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Samstag, 12. Januar 2013

Wenn die Alawiten nicht wären ...

Freitag-Redakteur Lutz Herden hat in der Zweiwochenschrift Ossietzky die Legende, dass allein die Alawiten in Syrien herrschen, genährt.
In dem Beitrag "Wenn der Vorhang langsam fällt" in Ossietzky 2/2013 setzt sich der Autor mit der Tatsache auseinander, dass der immer wieder vorhergesagte Sturz des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad immer noch nicht erfolgt ist. Käme es dazu, so Herden, "wäre der alawitischen Staatsklasse das Rückgrat gebrochen und die Schlacht um Syrien entschieden". Beim Rückblick auf die Zeit des Machtantritts Assads im Jahr 2000 schreibt er, dass es bei den damals angekündigten Reformen nur darum gegangen sei, "Einheit und Handlungsvermögen der alawitischen Führungsclans zu bewahren". Des Präsidenten Reformwille sei "immer dann versandet, wenn der Machterhalt gefährdet und der Korpsgeist der alawitischen Elite nicht gebühren gewürdigt schien". Die treuen "Kader aus den Hochburgen der Alawiten bei Latakia und Tartus" hätten bisher verhindern können, dass der Wunsch der führenden westlichen Politiker und ihrer arabischen Verbündeten sowie der von ihnen unterstützten Islamisten nach einem Sturz Assads erfüllt wird.
Ich gestehe, dass ich etwas verwundert war, als ich diesen Text von Herden las, von jenem Freitag-Redakteur, dessen Beiträge meist differenzierend Hintergründe und Zusammenhänge beschreiben. Meinem Eindruck nach zeigte gerade er, dass es in Syrien um mehr als die Herrschaft einer Person und eines hinter dieser stehenden Clans geht und welchen Zielen es dient, wenn Assad als "Schlächter von Damaskus" dämonisiert wird. Habe ich mich nur geirrt und Herden bisher falsch verstanden?
Ich hätte schon erwartet, dass der Autor nicht so pauschal die Legende füttert, dass "die Alawiten" in Syrien herrschen und allein Assad an der Macht halten. Das war schon unter dem Präsidentenvater Hafez al-Assad nicht so: "Auch die Alawiten waren nicht kollektiv privilegiert, sie erhielten auch keine besondere wirtschaftliche Förderung. Allein die Loyalität zählte." Das schrieb u.a. Norbert Mattes in Heft 70 der Zeitschrift inamo. Ein weiteres Beispiel einer differenzierten Sicht lieferte die Website qantara.de am 22.11.2012 mit einem Beitrag über die "verzerrten Bilder" der Medien: "Brooke Anderson, die als Journalistin in Beirut arbeitet, sieht in dieser Überbetonung der Unterschiede zwischen Alawiten, Christen und Sunniten ein großes Problem. 'Ich verstehe, dass es manchmal notwendig ist, den religiösen und ethnischen Hintergrund der Menschen thematisch einzuordnen, jedoch nicht immer!', meint sie im Interview mit Qantara.de. 'Denn eine solche Berichterstattung erweckt den Anschein, als kämpften aufrichtige Sunniten gegen alawitische Bösewichte, während die Christen apathisch zusehen. Dies ist eine unangemessene Sicht auf jede dieser Gruppierungen.' Tatsächlich sind viele Alawiten gegen Assad, ebenso wie viele Sunniten ihn unterstützen."
Im Januar-Heft der Blätter für deutsche und internationale Politik hat Florian Bernhardt einen weiteren Beitrag für einen differenzierenden Blick auf die Alawiten und ihre Rolle in Syrien veröffentlicht. Er verweist u.a. auf den "vor allem bei Islamisten und Salafisten weit verbreiteten Hass speziell auf die alawitische Volksgruppe", deren Angehörige von islamistischen Hasspredigern schon mal angedroht werde, sie zu zerstückeln und "ihr Fleisch an die Hunde  verfüttern" zu wollen. Das habe ein jahrhundertealte Tradition, stellt Bernhardt fest, und schreibt: "Die islamistische Opposition Syriens ..., allen voran die Muslimbruderschaft, betrachtet die Alawiten grundsätzlich als Ungläubige."
