Hinweis des Komitees für Grundrechte & Demokratie: "Wie werden
Kriege gemacht? - Ehemalige CIA-Analysten sprechen über die Rolle von
Geheimdiensten in der Außenpolitik"
Das Grundrechtekomitee ist Mitveranstalter eines Vortrages mit Diskussion; wir laden herzlich ein:
Wie werden Kriege gemacht? - Ehemalige CIA-Analysten sprechen über die Rolle von Geheimdiensten in der Außenpolitik.
Köln: 18.9.2015, 19.00 Uhr, Lutherkirche, Köln-Südstadt (Martin-Luther-Platz 2-4); in Englisch mit Übersetzung; Eintritt frei.
Weitere Termine: 13.9. Frankfurt; 14.9. Hamburg; 15.9. Rostock; 16.9. Berlin.
Es geht u.a. um diese Fragen: Wie werden Kriege "gemacht" und welche
Interessen stehen dahinter? Welche Rolle spielen Geheimdienste in der
Außenpolitik und welche Alternativen gäbe es? Welchen Einfluss hat die
NSA und speziell ihre weltweite Kontrolle wichtiger IT-Infrastrukturen
für die Außenpolitik der USA? Welche Lehren können wir aus den aktuellen
Konflikten ziehen?
Ray McGovern (75 J.) und Elizabeth Murray (55 J.) haben beide jeweils
fast 30 Jahre als hochrangige Analysten bei der CIA und anderen
US-amerikanischen Geheimdiensten gearbeitet. Heute kämpfen sie als
Friedensaktivisten gegen den Krieg und für den Schutz der Bürgerrechte,
zusammen mit Edward Snowden und anderen Whistleblowern.
Hinweise zur Kölner Veranstaltung:
http://www.friedensbildungswerk.de/html/politik.html#gemacht
Zu Hamburg: 14.09.2015 - 18:00 Uhr Universit t Hamburg, Raum 221, ESA
1 West, Edmund-Siemers-Allee 1 Der Eintritt ist frei. Der Vortrag und
die Publikumsdiskussion finden in englischer Sprache statt.
http://www.fiff.de/veranstaltungen/termine_allg/flyer-geheimdienste-in-der-aussenpolitik.pdf
Hinweise zur Veranstaltung in Berlin:
http://coopcafeberlin.de/events/mcgovern-murray-berlin/
Die weiteren Termine/Orte - sowie ständig aktuelle Termine aus der Friedensbewegung - finden Sie hier:
http://www.friedenskooperative.de/termine.htm
Mit freundlichen Grüßen!
Martin Singe
Informationen über und vom Komitee für Grundrechte und Demokratie
Es ist das Plädoyer des letzten lebenden
Wehrmachtsdeserteurs. Das Buch ist auch ein wichtiges Zeitzeugnis. Es
zeugt davon, wie eine Gesellschaft mit jenen umging und umgeht, die
Widerstand leisteten, indem sie Ja zum Leben und Nein zum Morden auf
Befehl sagten.
Ludwig Baumann schreibt: „Ich bin kein Held. Aber auch kein
Feigling.“ Er ist ein Held der anderen Art, die es viel zu wenig gibt,
eben in dem Sinn, dass er unbeirrt seinem Gewissen folgte. Einer der
Menschen, die für ihre Haltung eintreten oder sich gegen den Strom
stellen. Von denen es zu wenig gibt, wie er feststellt. Das Buch, das er
zusammen mit dem Journalisten Norbert Joa verfasste, zeigt ihn ebenso
als Menschen, der beinahe daran kaputt ging, dass er für die
Nachkriegsgesellschaft in der Bundesrepublik als „Verräter“ und
„Straftäter“ galt. Das musste er bis 17. Mai 2002 erleiden, 57 Jahre
lang seit der Befreiung vom deutschen Faschismus. Erst an dem Tag hob
der Deutsche Bundestag alle Urteile gegen Deserteure,
Kriegsdienstverweigerer und „Wehrkraftzersetzer“, die die Militärjustiz
der faschistischen deutschen Wehrmacht gefällt hatte, pauschal auf. Es
sei eine „innere Befreiung“ gewesen, berichtet Ludwig Baumann, eine
„Befreiung vom Makel der Vorstrafe, aber auch von Demütigungen“. Er
vergisst aber nicht, darauf hinzuweisen, dass die so genannten
„Kriegsverräter“, Soldaten, die z.B. jüdischen Menschen helfen wollten
oder Kriegsgefangenen Brot zugesteckt hatten, erst 2009 rehabilitiert
wurden. Das hat nur er noch miterlebt. Und er erinnert daran, dass
dieses Anliegen bis zuletzt vom CSU-Politiker Norbert Geis bekämpft
wurde.
Bis zu dem Tag der eigenen inneren Befreiung musste Ludwig Baumann
einen harten Weg gehen, seitdem er am 30. Juni 1942 als Deserteur zum
Tode verurteilt wurde. Er hatte das Glück, zu zwölf Jahren Zuchthaus
begnadigt zu werden, nicht einmal einen Monat nach dem Todesurteil. Aber
er musste weiter in der Todeszelle ausharren: „300 Tage. Und 300
Nächte. Es hat mein Leben zerstört.“ Erst dann wurde ihm seine
Begnadigung mitgeteilt. Er überlebte den Einsatz im „Strafbataillon“ an
der Ostfront ebenso wie zuvor die Schikanen im „Emslandlager“ und im
Wehrmachtsgefängnis Torgau. Und litt nach dem Ende des Krieges daran,
dass ihn die Gesellschaft der Bundesrepublik als „Verräter“ behandelte.
