschen Binnenflüchtlinge sind oder innerhalb der Dritten Welt wandern und somit nur eine kleine Gruppe unsere Grenzen überschreitet. Überdies will die große Mehrheit in der Heimat bleiben, wenn die Lebensbedingungen nur einigermaßen erträglich sind. Welche Maßnahmen können aber ergriffen werden, damit unfreiwillige Migration verhindert wird? ..."

• "In die Flucht getrieben – Ursachen in den Entwicklungsländern, Verantwortung der EU" (Thomas Gebauer, medico international 2013)
Derselbe 2010: "Flüchtlinge an den EU-Außengrenzen – Eine Herausforderung für unser Handeln":
"Flucht und Migration zählen fraglos zu den großen Herausforderungen unserer Zeit. ...
Einer der Hauptgründe für Flucht und Migration ist die sich weiter öffnende Schere zwischen Arm und Reich. Zwar ist die Welt ist im Zuge der wirtschaftlichen Globalisierung zwar näher zusammengerückt, doch sie ist heute gespaltener denn je. Hier der globale Norden mit seiner wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Vorherrschaft, dort der globale Süden mit den Zonen des Elends, der Ausgrenzung und Demütigung. Die Ungleichheit aber wächst nicht nur zwischen Nord und Süd, sondern auch innerhalb der einzelnen Länder. ..."

Ich mache an dieser Stelle Schluss, es gäbe noch mehr, aber zuviel Nachhilfe verhindert ja das eigene Nachschauen ..
Und ich muss meinen Würgereflex angesichts solcher Symbolpolitiker wie Thierse, Gabriel, Merkel und wie sie alle noch heißen mögen zügeln. Da sind auch noch jene, deren tatsächliche Macht diese Politikdarsteller verwalten und die von diesen Entwicklungen profitieren. Und es gilt auch: Wer von Kapitalismus nicht reden will, sollte zum Thema Flucht schweigen.

Nachtrag vom 27.8.15; 10:27 Uhr:
Und dazu gehört auch das:
"IW-Studie: Deutschland ist Globalisierungsgewinner" (Spiegel online, 6.1.15)
"Deutschland ist der Sieger der Globalisierung" (FAZ, 19.4.14)
"Abstieg, Unsicherheit, Verlust - die Globalisierung macht vielen Deutschen zunehmend Sorgen, weil in Schwellenländern billiger produziert wird als in Europa. Eine Studie zeigt aber: Vom vernetzten Weltmarkt profitieren vor allem die Industrieländer." (Süddeutsche, 24.3.14)
Wobei in dem Zusammenhang "Deutschland" und "die Industrieländer" unzulässige Verallgemeinerungen sind.

