Bitte beachten:

Mit deutsch- und volkstümelndem sowie rechtsextremem und faschistischem Gedankengut habe ich nichts am Hut und nichts zu tun!

Sonntag, 10. Mai 2015

Ein weiterer Tag in Treptow



Am 9. Mai dieses Jahres, dem 70. Jubiläum des Tages des Sieges über den Faschismus, war ich wieder wie schon im vergangenen Jahr beim sowjetischen Ehrenmal in Berlin-Treptow. Ich habe Blumen am Mahnmal „Mutter Heimat“ am Eingang der Anlage niedergelegt und mich zu den vielen Menschen an diesem Tag dort gesellt, die der Soldaten der Roten Armee gedachten, die im Kampf gegen den deutschen Faschismus ihr Leben lassen mussten. Und ich habe mit ihnen gefeiert, diesen Tag des Sieges.

Jene, die zu der Aktion „Blumen für den Frieden“ aufgerufen
hatten und die ich treffen wollte, fand ich am Mahnmal „Mutter Heimat“ leider nicht, obwohl ich pünktlich da war. Es waren einfach so viele Menschen dort, die Blumen niederlegten, sich auch dort trafen, an den Ständen informierten. Wir hatten uns auch nicht weiter verabredet, uns kein Erkennungszeichen verabredet. Aber so weit ich weiß, war die Gruppe da und legte Blumen auch zahlreicher Spender und Spenderinnen nieder.

So mischte ich mich mit einer guten Freundin unter die vielen Menschen verschiedener Generationen und verschiedener Herkunft. Als ich ankam, sammelte sich gerade der Zug des „Unsterblichen Regiments“, Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Bildern Gefallener und von Veteranen der Roten Armee, die gegen den Faschismus kämpften. Sie zogen zum großen Ehrenmal mit dem Soldaten mit dem Schwert und dem Fuß auf dem zerschlagenen Hakenkreuz und dem Kind auf dem Arm. Auch später waren immer wieder Familien mit Bildern von Gefallenen und Veteranen zu sehen, sicher Familienangehörigen, die sie mit sich trugen. Es hat mich wieder bewegt, unter ihnen zu seinen, unter den vielen, meist aus Russland, aber auch aus anderen ehemaligen Sowjetrepubliken, den zahlreichen Deutschen, die dieses Datum nicht vergessen hatten und wie ich Danke sagten für die Befreiung vom Faschismus und der vielen Opfer, die das kostete, gedachten.

Ein Veteran in einem Elektromobil wurde immer wieder angehalten, erhielt Glückwünsche zum Feiertag, wurde fotografiert und bekam Blumen, die mehr und mehr den Korb seines Mobils füllten. Immer wieder sprachen ihn junge Menschen an, unterhielten sich mit ihm und ließen sich stolz zusammen fotografieren.

Ich saß eine Weile an den Treppen zum großen Ehrenmal mit dem Soldaten, der das Kind auf dem Arm trägt und mit dem Schwert und dem Fuß auf dem zerschlagenen Hakenkreuz. Ich unterhielt mich einem anderen Berliner, und wir freuten uns, dass dieser Tag und das geschichtliche Ereignis noch lange nicht in Vergessenheit geraten scheint. Ich dachte nach, warum es sein musste, dass wir einen solchen Tag überhaupt begehen, warum all die Soldaten der Roten Armee, die in Treptow und anderswo begraben sind, ihr Leben geben mussten. Es waren oft junge Menschen, grad mal um die 20, die den Kampf gegen den Faschismus und den Sieg, teuer bezahlen mussten. Ich dachte auch daran, dass zu den Deutschen, die ihr Land überfallen hatten, um es zu vernichten, einer meiner beiden Großväter gehörte, den ich nie kennenlernen konnte. Er gilt seit Herbst 1944 als vermisst, irgendwo bei Kriwoj Rog, auf dem Gebiet der heutigen Ukraine. Ich weiß nicht, ob er freiwillig in diesen Krieg zog, oder er wie viele Angst vor den Folgen hatte, wenn er Nein dazu sagt. Ich weiß nur, dass dadurch meine Mutter ihren Vater nie bewusst erlebt hat. Als er sie das letzte Mal bei einem Heimaturlaub sah, war sie zu klein, um eine bewusste Erinnerung an ihn zu haben. Für sie war es deshalb später in der DDR schlimm, ihre Söhne in Uniform zu sehen. Sie konnte unter anderem deshalb nicht erkennen, dass ihre Söhne zumindest die einzige deutsche Uniform trugen, mit der kein anderes Land überfallen oder in anderen Weltgegenden Krieg geführt wurde, mit welcher Begründung auch immer. Und dass das ebenso ein Ergebnis des Sieges über den deutschen Faschismus war.

Am Fuß des Ehrenmals waren die Kränze der Botschaften verschiedener Länder, zumeist der ehemaligen Sowjetrepubliken, aufgereiht, ebenso der des französischen Botschafters und jener der Bundesregierung. Einen Kranz der US-Botschaft und der der Ukraine sah ich auch in diesem Jahr nicht. Dafür immer wieder sowjetische Fahnen neben den vielen russischen, die Kasachstans, polnische, und deutsche, ebenso die der Aufständischen in der Ostukraine.

