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Dienstag, 26. Juni 2012

"Phantom" als Kriegsanlass?

Die abgeschossene "Phantom" wird als weiteres Mittel für die Kriegsstimmung benutzt
Bei den ersten Meldungen zu dem Abschuss der türkischen F-4 "Phantom" durch die syrische Luftabwehr dachte ich, dass es entweder eine türkische Provokation oder ein syrisches Versehen ist. Von Anfang an teile ich die Besorgnis vieler, dass das der Funke ist, der den syrischen Konflikt ausweitet und die vorbereitete Intervention auslöst.
Inzwischen neige ich wie auch andere der Variante Provokation durch die Türkei zu, besonders wenn ich nun lesen muss: "Kurz vor einer Krisensitzung der Nato schaltet Ankara den UN-Sicherheitsrat ein: Der Abschuss eines türkischen Kampfjets durch Syrien sei eine "feindliche Tat" und stelle eine "ernste Bedrohung für Frieden und Sicherheit in der Region" dar, heißt es in einem Schreiben an die Vereinten Nationen." (sueddeutsche.de, 26. Juni 2012) Es bleibt zu hoffen, dass das gilt: "'Wir werden weiterhin mit kühlem Kopf agieren', sagte auch ein Sprecher des Verteidigungsministeriums der Nachrichtenagentur dpa." Zwar gilt ein NATO-Einsatz als Antwort auf den Abschuss als "zu heikel". Aber auf jeden Fall wird der unerklärte Krieg des Westens und seiner Verbündeten gegen Syrien mit allen Mitteln unterhalb einer direkten Intervention weiter verschärft und die Schwelle für eine direkte Intervention weiter herunter gesetzt. Das bestätigte inzwischen der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan, in dem er erklärte, die Türkei werde auf jede weitere "Aggression durch Syrien" mit Gewalt reagieren. (SPIEGEL online, 26. Juni 2012)
Die Linie hat die Menschenrechtskriegerin Hillary Clinton vorgegeben: Der Abschuss der "Phantom" zeige erneut "die kaltschnäuzige Missachtung internationaler Normen, menschlichen Lebens und von Frieden und Sicherheit" durch die syrische Führung. (Tages-Anzeiger, 24. Juni 2012) Nebenbemerkung: Die US-Außenministerin ist sicher die Kompetenteste, um das so zu beurteilen, dient sie doch unter Nobel-Drohnenpräsident Barack Obama, der weitergeht als es sich sein Vorgänger George W. Bush traute.
Übrigens: Es wird ja wohl immer noch nach den Piloten der abgeschossenen "Phantom" gesucht, ob lebend oder tot. Da habe ich mich gefragt, ob es nicht inzwischen auch eine unbemannte Version des Kampfjets zur Zieldarstellung gibt. Also habe ich recherchiert und siehe da, es gibt sie als Ziel-Drohne ohne Besatzung, ferngesteuert:  "The QF-4 represents a full-size unmanned target drone version of the successful Cold War-era F-4 Phantom II aircraft." In einem Beitrag des Air & Space Magazins heißt es: "Since 1991,  254 Phantoms have served as unpiloted flying targets for missile and gun tests conducted near Tyndall Air Force Base in Florida and Holloman Air Force Base in New Mexico. The use of F-4 drones (designated QF-4s) is expected to continue until 2014." Das muss in dem Fall gar nichts miteinander zu tun haben, interessant ist es aber dennoch.
Zur drohenden Intervention war im Schweizer Tages-Anzeiger am 25. Juni 2012 von Politikwissenschaftler Johannes Varwick zu lesen: "Ich bin sicher, dass solche Pläne in Arbeit sind. Das ist schliesslich die Aufgabe von Generalstäben. Die Politik muss sich auch militärische Optionen offenhalten. Die Frage ist, wie konkret die Pläne schon sind. Was Syrien von Libyen unterscheidet, ist der hartnäckige russische Widerstand. Da sind die Bremsklötze viel grösser, der Preis für den Westen ungleich höher." Aber es geht auch ohne UNO, wird wieder mal erklärt, diesmal vom belgischen Außenminister, wie RIA Novosti am 26. Juni 2012 berichtet: "Der belgische Außenminister Didier Reynders schließt die Möglichkeit einer internationalen militärischen Einmischung in die Situation in Syrien auch ohne Uno-Vollmachten nicht aus."