Die regierenden Politikdarsteller sind nicht nur mitverantwortlich für die Flüchtlingsströme und deren Ursachen, sondern auch für die Lage der Kommunen, aber auch für die der dort Lebenden. Diejenigen, die gegen die Aufnahme von Flüchtlingen protestieren sind nicht nur einfach Rassisten. Kein Mensch ist per se Rassist. Zu solch einem zu werden hat mit Erziehung und Bildung zu tun, mit Familie und Gesellschaft. Und Fremdenfeindlichkeit gibt es in jeder menschlichen Gesellschaft, egal ob Familie, Dorf, Stamm, Region, Nation usw. Früher habe sich die Menschen geprügelt, weil sie aus verschiedenen Dörfern kam. Die Anderen, die Fremden verunsichern, egal aus welcher Entfernung sie kommen. Manchmal sind es nur die "Langhaarigen", die "Bunten", usw. Die Frage ist, welche Chance Menschen bekamen, zu lernen, mit dieser Verunsicherung umzugehen, sie auch als Chance begreifen zu können, Neues kennzulernen, den eigenen Horizont zu erweitern. Arno Gruen hat dazu Wichtiges geschrieben, auch über den "Fremden in uns", nachlesbar u.a. hier. Es geht um Chancen für Menschen, die eigene Empathie leben und entwickeln zu können.
Aber natürlich müssen Rassisten als solche behandelt werden, mit Aufklärung und Widerstand. Wenn sie erwachsen sind und für ihr eigenes Tun verantwortlich, können sie nicht mit ihrer Kindheit und den dabei verpassten Chancen entschuldigt werden.
Und was die Kommunen und deren finbanziele Ausstattung angeht, das gilt auch für die Menschen dort. Insbesondere in Ostdeutschland erleben viele, zu viele, dass sie anscheinend wenig wert sind, kaum Arbeit finden, wenn sie arbeitslos sind, sich für alles rechtfertigen müssen, dass kein Geld für sie da ist, als Einzelen, aber auch als Gemeinschaft, dass für alle sozialen Leistungen kein oder kaum Geld da ist, dass der soziale Bereich zum Großteil als "freiwillige Leistung" gilt und deshalb dort zuerst gespart wird. Und dann wird ohne mit ihnen vorher zu sprechen, sie auch aufzuklären, ein Aufnahmelager für Flüchtlingslager in ihrem Ort eröffnet, dass anscheinend dafür plötzlich Geld da ist, egal woher. Das führt zu Ärger und Frust, egal ob berechtigt oder unbegründet. Vor vielen Jahren erklärte mir ein afrikanischer Freund: Erzähle den Menschen nichts von Demokratie, wenn sie hungern. Nun hungern die Bürger in Heidenau, Freiberg, und anderswo nicht, auch nicht die zugereisten Neonazis. Aber zumindest die Einwohner der Orte erleben oftmals, dass der Staat, dessen Bürger sie vor 25 Jahren wurden, ob gewollt oder ungewollt, für sie immer weniger übrig hat, dass sie kaum Chancen haben, aus ihrem Leben etwas zu machen, wenn sie nicht weggehen, dass es kaum perspektiven gibt und sie um jede Unterstützung betteln müssen. Sie erleben eine Politik, die sich nicht für sie interessiert, für die der Profit deutscher Konzerne wichtiger ist als die Interessen der eigenen Bürger, die anscheinend erst aufmerksam wird, wenn sie auf andere einschlagen, andere beschimpfen und bedrohen.
Eine Kommunikationstrainerin, die für einen Sozialverband Gespräche im Umfeld eines geplanten Flüchtlingsaufnahmelagers mit den dortigen Bürgern führt, um sie aufzuklären, berichtete mir, dass diese Menschen sich freuten, dass ihnen endlich mal jemand zuhört, dass sie von ihren Sorgen und Befürchtungen sprechen können. Und dass sie manchmal mit Verständnis reagierten, wenn ihnen erklärt wurde, warum in ihrer Nähe Flüchtlinge aufgenommen werden und dass ihre Sorgen unbegründet sind, von wegen steigende Kriminalität und all solche Vorurteile. Doch auch diese Sprechstunden wurden erst eingeführt, als es zu bösartigen Demonstrationen kam. Und diese Menschen forderten immer wieder, dass die Politikdarsteller doch mit ihnen reden sollten.
Doch die kommen erst, wenn es brennt, wenn Menschen leiden müssen, wenn die Wut hochkocht und diejenigen, die am wenigsten dafür können, darunter leiden müssen, nach all dem Leid, das sie schon erleben mussten.
Mich macht all das wütend. Aber ich kann auch nichts weiter tun, als gegen diese Politik und diesen Hass zu schreiben, auf Demonstrationen zu gehen, die sich für Menschen einsetzen, die zu uns fliehen und in meinem kleinen Umfeld mich als Mensch gegenüber jenen zu zeigen, die hoffen, hier als Mensch leben zu können, ohne Angst, ohne Hunger, ohne Krieg, ohne Folter, usw. Aber auch gegen jene Politik des Sozialabbaus und der Profitmaximierung zu protestieren, die zu den Ursachen all dessen gehört.
Arno Gruen hat sich in seinen Büchern immer wieder auch mit dem Verlust des Mitgefühls beschäftigt. Einiges dazu ist in einer Rezension des Schweizer Rundfunks SRF vom 11.6.13 zu erfahren.

Und Jürgen Todenhöfers "Brief im Zorn" ist in dem Zusammenhang wicht und richtig.

Mittwoch, 12. November 2014

Nachrichtenmosaik Ukraine Folge 89

Gesammelte Nachrichten und Informationen zu den Ereignissen in der Ukraine und deren Hintergründen, ohne Gewähr und Anspruch auf Vollständigkeit und fast ohne Kommentar

• Schäden in Millionenhöhe an Infrastruktur in Region Donezk
"Seit Beginn der „Anti-Terror-Operation“ der Kiewer Armee in der Ostukraine sind in der selbst ernannten Republik Donezk rund 6000 Infrastrukturobjekte zerstört worden. Der Sachschaden betrage 1,3 Milliarden Griwna (rund 79 Millionen US-Dollar), teilte das Pressezentrum der Republik am Dienstag in Donezk mit.
„Am stärksten betroffen ist das Verwaltungszentrum Donezk selbst: Zerstört bzw. beschädigt wurden 3590 Objekte im Gesamtwert von 808,6 Millionen Griwna“, hieß es. Allein seit Novemberbeginn wurden in Donezk 311 diverse Objekte beschädigt, darunter 20 Wohnhäuser und zwölf Gaspipelines. Insgesamt wurden seit Beginn der Kampfhandlungen in der Donbass-Region 3769 Häuser und 1185 Objekte der Gasindustrie beschädigt bzw. zerstört.
Beschädigt wurden 351 Stromleitungen und Umspannwerke, 88 Objekte der Wärme- und 28 Objekte der Wasserversorgung. Betroffen sind ferner 47 Objekte des Gesundheitswesens, 192 Schulen und Kindergärten, 14 Sportstätten, 25 Objekten der Kultur und 49 Industriebetriebe. ..." (RIA Novosti, 11.11.14)

• Kämpfe behindern weiter MH17-Ermittlungen
"In der Ostukraine haben OSZE-Mitarbeiter und niederländische Experten erneut versucht, bei den Bergungsarbeiten an der MH17-Absturzstelle voranzukommen. Zuvor war die Suche nach Wrack- und Leichenteilen wegen der anhaltenden Kämpfe immer wieder unterbrochen worden. Das Team sicherte das von den Separatisten kontrollierte Gelände ab. Ursprünglich war erwartet worden, dass die Rebellen Ausrüstung zum Abtransport der Wrackteile bereitstellen.
Die Überreste der im Juli abgestürzten Boeing 777 liegen zwischen den Orten Hrabowe und Rossypne. Sie sollen vor dem ersten Schneefall geborgen werden. Einschlagspuren könnten laut Experten Aufschluss über die Ursache des Unglücks mit 298 Toten geben. Forensische Experten waren bisher nicht an der Absturzstelle. ..." (Euronews, 11.11.14)

