Bitte beachten:

Mit deutsch- und volkstümelndem sowie rechtsextremem und faschistischem Gedankengut habe ich nichts am Hut und nichts zu tun!

Dienstag, 1. Mai 2012

Fortgesetzter Mauerbau

Als jemand, der in einem eingemauerten Land groß wurde, frage ich, ob der ostdeutsche Mauerfall nötig war, damit anderswo neue Mauern hochgezogen werden können.
Der österreichische Standard meldete am 24. April 2012: "Israel will offenbar in der kommenden Woche mit dem Bau einer etwa zwei Kilometer langen Mauer an seiner Grenze zum Libanon beginnen. Wie der private israelische Fernsehsender Channel 10 am Montag berichtete, soll die zehn Meter hohe Mauer zwischen den Ortschaften Metulla auf israelischer und Kfar Kila auf libanesischer Seite dortige Armeestützpunkte besser voneinander trennen. Der Bau sei sowohl mit dem Libanon als auch mit den UNO-Friedenstruppen im Südlibanon (FINUL) abgesprochen worden.Die israelische Armee hatte den Bau der Mauer bereits im Jänner angekündigt. Damals gab sie an, die Anlage zum Schutz neu errichteter Gebäude in Metulla errichten zu wollen. Israel und der Libanon befinden sich offiziell im Kriegszustand. Vertreter der Armeen beider Länder treffen sich jedoch unter FINUL-Vermittlung regelmäßig zu Gesprächen über Probleme an der Grenze. Israel baut derzeit auch an seiner Grenze zu Ägypten eine riesige Sperranlage, um sich vor illegaler Einwanderung zu schützen."

Seit 1989 wurden so viele neue Grenzen gezogen und Mauern errichtet wie wahrscheinlich in dem Jahrhundert zuvor nicht. Was hat das alles mit Freiheit und Demokratie zu tun? Israel sei die einzig wahre Demokratie im Nahen Osten, ist immer wieder zu lesen. Muss sich deshalb das Land einmauern, um seine zarte, wehrlose, wenn auch schon 60 Jahre alte Demokratie zu schützen? Vor wem? Vor den Palästinensern, vor den Arabern, vor Islamisten, vor dem Iran oder einfach nur vor dem Wüstensand? Sollten Demokratie und Freiheit nicht nach außen wirken, ausstrahlen, so dass andere auch danach streben? Ich verstehe es ehrlich gesagt nicht recht ...

Um es zu verstehen, bin ich vor dem Schreiben dieser Worte an mein Bücherregal gegangen und habe wieder einmal eines meiner Lieblingsbücher hervorgeholt: "Keine Posaunen vor Jericho" von Israel Finkelstein und Neil A. Silberman. Die beiden beschreiben darin die archäologische Wahrheit über die Bibel. Das Buch hat mich fasziniert, weil es zeigt, dass der Traum von einem großen Israel nicht auf historischen Fakten basiert und es ein historisches Groß-Israel nie gab, nur das Nordreich Israel und Juda im bergigen Süden. Dem Buch zu Folge entstand der ideologische Traum von Groß-Israel, als das Nordreich Israel von den Assyrern erobert wurde und Juda in den südlichen Bergen überlebte. Es übernahm "schon bald die Rolle eines von Gott begünstigten jüngeren Bruders ..., um das verlorene Geburtsrecht an sich zu nehmen und Land und Bewohner Israels zu erlösen." (S. 246) "Erst als Juda allein der nichtisraelischen Welt gegenübersteht, braucht es einen Text, durch den es sich definiert und der es motivieren kann. Dieser Text ist der historische Kern der Bibel ... Von Jakobs Söhnen sollte Juda über alle anderen Stämme Israels herrschen (Genesis 49,8)." (S. 249)

In dem Buch lese ich auch weiter von Esra und Nehemia, die im 5. Jahrhundert vor Christus "klare Grenzen zwischend dem jüdischen Volk und seinen Nachbarn" ziehen. "Die große, während Josias Herrschaft zusammengewobene biblische Saga ... war eine glänzende, mit Leidenschaft geschriebene Komposition. Ihr Ziel war es zu erklären, warum Ereignisse in der Vergangenheit auf zukünftige Triumphe schließen ließen, ... die Gebietsansprüche der davidischen Dynastie zu untermauern." (S. 322 f.)

Womit ich wieder zum heutigen Mauerbau zurückkommen will. Ich bin und bleibe fasziniert, welche Folgen eine ideologische Schrift aus dem 6. Jahrhundert v. Chr., die damals ganz reale Ziele und die Mission Judas, der "Distel auf dem Libanon", sowie  seine Vorstellung der eigenen zentralen Stellung und die "seiner Überlegenheit über seine Nachbarn" (S. 333) religiös begründete, heute noch hat. Finkelstein und Silberman bezeichnen die hebräische Bibel als den "ersten, vollständig ausformulierten Nations- und Gesellschaftsvertrag der Welt" (S. 337). Sie bewundern im letzten Satz ihres Buches "das wahre Genie und die anhaltende Kraft dieser einmaligen, einflußreichsten literarischen und geistigen Schöpfung der Menschheitsgeschichte". Wenn sich diese Kraft im Mauerbau und Krieg, in Apartheid und Abgrenzung äußert, wenn dieses Genie Zerstörung statt Aufbau, Wohlstand, Demokratie, Freiheit, Menschenrechte und Sicherheit für alle Menschen auf diesem historischen Boden bringt, dann kann ich die Begeisterung der beiden Wissenschaftler nicht teilen. Daran erinnerten mich die aktuellen Meldungen über den fortgesetzten Mauerbau.