Dass nach der Machtübernahme durch die Baath-Partei 1963 Schlüsselpositionen in Militär, Geheimdiensten und Siehrheitsapparat zunehmend mit alawitischen Offfizieren besetzt wurden, habe Islamisten und ausländischen Beobachter "zu dem Schluss verleitet, Syrien würde von einer alawitischen Minderheit regiert, die ... die Macht in ganz Syrien übernommen hätte." Doch der alleinige Blick auf ethnische, religiöse und konfessionelle Unterschiede übersehe u.a.: "Der säkular geprägte arabische Nationalismus der Baath-Partei besaß mit seinem Versprechen von Unabhängigkeit und Gleichheit für die Angehörigen der religiösen und konfessionellen Minderheiten – wie die der Alawiten – eine beträchtliche Attraktivität." Und: Auch seine, wenn auch vagen, sozialistischen Vorstellungen übten eine gewisse Anziehungskraft aus." Bernhardt macht auch auf die sozialen Grundlagen für die neue syrische Elite aufmerksam, die zumeist der ländlichen Mittelschicht entstammte. "Dass viele von ihnen Alawiten waren, ist auf die Situation der alawitischen Siedlungsgebiete zurückzuführen und auf die durch Armut, Analphabetentum, Unterdrückung und Ausbeutung geprägten Lebensverhältnisse ihrer Bewohner", die zum Teil bis heute von den Einwohnern der Städte mit Geringschätzung betrachtet würden.
Der Vater des jetzigen syrischen Präsidenten habe zwar Schlüsselpositionen mit Familienangehörigen und Vertretern seiner alawitisch geprägten Heimatregion besetzt. Dennoch blieben "die wichtigsten Karrierevoraussetzungen ideologische Linientreue und politische Loyalität – und nicht die konfessionelle Zugehörigkeit". Trotz oder gerade deshalb haben Bernhardt zufolge vor allem die islamistischen Oppositionskräfte schon ab Mitte der 60er Jahre die antialawitischen Ressentiments mobilisiert. "Bei jeder sich bietenden Gelegenheit unterstrichen sie die Zugehörigkeit des Präsidenten und anderer wichtiger Stützen des Regimes zur 'ketzerischen Minderheit der Alawiten'." Dabei vermischen laut Bernhardt insbesondere die Muslimbrüder "historische Fakten und religiös-politische Verschwörungstheorien, die in vieler Hinsicht an antisemitische Stereotype erinnern". Die Entwicklung seit 1963 und die alawitische Dominanz in den Schlüsselpositionend des syrischen Staates würden "als Resultat einer finsteren alawitischen Verschwörung interpretiert – und nicht als das Ergebnis der gesellschaftlichen und politischen Entwicklung Syriens". Der Autor macht auf "eine äußerst bedrohliche Perspektive" für die alawitische und andere Minderheiten in Syrien aufmerksam, da die islamistischen Kräfte, die mit arabischer und westlicher Unterstützung gegen Assad kämpfen, "in ihrer Einstellung gegenüber der alawitischen Minderheit noch weit radikaler und kompromissloser als die im Exil sitzenden Muslimbrüder" seien.
Der Text von Bernhardt ist deutlich differenzierter als das, was Herden in seinem Beitrag in Ossietzky schreibt, zum Beispiel wenn er dort behauptet, die Zugehörigkeit und das Bekenntnis zum Korpsgeist der alawitischen Elite sei die einzige Wurzel für Baschar al-Assads Präsidentschaft. Damit bleibt er auch hinter manchem zurück, was er im Freitag selbst schon zu Syrien geschrieben hat. Ich bin gespannt darauf, was er weiter zum Thema äußert.