• Australischer Premier: MH17 von russischer Rakete abgeschossen
"Russlands Präsident Wladimir Putin hat bei einem Treffen mit Australiens Premierminister Tony Abbott am Rande des APEC-Gipfels in Peking die Hoffnung ausgesprochen, dass sämtliche Informationen zur Katastrophe der malaysischen Verkehrsmaschine in der Ost-Ukraine veröffentlicht werden.
Nach Angaben der australischen Zeitung „Daily Telegraph“ informierte Abbott Putin über Erkenntnisse australischer Geheimdienste, laut denen die  Boeing mit 298 Menschen, darunter 27 Australier, an Bord mit einer aus Russland gebrachten Raketenanlage abgeschossen worden sei. Wenn diese Information stimme, sei das ein „sehr ernsthaftes Problem“, sagte der australische Premier.
Kreml-Sprecher Dmitri Peskow bestätigte zu RIA Novosti, dass das Thema der Flugzeugkatastrophe die kurze Unterredung Putins mit Abbott dominiert habe. „Abbott sprach über Angaben verschiedener Herkunft, die der australischen Seite zur Verfügung stehen. Putin sagte daraufhin, dass die russische Seite all ihre Angaben schon bereit gestellt habe und darauf hoffe, dass auch die anderen Angaben, von denen viele sprechen, publik gemacht werden.“ ..." (RIA Novosti, 11.11.14)

• Ukrainische Währung auf Rekordtief
"Die ukrainische Währung Hrywnja befindet sich wieder im Sturzflug. An diesem Dienstag sank die Hrywnja im Vergleich zum US-Dollar auf ein Rekordtief von 15,88. Das liegt deutlich unter dem Wert von 12,5, den der Internationale Währungsfonds in seinem Rettungspaket für die Ukraine als bedrohlich angibt. Im Oktober lag die Hrywnja relativ stabil bei einem Wert von rund 13 US-Dollar. ..." (Euronews, 11.11.14)

• 830.000 Menschen vor dem Krieg geflohen 
"Knapp 830.000 Menschen sind über die vergangenen Monate aus den umkämpften Gebieten in der Ukraine geflohen - die Hälfte von ihnen nach Russland, die andere Hälfte innerhalb des Landes, schätzt das UN-Büro für die Koordinierung von humanitären Angelegenheiten. Seit den umstrittenen Wahlen in der Ostukraine, die von den Aufständischen trotz massiver Kritik aus Kiew und dem Westen organisiert wurden, hat sich die Lage in der Krisenregion erneut verschärft. Die Aussicht auf Frieden ist wieder gesunken. Für hunderttausende Flüchtlinge in der Ukraine schwindet damit auch die Hoffnung, bald in ihre Heimat zurückzukehren.
Für viele ist eine Rückkehr eine existenzielle Frage. Wie für Maksim. Als Koordinator eines ukrainischen Kulturzentrums in der Nähe von Donezk wurde der Mittdreißiger zur Persona non grata im Separatistenstaat. Er floh schon im Frühling nach Kiew, wo er sich seither durchschlägt. "Ich habe keine Wohnung und keine bezahlte Arbeit", klagt er. "Ich habe zwar ein paar Ersparnisse, doch die neigen sich schön langsam dem Ende zu." Solange die Separatisten im Donezker Gebiet herrschen, kommt eine Rückkehr für ihn nicht infrage. "Im Internet wurde ganz unverhohlen damit gedroht, mich umzubringen", sagt Maksim.
Viele Ostukrainer haben ihre Heimat in dem Glauben verlassen, bald zurückzukehren. Auf den Bahnhöfen von Kiew und Lemberg kamen sie in Sandalen, Shorts und Sommerkleidern an, doch jetzt kommt der Winter. "Als wir geflüchtet sind, hat die ukrainische Führung zu uns gesagt: In einem Monat haben wir diese Separatisten erledigt, und dann könnt ihr wieder heim" sagt Gennadij Kobzar, ein IT-Unternehmer aus Donezk. "Wenn man weiß, dass das nur vorübergehend ist - dann stellt man sich darauf ein. Aber wenn aus Wochen Monate werden - oder sogar Jahre? Was dann?"
Die Flüchtlingsströme trafen die ukrainischen Behörden völlig unvorbereitet. Beobachter gehen davon aus, dass eine humanitäre Katastrophe nur durch das Engagement von Freiwilligenorganisationen vermieden wurde. ..." (Wiener Zeitung online, 11.11.14)