Noch 1993 schrieb ihm ein Ewiggestriger: “Ich kann nur bedauern, dass
Sie nicht erschossen oder geköpft wurden.“ Deserteure seien nur
„Halunken, Strolche, feige Schurken“, die „das Leben von
Hunderttausenden Kameraden auf dem Gewissen“ hätten. Auch später erhielt
Ludwig Baumann noch solche Briefe.
Er beschreibt, wie es ihm, der überlebte, nach dem Kriegsende erging
und wie er lange nicht mit dem Leben im Nachkriegsdeutschland zurecht
kam, auch von privaten Niederlagen und eigenem Versagen. „Von uns
Deserteuren, die wir – aus welchen Gründen auch immer – Hitlers Krieg
nicht mitmachen wollten, wurden 23000 erschossen, erhängt oder
enthauptet. Und 100000 von uns sind im KZ oder in den Strafbataillonen
gestorben. Keine fünf Prozent der Deserteure haben überlebt.“ Die rund
4000 Überlebenden litten in und an einem Land und einer Gesellschaft, wo
die Täter belohnt und die Opfer verhöhnt wurden. „Unsere Leute sind
früher gestorben als die Nazis oder überzeugten Kommunisten – diese
lebenslange Erniedrigung raubt Kraft. Die meisten waren kaputt, keiner
hatte Karriere gemacht. Keiner war im öffentlichen Dienst, wir waren ja
weiterhin vorbestraft, und fast alle von uns waren arm geblieben, keiner
hatte so recht Anschluss an die Gesellschaft gefunden. Wir hatten ja
auch niemanden, der zu uns stand.“
Keiner der 3000 NS-Militärrichter sei später zur Rechenschaft gezogen
worden. Im Gegenteil: „Die Militärrichter, welche uns verurteilten,
haben mehr Todes- und Terrorurteile gefällt als der Volksgerichtshof und
alle Sondergereichte zusammen, um anschließend in der Bundesrepublik
bis in die höchsten Ämter Karriere zu machen.“ Sie waren sogar daran
beteiligt zu verhindern, dass das faschistische Unrecht an den
Deserteuren früher wieder gut gemacht wurde. Als ein Beispiel dafür wird
der ehemalige Militärrichter Erich Schwinge erwähnt, der „selbst
mindestens acht Todesurteile“ fällte. Der selbe Schwinge habe 1977 als
Juraprofessor die NS-Militärjustiz als „antinationalsozialistische
Enklave der Rechtsstaatlichkeit“ beschrieben.
Ludwig Baumann erzählt in dem Buch auch von seinen beiden Freunden
Kurt und Johann, die ihr Nein mit dem Leben bezahlen mussten. Und er
schreibt von dem harten Weg und Kampf, um die eigenen Würde
zurückzuerlangen. Als er endlich die Kraft dafür fand, engagierte er
sich in der Friedens- und Eine-Welt-Bewegung und gründete mit anderen
Überlebenden 1990 die „Interessenvereinigung der Opfer der
NS-Militärjustiz e.V.“. Er berichtet von seinem Kampf gegen alte und
neue Nazis, wie er sich für Frieden und gegen Kriegsverherrlichung
einsetzte und weiter engagiert. Und ihm ist klar: „Kein Kulturkreis hat
so viel Unrecht begangen wie der Westen. Und immer ging es um Geld und
Macht. ... Und wir können auch nicht erwarten, dass die Dritte Welt
gewaltfrei für unseren Wohlstand hungert.“ Er kritisiert Bundespräsident
Joachim Gauck, der jüngst forderte, dass Deutschland in der
globalisierten Welt wieder mehr mitmischen müsse und „die Zeit eines
ganz grundsätzlichen Misstrauens“ gegenüber der deutschen Rolle vorüber
sein müsse. „Solche Worte aus dem Mund eines Pastors – da wird mir angst
und bang. Ich sage: Die Mächtigen der Welt fürchten uns Deserteure,
Abweichler, weil wir ihre Absichten durchkreuzen.“ Ludwig Baumann stellt
fest: „Man kann nichts Besseres tun, als auch in Zukunft jeden Krieg zu
verraten!“ Er werde nicht müde zu rufen: „Lebt gewaltfrei! Lasst euch
nicht für Kriege missbrauchen und von den Medien täuschen.“
Der 1921 Geborene stellt fest: „Ich bin nun wohl der letzte
Deserteur. Lange dachte ich, mein Leben sei wertlos, ich sei wertlos.
Darum habe ich mich auch lange geweigert, über mein Leben zu schreiben.
Und auch, weil das Erinnern schmerzte. Das sehe ich nun anders. Ich
möchte dass mein Schicksal der Nachwelt erhalten bleibt.“
Menschen wie Ludwig Baumann haben Anerkennung und Hochachtung
verdient, für ihr Nein zum Krieg und ihr Ja zum Leben. Seinem Buch ist
zu wünschen, dass es viele lesen und dass es manchen, der Krieg immer
noch für notwendig und unabwendbar oder gar „gerecht“ hält, zum
Nachdenken bringt. Ich wünsche Ludwig Baumann, dem ich vor mehreren Jahren einmal
persönlich begegnet bin, dass sein Wunsch, niedergeschrieben am Ende des
Buches, in Erfüllung geht: „Nun, ich möchte noch so lange wie möglich
wach und tatkräftig bleiben.
Und dann in Würde sterben können.“
Ludwig Baumann:
Niemals gegen das Gewissen – Plädoyer des letzten Wehrmachtsdeserteurs
Verlag Herder
2014
128 Seiten, Kartoniert
ISBN 978-3-451-30984-7
12,99 Euro
Verlagsinformationen