Ich habe viel fotografiert an diesem Tag. Mein Lieblingsfoto ist jenes mit den junge Russen, einer davon mit einem Putin-T-Shirt, beide mit der russischen Flagge, gemeinsam mit einer Frau und anderen, die eine ukrainische Flagge hielten. Sie standen zusammen auf dem Hügel des Ehrenmals und riefen laut gemeinsam "Druschba" (Freundschaft). Ich fand und finde, das ist die beste Antwort auf den Krieg in der Ukraine, der nicht von Russland ausgelöst wurde und nicht geführt wird, sondern von jenen in Kiew, die sich auch auf Faschisten und ihre Kollaborateure berufen.

Ja, es hat mich wieder bewegt, dort zu sein. Es ging mir nahe, mich an den Grund für dieses Ehrenmal und diesen "Tag des Sieges" zu erinnern. Es hat mich auch bewegt, als plötzlich ein vielstimmiges lautes "URRRRRA!" am Fuß des Ehrenmals erscholl, aus den Kehlen vieler Menschen, jung, alt, männlich, weiblich, mit diesem typischen russischen gerollten R. Die Russen haben diesen Tag in Treptow zelebriert und gefeiert. In Russland sollen es insgesamt 20 Millionen Menschen gewesen sein, die an diesem Tag wie in Berlin feierten und trauerten, sangen und tanzten. Das zeigt, dass es kein erzwungenes Gedenken ist, dass dieser Krieg und seine Opfer dort zu Lande noch nicht vergessen ist, auch wegen des hohen Blutzolls der Völker der Sowjetunion. Ich habe mich wieder gefreut, unter ihnen zu sein. Auch über die Deutschen, die da waren. Ich habe auch einige der ach so gefürchteten Motorradfahrer aus Russland, der "Nachtwölfe", gesehen und mich darüber gefreut, dass sie in Berlin waren, samt Unterstützer aus Deutschland und anderen Ländern.

Bevor ich wieder nach Hause fuhr, blieb ich noch eine Weile bei dem Fest im Treptower Park, gleich neben dem Gelände des Ehrenmals, veranstaltet von der VVN-BdA Berlin unter dem Motto „Wer nicht feiert, hat schon verloren. Ich hörte dem russischen Frauenchor zu, trank ein russisches Bier und nahm mir vor, zu Hause in den "Kriegstagebüchern" von Konstantin Simonow weiterzulesen. Das tat ich dann später auch und fand unter anderem folgenden Eintrag aus dem Jahr 1941: „So will es das Volk, und es soll sein, wie es das Volk will. Doch die Deutschen lügen, ihr Volk will das nicht, und umgekehrt – wer es will, ist nicht Deutscher, er ist Faschist und nur Faschist …“ Am Ende schrieb Simonow, in den 1960er Jahren: „Wenn alles, was ich über die vier Jahre geschrieben habe, wenigstens einen gewissen Eindruck davon vermittelt hat, was der Krieg war, und einmal mehr dazu anregt, es zu keinem dritten Weltkrieg kommen zu lassen, so habe ich diesem Gefühl nichts hinzuzufügen. Wenn es mir aber nicht gelungen ist, das zu erreichen, dann hätte jedes Nachwort seinen Sinn verloren, und je länger, desto sinnloser wäre es.“ Manchmal beschleicht mich die Befürchtung, dass die Erinnerungen jener, die diesen massenmörderischen Krieg miterleben mussten, die ihn mit dem Leben bezahlten oder ihn überlebten, immer mehr verblassen …

Nachtrag: Ich war einen Tag später, am 10. Mai, bei der Demonstration unter dem Motto „70 Jahre Tag der Befreiung: Nein zu Krieg und Faschismus – für eine Politik der Verständigung und Konfliktlösung“. Es waren nicht viele Menschen dabei, vielleicht 500. Bei der Abschlusskundgebung zwischen dem Reichstag und dem Bundeskanzleramt sprach u.a. der Schauspieler Peter Sodann. Er zitierte aus der Rede von Bertolt Brecht auf dem Völkerkongress für den Frieden in Wien 1952: „Das Gedächtnis der Menschheit für erduldete Leiden ist erstaunlich kurz… Und doch wird nichts mich davon überzeugen, dass es aussichtslos ist, der Vernunft gegen ihre Feinde beizustehen. Lasst uns das tausendmal Gesagte immer wieder sagen, damit es nicht einmal zu wenig gesagt wurde! Lasst uns die Warnungen erneuern, und wenn sie schon wie Asche in unserem Mund sind! Denn der Menschheit drohen Kriege, gegen welche die vergangenen wie armselige Versuche sind, und sie werden kommen ohne jeden Zweifel, wenn denen, die sie in aller Öffentlichkeit vorbereiten, nicht die Hände zerschlagen werden.

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