• Reiches Land arm gemacht
"Eigentlich hätte die Ukraine gute Voraussetzungen dafür, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Das Land hat substanzielle eigene Energieressourcen in Form von Kohle und Erdgas sowie mässige Vorkommen von Uranerz. Es ist ferner ein wichtiger Produzent und Exporteur von Basis- und Buntmetallen, und nicht zuletzt verfügt es über rund 30% der weltweiten Vorkommen an Schwarzerdeböden, die es zu einer agrarischen Supermacht machen müssten – gewiss keine schlechte Position in einer Welt mit steigenden Nahrungsmittelpreisen.
Mit einer Bevölkerung von 45 Millionen hat die Ukraine auch einen ausreichend grossen Binnenmarkt, um für ihr Wirtschaftswachstum nicht übermässig auf Exporte angewiesen und damit den Launen des Weltmarkts ausgeliefert zu sein. Das ähnlich grosse Polen ist nicht zuletzt aus diesem Grund seit 2008 ohne Rezession durch die globale Krise gekommen. Doch während Polen, das nach dem Zusammenbruch des Kommunismus mit einem Bruttoinlandprodukt pro Kopf von etwa 1600 $ auf einer vergleichbaren Startposition stand wie sein östlicher Nachbar, laut Angaben der Weltbank inzwischen bei einem Wert von 13 400 $ angelangt ist, sind es bei der Ukraine nur 3900 $ ...
Der Krieg im industriellen Herz der Ukraine und die Ungewissheit über die politische und ökonomische Zukunft werden tiefe Spuren in der ukrainischen Wirtschaft hinterlassen (vgl. nebenstehenden Text). Doch das darf nicht den Blick dafür vernebeln, dass viele entscheidende Fehlentwicklungen, die das Land heute daran hindern, sein unzweifelhaftes Potenzial auch nur annähernd auszuschöpfen, bereits früher stattgefunden haben. ...
Undurchsichtige Privatisierungen und die intransparente Rolle von Zwischenhändlern im Erdgasgeschäft liessen einige wenige Auserwählte märchenhaft reich werden. Es entstanden einflussreiche politisch-wirtschaftliche Seilschaften. Diesen war logischerweise wenig daran gelegen, die Importmengen von Erdgas zu vermindern, und zwar sogar dann noch, als die Preise die Verbraucher zu schmerzen begannen. ...
Doch was im Sinne des Volkes und der ökonomischen Entwicklung des Landes gewesen wäre, stand jahrelang den Partikularinteressen der regierenden Clans entgegen. Diese Clans prägen seit der Zeit des «wilden Kapitalismus» der neunziger Jahre das politische und wirtschaftliche Geschehen auch ausserhalb des Energiesektors.
Das Resultat ist eine ausgesprochen starke Konzentration der Wirtschaft in den Händen eines engen Kreises von Oligarchen, die bisher mit direktem Einfluss auf die höchsten staatlichen Entscheidungsträger dafür gesorgt haben, dass ihre beherrschende Position bestehen bleibt und sich ihre politischen Verbündeten dafür erkenntlich zeigten. Laut «Forbes» kontrollieren die neun ukrainischen Dollarmilliardäre allein 6% der ukrainischen Wirtschaftsleistung. Ihre Firmenkonglomerate dominieren verschiedenste Bereiche, auch in Branchen, die in anderen Ländern eine Domäne mittelständischer Unternehmen sind.
Im Unterschied zu Russland, wo Präsident Putin absolute Loyalität der Oligarchen und ihren Verzicht auf aktives politisches Engagement verlangt, mischen die Superreichen in der Ukraine in der Politik mit, nicht selten sogar über Parlamentsmandate. Unter den verschiedenen oligarchischen Gruppierungen bestehen dabei durchaus Rivalitäten, die sich in der Vergangenheit bisweilen in Machtwechseln ausdrückten.
Dennoch blieb der Klub der Einflussreichen über das ganze Vierteljahrhundert seit der Wende mehr oder weniger geschlossen unter sich. Von ihrer Seite bestand, nachdem sie sich die Macht gesichert hatten, eine geringe Neigung zu Reformen, die zu wirtschaftlichem und politischem Wettbewerb, zur Entstehung einer Mittelklasse und damit zur Lockerung ihres Griffs auf Wirtschaft und Gesellschaft geführt hätten.
Dass sich in jedem potenziell lukrativen Feld, sei es Erdgas, Solarenergie, Telekommunikation oder Landwirtschaft, zuerst die politisch gerade Oberwasser geniessenden Oligarchen vom Kuchen ein grosses Stück abschneiden durften, bevor andere – etwa ausländische Investoren – zum Tisch vorgelassen wurden, hat dem Investitionsklima in der Ukraine nicht gut getan. ...
Paradoxerweise ist es mit Präsident Poroschenko wieder einer der ukrainischen Milliardäre, der das Land nun definitiv nach Westen zu steuern versucht. Sein Wille dazu scheint aufrichtig. Doch die Preisfrage lautet, ob er und die Gesellschaft das Stehvermögen haben, Strukturen und Verhaltensmuster aufzubrechen. Die erste grosse Gelegenheit dazu wurde von der politischen Klasse nach der orangen Revolution von 2004 leichtfertig vertan. Nun hat das Land eine zweite Chance erhalten. Es dürfte allerdings die letzte sein für einen wirklichen Paradigmenwechsel.
" (Neue Zürcher Zeitung online, 8.11.14)

