Bitte beachten:

Mit deutsch- und volkstümelndem sowie rechtsextremem und faschistischem Gedankengut habe ich nichts am Hut und nichts zu tun!

Freitag, 9. Mai 2014

Ein Tag in Treptow

Es war der 9. Mai 2014, der "Tag des Sieges über den Faschismus"

Die Sonne schien, als ich am späten Nachmittag nach der Arbeit mich auf den Weg zum sowjetischen Ehrenmal in Berlin-Treptow machte. Ich hatte mir ein Georgsband an die Jacke gemacht, mit einer Friedenstaube, als Zeichen meiner Sympathie für die Befreier vom Faschismus und als Zeichen gegen die grassierende Russophobie hierzulande derzeit. In Treptow begegnete ich vielen Menschen, die entweder auf dem Rückweg oder wie ich auf dem Hinweg zum Ehrenmal waren. Dort angekommen sah ich viele Menschen, junge und ältere, Familien, viele, die aus Russland stammen, Chöre und Musiker, die russische und sowjetische Lieder sangen. Fast alle trugen ebenfalls das schwarz-orange Georgsband an ihren Jacken. Es war ein ständiges Kommen und Gehen trotz des späten Nachmittags, ein Fluß, der auch in den folgenden Stunden nicht abriß. Es hat mich bewegt, das zu sehen, dass viele Menschen diesen „Tag des Sieges über den Faschismus“ nicht vergessen haben, egal, wo sie herkommen.

Am Eingang zum Gelände um das Ehrenmal kam ich vorbei an dem Mahnmal für die Frauen und Mütter der Sowjetunion, die unter dem faschistischen Krieg zu leiden hatten. Ich musste daran denken, wie ich 28 Jahre zuvor am gleichen Tag schon einmal dort war, ich in einer deutschen Uniform, und wie ich damals zwei sowjetische Offiziere, die mir entgegenkamen, als Zeichen meiner Ehrung für die Befreier vom Faschismus militärisch grüßte. Ich hatte schon damals den Eindruck, dass die beiden Sowjetsoldaten etwas erstaunt waren, da so etwas selbst in der DDR unüblich war außerhalb der offiziellen Gedenkveranstaltungen. Ja, und auch vor dem Denkmal der knieenden Frau hob ich damals meine Hand an die Uniformmütze, um irgendetwas zu tun als Zeichen des Gedenkens und der Ehrung. Daran mußte ich 28 Jahre später denken, als ich wieder an diesem Denkmal vorbeikam und dann den Platz vor dem großen Ehrenmal betrat. Und es bewegt mich noch heute.


So wie mich das bewegt, was ich am 9. Mai 2014 in Treptow sah, all die Blumen zum Gedenken an die toten Soldaten, die im Krieg gegen den Faschismus fielen, die vielen Menschen verschiedener Generationen und verschiedener Herkunft. Es bewegt mich auch angesichts der aktuellen Feindschaft und Hetze gegenüber Russland und dem, was in der Ukraine geschieht. Auf einen Freund wartend saß ich eine Weile am Fuß des Ehrenmals, auf dem überlebensgroß ein sowjetischer Soldat ein deutsches Kind auf dem Arm hält. Ich sah, wie Menschen die Treppe hinaufstiegen, um Blumen abzulegen, wie Kinder das taten auf der Wiese am Fuß des Ehrenmals, wie ein Mensch, der äußerlich wie ein Bettler aussah, seine Mütze abnahm, bevor er die Treppe betrat und hinaufstieg, wie ernst er dabei wirkte und wie er seine Mütze erst wieder aufsetzte, nachdem er wieder herunterkam und das Ehrenmal verließ. Ich sah die jungen Frauen und die Paare, die Familien, hörte, wie eine russische Mutter ihrem Kind erklärte, was das Ehrenmal bedeutet. Immer wieder wurde fotografiert, auch die Kränze am Rand der Treppe, darunter einer der Stadt Smolensk. Bei den Gedenkblöcken mit den Kriegsszenen, die das Gelände begrenzen, saßen Gruppen, gemischt aus Jung und Alt, mit sowjetischen und russischen Fahnen, Lieder singend, darunter „Katjuscha“, dazu tanzend.

Der Freund, mit dem ich mich verabredet hatte, brachte Blumen mit, die wir dann zu den anderen legten. Wir stiegen die Treppe zum Ehrenmal hoch, sprachen mit Bekannten, die wir trafen, freuten uns gemeinsam, über das, was wir sahen. Oben stehend, schauten wir über das Gelände hin zu den beiden stilisierten gesenkten sowjetischen Fahnen mit den knieenden Soldaten am Eingang, den nicht nachlassenden Fluß an Menschen in beiden Richtungen beobachtend. Wir entdeckten die zahlreichen Kränze von Botschaften der ehemaligen Sowjetrepubliken, fanden den von der Ukraine nicht. Einer kam vom Militärattaché der französischen Botschaft, einer vom Brandenburger Ministerpräsident, auch einer vom Zentralrat der Juden, auf dem stand: "Zum Gedenken an die Befreier".

Wir gingen danach zu dem Fest im Treptower Park, dass der Berliner Verband der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) organisiert hatte. Auf dem Weg dorthin traf ich eine gute Freundin die von einem Erlebnis aus den 80er Jahren erzählte. Damals war sie das erste Mal beim sowjetischen Ehrenmal in Treptow. Es war ein verregneter Tag. Es waren nur wenig Leute unterwegs, erinnerte sie sich. Aber außer ihr war noch ein anderer Mensch am Ehrenmal: Ein US-amerikanischer Offizier in Uniform. Zwischen dem Gelände des Ehrenmals und dem Treptower Park sah ich auf dem Parkplatz, dass selbst jemand aus der Schweiz angereist war, mit einem VW-Bus, rechts die Fahne der Schweiz, links die Fahne der sowjetischen Luftlandetruppen.


Das Fest stand unter dem Motto „Solidarität statt Nationalismus“. Als wir dort ankamen spielte auf der Bühne vor dem Transparent „9 мая - День Победы - 9. Mai - Tag des Sieges“ die „Bolschewistische Kurkapelle“ das Lied von der „Roten Liebe“, sang Gilbert Becauds „Nathalie“ und brachte mit anderen Liedern die Menschen zum Tanzen. Neben der Bühne forderte ein Transparent der VVN-BdA auf russisch und deutsch: „Deutschland muss zahlen! Sofortige Entschädigung der ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen!“ Auf dem Gelände wieder diese Mischung von Menschen verschiedensten Alters, unterschiedlicher Herkunft. Wir tranken Wodka, diskutierten die Entwicklung in der Ukraine und die deutsche Medienhetze und freuten uns über das was wir sahen und erlebten. Der inzwischen einsetzende Regen störte niemand. In der S-Bahn auf dem Heimweg kam ich mit einer russischen Frau ins Gespräch, die erst dachte, ich käme auch aus Russland. Sie freute sich, dass ich das Georgsband an der Jacke trug, meinte, das sei sehr selten bei Deutschen, in diesem Land. Ich erklärte ihr, dass das für mich ein Zeichen der Solidarität an diesem Tag sei.


Die Gruppe «Суть времени» am Ehrenmal

Fotos: Hans Springstein