Inzwischen behauptet die Türkei, Syrien habe auch ein Flugzeug angegriffen, das zur Rettung der Besatzung der abgeschossenen "Phantom im Einsatz war. Interessant die Steigerung bei dieser Meldung: Am 25. Juni hieß es bei SPIEGEL online "Ein türkisches Suchflugzeug wurde laut Diplomaten ebenfalls vom syrischen Radar erfasst - und musste seine Mission abbrechen." Dass ein fremdes Flugzeug vom Radar der Luftabwehr erstmal erfasst wird, ist normal, zumal in zugespitzten Situationen wie dieser. Die Frage ist, was dann weiter geschieht. Bei WELT online wurde am selben Tag aus dem Radar schon ein Angriff: "Zweites türkisches Flugzeug von Syrien angegriffen". Immerhin wurde in der Nachricht hinzugefügt: "Man habe die syrischen Stellen sofort darüber informiert, dass es sich um Rettungsflüge handelte, berichtete der Ministeriumssprecher in Ankara am Montag weiter. Die Syrer hätten ihre Angriffe daraufhin eingestellt."
Wahrscheinlich nach dem Prinzip der stillen Post machte dann das Luxemburger Tageblatt in seiner Online-Ausgabe ebenfalls am 25. Juni 2012 daraus in der Überschrift: "Zweites Flugzeug abgeschossen". Dann folgt im Prinzip die gleiche Nachricht wie bei WELT online.
Sowas kommt raus, wenn mediale Kriegshetzer es gar nicht mehr erwarten können, dass der Westen endlich mit geballter Feuerkraft den syrischen Präsidenten weg- und den Syrern endlich Demokratie und Freiheit herbeibombt. Und die Türkei möchte dabei am liebsten in der ersten Reihe dabei sein, wie es scheint. Ideologisch verblendet wie ich bin kann ich das gar nicht anders sehen. Solche medialen Fehltritte sind nicht zu entschuldigen. Sowas hat nichts mit Journalismus zu tun. Mit verantwortungsvoller Politik ebenso nicht. Aber das gilt von Anfang an für die Politik des Westens und seiner Verbündeten in Bezug auf den syrischen Konflikt.

Der Schweizer Tages-Anzeiger hat am 25. Juni 2012 einen interessanten Beitrag zum Thema veröffentlicht: "«The Aviationist» stellt auch Mutmassungen über die Mission des abgeschossenen Jets an. An ein Versehen, wie es die Türkei geltend macht, glaubt der Autor (ein früherer italienischer Luftwaffenoffizier) nicht. In Anbetracht der technischen Ausrüstung und der Tatsache, dass sie neben einem Kriegsgebiet unterwegs waren, dürfe man davon ausgehen, dass die beiden Piloten sich ihrer Lage bewusst waren.
Das Manöver – hohe Geschwindigkeit, tiefe Flughöhe, Nähe zum fremden Luftraum – lasse eher darauf schliessen, dass die Türken die Schlagkraft der syrischen Luftabwehr hätten testen wollen. In dieser Einschätzung beruft sich der Blog auf einen Nato-Piloten. Dass die türkische Luftwaffe solche Grenzerfahrungen suche, sei nichts neues, meinte der Nato-Pilot. Er habe dies vor Jahren auf dem Rücksitz eines türkischen Kampfjets erfahren dürfen."

Nachtrag vom 27. Juni 2012: Im US-Politikmagazin Foreign Policy hat Sicherheitsexperte Tom Rick interessante Gedanken zu der abgeschossenen "Phantom" veröffentlicht: "Mein erster Gedanke war, dass Syrien die türkische F-4 abschoss, weil die Türken die syrische Luftverteidigung testeten. Aber dann erinnerte ich mich, dass die US-Flugzeuge bei der Überwachung der Flugverbotszone im Nordirak von  Incirlik, Türkei, aus flogen, so dass sie die Nordgrenze Syriens jahrelang im Visier hatten. Wir müssen eine ganze Menge über syrischen Operationen gelernt haben, und teilen fast alles mit unseren türkischen Freunden, und anderen Mitglieder der NATO.
Was könnte also mehr dort zu lernen sein? Wahrscheinlich war es ein Versuch zu sehen, wieviel sich in der syrischen Verteidigung im letzten Jahr verschlechtert hat. Aber da wäre es doch besser, eine Drohne zu benutzen, nicht wahr? (Und wir sind sicher, dass ein Pilot in dieser F-4 war?)
Die Israelis wissen selbstverständlich auch viel über die syrische Abwehrkräfte. Unterdessen führen türkische Jets Luftangriffe im Nordirak durch. Interessante Nachbarschaft." (Übersetzung von mir)

Nachtrag vom 30. Juni 2012: Das Wall Street Journal berichtet, dass nach Angaben von US-Geheimdienstkreisen die türkische F-4 entgegen türkischer Behauptungen im syrischen Luftraum abgeschossen wurde.

Nachtrag vom 5. Juli 2012: "Die Piloten des abgeschossenen türkischen Kampfjets sind aus dem Meer geborgen worden." 

Nachtrag vom 10. Juli 2012: "Version vom Jet-Abschuss durch Syrien im internationalen Luftraum bröckelt - ... 'Es gibt kein Bild von einer Rakete', gab ein General zu. ... Der naheliegende Schluss: Der türkische Militärjet flog tief und langsam im syrischen Luftraum, als er von Artilleriegeschossen getroffen wurde. Das aber hatten die Syrer von Beginn an gesagt. ..."

Nachtrag vom 16. Juli 2012: "Am Freitag voriger Woche teilte der türkische Generalstab jedoch mit, dass sich die frühere Vermutung, dass das Flugzeug durch die syrische Luftabwehr abgeschossen wurde, nicht bestätigt habe." (RIA Novosti)
Hier noch der Hinweis auf eine entsprechende Meldung der türkischen Zeitung Hürriyet: "A Turkish jet was not downed by either anti-aircraft fire or a missile, separate army sources say as investigations into last month’s incident expand with new details".