• Verlierer und Gewinner unter den Oligarchen 
"... Es sieht nicht so aus, als würde der derzeit eingefrorene Ukraine-Konflikt in absehbarer Zeit gelöst werden. Darunter dürfte vor allem auch ein Mann leiden, der stets wesentlichen Einfluss auf die ukrainische Politik besaß: Rinat Achmetow. Der Stahlmagnat aus Donezk galt lange als der einflussreichste Oligarch des Landes, als der Mann, dessen Geschäftsclan nicht nur die ukrainische Wirtschaft beherrschte, sondern der - vor allem in der Zeit von Ex-Präsident Wiktor Janukowitsch - auch wesentlichen Einfluss auf die politischen Geschicke des Landes besaß. Der gebürtige Tatare stützte den Aufstieg Janukowitschs zum Staatschef als Financier. Nach dessen Sturz durch die "Euromaidan"-Bewegung im Februar stand der 48-Jährige - obwohl er zuletzt mit Janukowitschs Umfeld, der "Familie", vermehrt in Konflikt geriet - als Vertreter des oligarchischen Donezker Systems im Fokus der Kritik.
Mittlerweile lebt Achmetow, der immer noch der reichste Ukrainer sein soll, nicht mehr in Donezk, sondern in Kiew und lenkt von dort seine Firmen. Der lange dominierende Oligarch hat im ukrainischen Kräftespiel an Macht eingebüßt. "Achmetow und der gesamte Donezker Clan haben durch die aktuellen Ereignisse an Einfluss verloren, andere Oligarchen - wie der Gouverneur von Dnipropetrowsk, Ihor Kolomojski - haben gewonnen", sagte Steffen Halling von der Berliner Stifung Wissenschaft und Politik (SWP) der "Wiener Zeitung". Kolomojski, bekannt für seine rauen Geschäftsmethoden, hat sich in dem aktuellen Konflikt von Anfang an energisch prowestlich positioniert und landete damit wie Präsident Petro Poroschenko, dem selbst ein großes Firmengeflecht gehört, oder der mit Poroschenko verbundene Wiktor Pintschuk auf der Gewinnerseite. ..." (Wiener Zeitung online, 5.11.14)

• Ukraine will vor 2020 EU-Mitglied werden 
"In einem Interview in der Montag erscheinenden Ausgabe des Nachrichtenmagazins „profil“ kündigt der ukrainische Außenminister Pawlo Klimkin an, das Land werde noch vor 2020 um die EU-Mitgliedschaft ansuchen: „Wie die Wahlen gezeigt haben, sind 90 Prozent der Bevölkerung pro-europäisch. Wir sollten diesen Erwartungen auch entsprechen. Ich glaube, dass es ein durchaus realistisches Szenario ist, in fünf Jahren den EU-Beitrittsantrag zu stellen“, so Klimkin.
Von der EU erwarte er sich „erstens eine ständige Unterstützung bei den Reformen und zweitens ein klares politisches Signal im Hinblick auf eine europäische Perspektive für die Ukraine. Drittens muss für ukrainische Bürger visumfreies Reisen in die EU ermöglicht werden“, erklärt der Außenminister im profil-Interview.
Die von militanten Rechtsextremen durchsetzten ukrainischen Freiwilligenmilizen in der Ostukraine verteidigt der Außenminister als „wahre Patrioten. Manche von ihnen vertreten vielleicht radikalere Positionen, aber wir haben all diese Menschen überprüft. Sie sind Mitglieder verschiedener Parteien, inklusive rechter Parteien, aber sie sind keine Rechtsradikalen.“ ..." (Profil online, 1.11.14)

