Bitte beachten:

Mit deutsch- und volkstümelndem sowie rechtsextremem und faschistischem Gedankengut habe ich nichts am Hut und nichts zu tun!

Freitag, 24. Februar 2012

Fundstück Nr. 8 zum Thema Krieg

"Es hat nie einen gerechten, nie einen ehrenhaften Krieg gegeben – seitens des Anstifters. ... diese Regel wird in keinem halben Dutzend Fällen umgestoßen werden. Die lärmende kleine Handvoll wird – wie üblich – nach Krieg schreien. Die Kanzel ist – behutsam und vorsichtig – zunächst dagegen; die große, breite, stumpfsinnige Masse des Volkes reibt sich verschlafen die Augen und versucht herauszukriegen, warum es Krieg geben soll, und erklärt ernst und empört: 'Das ist ungerecht und unehrenhaft, und es besteht keine Notwendigkeit dazu.' Da schreit die Handvoll lauter. Einige wenige gerechte Männer auf der anderen Seite treten in Wort und Schrift mit vernünftigen Argumenten gegen den Krieg auf, und anfangs hört man sie an und spendet ihnen Beifall; aber das hält nicht lange an; jene anderen überschreien sie, und bald schmelzen die Massen der Kriegsgegner zusammen und werden unbeliebt. Nicht lange, und du siehst folgendes sonderbare Bild: Die Redner werden mit Steinwürfen von der Tribüne gejagt, und die freie Rede wird von Horden wütender Leute abgewürgt, die im tiefsten Herzen – wie bisher – mit diesen gesteinigten Rednern noch immer einer Meinung sind, es aber nicht auszusprechen wagen. Und jetzt nimmt die ganze Nation – die Kanzel wie alle anderen – den Ruf nach Krieg auf und brüllt sich heiser und schlägt jeden ehrlichen Mann zusammen, der den Mund aufzumachen wagt; und bald tut sich kein solcher Mund mehr auf. Als nächstes denken sich die Statsmänner billige Lügen aus, mit denen sie die Schuld dem angegriffenen Volk zuschieben, und jedermann ist froh über diese Verdrehungen, die das Gewissen beschwichtigen, und studiert sie fleißig und weigert sich, auch nur zu prüfen, was sie widerlegen könnte; und so redet man sich nach und nach selber ein, der Krieg sei gerecht, und dankt Gott für den ruhigeren Schlaf, dessen man sich nach diesem Vorgang grotesker Selbsttäuschung erfreut."

Mark Twain in "Der geheimnisvolle Fremde" (deutsch von Ana Maria Brock), in: Mark Twain "Der Prinz und der Bettelknabe/Der geheimnisvolle Fremde" Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1984; S. 337