• Ökonom: Groteske Naivität des Westens
"Immer stärkere Globalisierung? Vorbei. Deutschland leidet unter dem Riss durch die Welt. Im FOCUS-MONEY-Interview warnt Ökonom Folker Hellmeyer [Chefanalyst der Bremer Landesbank] vor den dramatischen wirtschaftlichen Folgen einer neuen Ost-West-Spaltung.
... Was wir sehen, ist eine durch Geopolitik erzwungene Neubewertung des Dax.
MONEY: Schon wieder Geopolitik. Außer der Ukraine-Krise tauchen in den Nachrichten der Vormarsch der IS-Miliz im Nahen Osten oder die Krankheit Ebola auf.
Hellmeyer: Für mich spielt die Ukraine-Krise die größte Rolle und IS und Ebola eine untergeordnete. Der Ukraine-Konflikt ist der Grund für die Eintrübung der wirtschaftlichen Lage. Die USA sind von dieser Konstellation kaum betroffen. China ist ebenso nicht primär belastet. Wir stellen fest, dass sich die Abschwächung der Weltkonjunktur maßgeblich in der Euro-Zone abspielt. Die Folgen der US-Geopolitik finden ökonomisch und markttechnisch in erster Linie zu Lasten des heimischen Kontinents statt.
MONEY: Aber Russland ist nicht gerade der bedeutendste Handelspartner heimischer Konzerne. Nur gut drei Prozent des Gesamtexports werden dort erlöst.
Hellmeyer: Für mich ist Russland insgesamt viel wichtiger, als es der Exportanteil der deutschen Unternehmen vermuten lässt. Es wird nicht nur der bilaterale Güteraustausch mit Russland beeinträchtigt. Andere Länder, beispielsweise Finnland, Österreich, die Slowakei, Polen oder Ungarn, die starke wirtschaftliche Beziehungen mit Russland haben, werden bei uns weniger nachfragen. Nur die Sichtweise auf Russland zu reduzieren ist vollkommen falsch. Mehr noch: Deutschland und die EU stellen ihre ökonomische Zuverlässigkeit gegenüber den Ländern, die nicht zum engeren Freundeskreis der USA gehören, zur Disposition. Das ist ein verheerendes Signal, da wir Kapitalgüter exportieren, wo zwischen Unterschrift und Lieferung Jahre vergehen können. Dieser RisikoCluster wird für den Dax aktuell diskontiert und muss als laute Mahnung an die Politik verstanden werden.
MONEY: Auf der Welt bilden sich neue Blöcke?
Hellmeyer: Exakt, das interpretiere ich als das Risiko der Entglobalisierung. Die Naivität des Westens, unser Verständnis von Demokratie und westlicher Lebensweise über „Interventionen“ auf andere Kulturkreise zu übertragen, ist grotesk. Man kann vor allen Dingen Demokratie nicht herbeibomben oder herbeiputschen. Im Namen unserer westlichen Werte wurden von Afghanistan bis Libyen und zuletzt in der Ukraine eine Blutspur und Chaos hinterlassen. Damit forciert der „Westen“ diese kontraproduktive ökonomische Entwicklung.
... Der Schulterschluss Russlands mit China als Folge des westlichen Russland-Politik wird erkennbar immer enger. Hier wird die nächste große Wachstumsbonanza im Bereich der aufstrebenden Länder kreiert, und Europa ist durch die Geopolitik gerade dabei, sich mangels ökonomischer Verlässlichkeit dieser Wachstumsbonanza zu entziehen. Ich empfinde ein wenig Fassungslosigkeit.
MONEY: Die Europäer schaden sich mit ihren Sanktionen gegen Russland also selbst am meisten?
Hellmeyer: In der Tat. Und ich beglückwünsche Berlin und Brüssel, die mahnenden Worte einiger weniger Experten mit gutem Track-Record sportlich überhört zu haben.
MONEY: Gehört zu diesem Spiel um die „Weltherrschaft“ auch der US-Dollar?
Hellmeyer: Der Dollar ist für die Machtposition der USA elementar und wird aggressiv verteidigt. Die Lernkurve aus der Geschichte verbietet Weltkriege zur Lösung der Machtfrage. Die Auseinandersetzung um Macht verlagert sich in andere Bereiche. Wir sind heute mit dem Phänomen des Wirtschafts- und Finanzkriegs konfrontiert. Die USA und Großbritannien kontrollieren die wesentlichen Strukturen unseres Finanzsystems und leben dort ihre Macht aus.
MONEY: Und die Stärke der US-Währung bringt den Ölpreis unter Druck. Geht Russland letztlich die Luft aus?
Hellmeyer: Wir sehen im Zuge der Ukraine-Krise durchaus Charaktermerkmale der Politik Ronald Reagans, die Russland 1990 in die Knie gezwungen hat. Damals ist es auch über die Manipulation des Ölpreises gelaufen. ..." (Focus Money online, 31.10.14)

hier geht's zu Folge 88

alternative Presseschau aus ukrainischen, ostukrainischen und russischen Quellen


die täglichen Berichte der OSZE-Beobachtermission in der Ukraine 

Mittwoch, 5. Dezember 2012

Blick in die Bücherkiste 2

Hier die zweite Folge meiner Hinweise auf interessante und lesenswerte (zumeist Sach-)Bücher hin, die auf Hintergründe und Zusammenhänge aufmerksam machen.
Aus Zeit- und nicht aus Werbegründen übernehme ich Auszüge aus den Verlagsinformationen. Geld bekomme ich dafür nicht.
Ich muss gestehen, dass ich selbst gar nicht so zum Lesen der interessanten Bücher komme, wie ich eigentlich möchte. Vielleicht ist der Bücherkistenblick ja Anregung für andere, die Bücher zu lesen und sich auch dazu zu äußern.

Armut im Alter - Probleme und Perspektiven der sozialen Sicherung
Von Christoph Butterwegge, Gerd Bosbach, Matthias W. Birkwald (Hg.), mit Beiträgen u.a. von Dr. Alfred Spieler (Volkssolidarität Bundesverband e.V.), Adolf Bauer (Präsident SoVD), Prof. Dr. Ernst Kistler
"Altersarmut ist ein Problem, das häufig mit der Alterung unserer Gesellschaft in Verbindung gebracht wird. Die drohende Verarmung von Millionen älteren Menschen in Deutschland ist aber vor allem auf sinkende Reallöhne, den expansiven Niedriglohnsektor, entsprechende Reformen des Arbeitsmarktes und eine falsche Rentenpolitik zurückzuführen. ... In diesem Band geben Expertinnen und Experten erstmals einen Überblick über die aktuellen Risiken, Erscheinungsformen und Ursachen von Altersarmut in Deutschland. Darüber hinaus diskutieren sie ein ganzes Bündel möglicher Maßnahmen für eine gerechte und solidarische Alterssicherung." (Verlagsinformationen)
Campus Verlag, 2012
393 Seiten, kartoniert
19,90 Euro
ISBN: 978-3-593-39752-8

Die Vorsorge-Lüge. Wie Politik und private Rentenversicherungen uns in die Altersarmut treiben
Von Holger Balodis/Dagmar Hühne
"Alle sagen: Private Rentenversicherung muss sein, sonst droht Altersarmut. Doch die von der Versicherungswirtschaft angebotenen Formen der Privatrente sowie Riester- und Rürup- Rente taugen nicht als Ersatz für die gesetzliche Rente. Im Gegenteil: Kunden verlieren Milliarden, weil private Rentenversicherungen systematisch zu ihrem Schaden konstruiert sind. Politiker, Finanzlobbyisten und Wissenschaftler haben die gesetzliche Rente demontiert, um das private Geschäft mit der Altersvorsorge anzukurbeln - zu Lasten der Rentner von morgen. Holger Balodis und Dagmar Hühne decken auf, wie sich ein mafiöses Interessengeflecht die Altersvorsorge zur Beute macht und uns in die Altersarmut stürzt." (Verlagsinformationen)
Econ Verlag, 2012
272 Seiten, Klappenbroschur
18 Euro
ISBN: 978-3-430-20142-1

NachDenkSeiten – Das kritische Jahrbuch 2012/2013
Von Albrecht Müller und Wolfgang Lieb
"Dieses Buch soll Ihnen helfen, Rätsel zu lösen. Das ist ernst gemeint. Denn die öffentliche Debatte wie auch die politischen Entscheidungen werden immer räselhafter. (...) Können Sie sich zum Beispiel erkläen, warum bei uns seit Jahren ununterbrochen 'gespart' wird (und zwar meist auf Ihre Kosten) und die Schulden des Staates dennoch ständig steigen? Was passiert eigentlich, wenn die Eurozone auseinanderbricht? Welche Folgen hat es, nicht nur für die Menschen der betroffenen Länder, sondern auch für uns, wenn ein europäisches Land pleitegehen sollte? Kann eine Krisenbewältigungspolitik richtig sein, die ganze Nationen in Not und Elend zwingt?
Solche und viele andere Fragen mehr haben Sie sich sicher auch schon gestellt und es blieb Ihnen genau wie uns rätselhaft, welche Antworten die bisherige Politik darauf gegeben hat. ...
Weil dann - und nur dann, wenn immer mehr Menschen zu zweifeln beginnen und darauf drängen, dass über politische Alternativen nachgedacht wird - die Chance besteht, dass die politischen Entscheidungen besser werden. Weniger teuer. Weniger ungerecht. Weniger gefährlich für uns alle." (Verlagsinformationen)
Westend Verlag, 2012
256 Seiten, Broschur
14,99 Euro
ISBN: 978-3-86489-030-7

Der neue Obama - Was von der zweiten Amtszeit zu erwarten ist
Von Christoph von Marschall
"Christoph von Marschall hat den windungsreichen Lebensweg Obamas bereits 2007 beschrieben: die Prägungen durch den afrikanischen Vater, die Kindheitsjahre in Indonesien und Hawaii, seine Suche nach Identität als Afroamerikaner. Darauf aufbauend beschreibt er nun, wie Obama seine neu gewonnenen Erfahrungen im Wahlherbst einsetzt, welche Themen seine zweite Amtszeit beherrschen werden und warum es ihm sogar glücken könnte, die Republikaner zu einer Zusammenarbeit im Dienste Amerikas zu bringen.'" (Verlagsinformationen)
orell füssli Verlag, September 2012
240 Seiten, Broschur
14,95 Euro
ISBN: 978-3-280-05484-0

0,1 % - Das Imperium der Milliardäre
Von Hans Jürgen Krysmanski
"In diesem Buch geht es um die 0,1 Prozent: die Schicht der Superreichen. Sie umfasst weltweit nur wenige tausend Personen und Familien und ist ein globales, ein kosmopolitisches Phänomen. Alles Geld wird zu diesen Milliardären hingezogen wie in ein schwarzes Loch. Die Geldeliten verselbständigen sich, sie beginnen im wahrsten Sinne des Wortes, auf eigene Faust mit Söldnerarmeen, privaten Polizei- und Geheimdiensten zu operieren. Klimawandel, Ressourcenprobleme und wachsende, unumkehrbare Arbeitslosigkeit deuten auf ein kommendes globales Szenario nackter Überlebenskämpfe. Für eine solche Rette-sich-wer-kann-Welt glauben sich die Geldeliten gut gerüstet. Hans Jürgen Krysmanski zeigt, dass sich zukünftig neue und neuartige Klassenkonflikte entwickeln werden und dass wir letztlich nicht umhin kommen, an diesen Konflikten teilzunehmen." (Verlagsinformationen)
Westend Verlag, 2012
240 Seiten, Broschur
19,99 Euro
ISBN: 978-3-86489-023-9

Reiche Multis - arme Bürger - Die unsoziale Kehrseite der masslosen Unternehmensgewinne
Von Philipp Löpfe, Werner Vontobel
"'In unserer hyperglobalisierten Welt schreiben Unternehmen immer höhere Gewinne, während der Mittelstand immer ärmer wird. Welche Multis schöpfen wie viel ab? Und was können wir dagegen tun? Unternehmensgewinne können auch zu hoch sein. Die Tätigkeit multinationaler Konzerne hat eine Komplexität erreicht, die nicht mehr kontrollierbar ist. Grund dafür ist die atomisierte Lieferkette. Aus sozialen Unternehmen wurden über den Globus verstreute Einheiten, die niemandem Rechenschaft schuldig sind. Das Buch zeigt, wie es zur heutigen Situation kam und wie die Multis im Cyberspace noch mächtiger und monopolistischer werden. ... Es werden die Folgen dieser Entwicklung für Volkswirtschaft, Gesellschaft und Umwelt aufgezeigt, aber auch Ansätze diskutiert, wie diese fehlgeleitete Globalisierung korrigiert werden kann." (Verlagsinformationen)
orell füssli Verlag, 2012
224 Seiten, gebunden
19,95 Euro
ISBN: 978-3-280-05473-4

Mittwoch, 31. Oktober 2012

TV-Tipp: Ein Wirtschaftskiller packt aus

Der einstige "Economic Hit Man" John Perkins wird am 31. Oktober auf 3sat porträtiert und liefert Einblicke, wie globale Politik funktioniert.
Aus der Ankündigung von 3sat:
"Wie kauft man die Weltpolitik? Ein packender Insider-Dokumentarfilm über den Ausbau von Wirtschaftsimperien auf Kosten der Dritten Welt: John Perkins war ein "Economic Hit Man", ein Wirtschaftskiller. Seine Aufgabe war es, Entwicklungsländer zu besuchen und den Machthabern überdimensionierte, überteuerte Großprojekte zu verkaufen, die sie in eine Abhängigkeit von den USA brachten. Zwölf Jahre lang hatte Perkins seine Seele an den Geheimdienst verkauft ... bis er ausstieg und den Mut hatte, den Skandal aufzudecken, sich öffentlich für seine kriminellen Akte im Staatsauftrag zu entschuldigen und Aufklärungsarbeit zu leisten. ...
Auslöser dafür war die Frage "Warum hassen sie uns so?", die Präsident George W. Bush nach den Anschlägen am 11. September 2001 gestellt hatte. Perkins wusste die Antwort darauf. "Im Dienst der Wirtschaftsmafia - Ein Geheimagent packt aus" von Stelios Koul beschreibt den Versuch des ehemaligen Agenten Perkins, mit sich selbst ins Reine zu kommen, sich in öffentlichen Debatten für seine Aktionen im Staatsauftrag zu entschuldigen und Aufklärungsarbeit zu leisten.
Der Film liefert dabei unglaublich spannende Einblicke in das Netz der modernen Wirtschaftsmafia und offenbart Zusammenhänge, die oft als Verschwörungstheorien abgetan werden. Heute leitet John Perkins die Organisation "Dream Change Coalition", die zusammen mit den indigenen Völkern Südamerikas deren Umwelt und Kulturen zu schützen versucht. ..."

"Im Dienst der Wirtschaftsmafia - Ein Geheimagent packt aus"
3sat, Mittwoch, 31. Oktober 2012, um 22.25 Uhr, Mono, 16:9

die 3sat-Ankündigung ist hier zu finden
 
Auch wenn der Film von 2008 ist, ist er aktuell. Zugleich ist er interessant, weil er kurz vor der sogenannten Finanzkrise entstand.


Von Perkins sind zwei Bücher auch in deutsch erschienen, auf die ich schon mehrmals hinwies: "Bekenntnisse eines Economic Hit Man: Unterwegs im Dienst der Wirtschaftsmafia" und "Weltmacht ohne Skrupel: Die dunkle Seite der Globalisierung - Wie die USA systematisch Entwicklungsländer ausbeuten".
Interessant sind auch seine Aussagen in dem Film "Let's make money" von Erwin Wagenhofer.

zur Homepage von John Perkins hier lang

Sonntag, 24. Juni 2012

Fundstück Nr. 22 - Kapitalismus global

Robert J. Eaton, Ex-Vorstandsvorsitzemnder des Ex-Konzerns DaimlerChrysler am 1.7.1999 über den globalen Kapitalismus

Eaton sagte mit Blick auf die Ereignisse 1989/90 in Europa zehn Jahre später in Berlin beim Kolloquium "Der Kapitalismus im 21. Jahrhundert" der "Alfred Herrhausen Gesellschaft für internationalen Dialog": "Das, was wir heute 'globalen Kapitalismus' nennen, war von der Leine gelassen, und nichts konnte ihn mehr aufhalten.
Das ist die Kernbotschaft meiner Ausführungen: Nichts kann den globalen Kapitalismus mehr aufhalten!
Menschen, Unternehmen, selbst Regierungen können es versuchen. Sie können versuchen, ihn für ihre Interessen zu instrumentalisieren. Sie können versuchen, die mit ihm verbundenen Verpflichtungen zu begrenzen und die Sanktionen und Lasten zu vermeiden. Aber es wird ihnen nicht gelingen."

Quelle: "Der Kapitalismus im 21. Jahrhundert", herausgegeben von der Alfred Herrhausen Gesellschaft für internationalen Dialog, München 1999, S. 84